dossier Gefallen für unseren FriedenSeite 6/6

Sein blauer Helm und seine Weste leuchteten im Elefantengras

Der Major geht kurz aus dem Raum, der kalt ist wie ein Kühlschrank. Mohamad Abdul wischt sich mit der Hand über die Stirn. Er sagt, er und die anderen zehn Überlebenden seien nach ihrer Rückkehr aus dem Kongo nicht wie üblich in Urlaub geschickt worden. Sie würden in der Kaserne festgehalten. Die Armee werfe ihnen Feigheit vor. Sind ihr tote Helden lieber als lebende Soldaten? Mohamad Abdul, Bauernsohn, 28 Jahre alt, hat keine Angst vor dem Tod. Er hat nur Angst, die Armee könnte ihn entlassen.

Zahirul stand aufrecht, das Maschinengewehr in Händen, so muss es gewesen sein, chinesisches Modell mit hölzernen Griffen, gut geölt, 7,4 Kilo schwer. Er sah die Milizen kommen, hörte die Trillerpfeifen, mit denen sie Kommandos gaben. Er hatte wohl die Knie leicht angewinkelt, um den Rückstoß abzufedern, 500 Schuss Munition in fünf schweren Rollen, Kaliber 7,62, acht Schüsse die Sekunde, Reichweite 2,3 Kilometer. Er feuerte. Milizionäre fielen. Das Gewehr tanzte, die Mündung sprang hin und her wie der Kopf eines zornigen Tiers. Zahiruls Helm und Weste leuchteten – der Lorbeerkranz, die Weltkugel, das schöne lichte Blau, die vergebliche Botschaft der Hoffnung. Vielleicht dachte er an seine Frau. Witwen heiraten nicht in Bangladesch, so will es die Sitte. Sie bleiben allein.

Als der Helikopter eintraf, fand er neun Leichen, darunter den Captain, Belal, Sohrab, Zahirul. Einige Soldaten hatten offenbar noch gelebt, als die Milizen sie überrannten. Die Körper waren übersät mit Machetenhieben, der Offizier und der Unteroffizier verstümmelt.

Zahirul hatte mehrere Schusswunden. Seine Waffe war fort, der Helm, die Weste, der Rucksack. Die beiden blauen Taschen waren im Zelt zurückgeblieben, die Seife, der Rasierschaum, die Deostifte, das Glas mit den Medikamenten, voller Tabletten und Zäpfchen, sie füllten es bis zum Rand. Zahirul musste nichts mehr tragen. Die Milizen hatten ihm alles genommen, sogar die Uniform. Er war nackt.

 
Leser-Kommentare
  1. Der Artikel ist natürlich bewegend geschrieben. Ich frage mich aber, warum dieser personalisierte Erzählstil -Reportagestil- mittlerweile von allen gängigen Magazinen und Zeitungen für notwendig erachtet wird?
    Man könnte ja die gleichen Fakten auch ohne die emotionale Verpackung präsentieren.
    Vielleicht stehe ich mit dieser Meinung alleine, aber ich möchte von den wenigen Qualitätsmedien weniger unterhalten oder emotionalisiert werden als vielmehr Hintergründe recherchiert zu wissen und mich möglichst neutral zu informieren.

    Das ZEIT-Dossier bewegt sich meiner -unregelmäßigen- Perzeption nach immer weiter weg von der Information hin zum Infotainment, inhaltlich wie sprachlich. Um die 100 Wünsche um den -zigsten zu ergänzen: Ich würde mir wieder mehr Information und weniger "human touch"-Geschichten wünschen.

  2. 2. ..

    Mir ging es nicht darum, die Themenwahl zu kritisieren, sondern die Aufbereitung. Die personalisierende Erzählweise birgt für mich die Gefahr, eine unterschwellig einseitige Konfliktwahrnehmung zu erzeugen: Die kongolesischen Milizen als "die Bösen", aber kaum Informationen über das, was sie antreibt (morden da 10.000 MIlizionäre nur aus Spaß am Töten?) - und wieso ist Zahirul Islam eigentlich gefallen für "meinen" Frieden?
    Ich würde gerne mehr über die Hintergründe und Schwierigkeiten dieser UN-Mission und die verworrene Lage im Kongo erfahren und weniger über das scharf gewürzte Essen an Bord des Militärflugzeugs und die Mücken auf dem Weg zur Dusche, das ist alles. Denn wie der Autor selbst schreibt - für Zahirul war die Lage im Kongo schwer zu verstehen. Für mich nicht minder.

    • MCVFFO
    • 03.01.2006 um 21:00 Uhr

    Mehrere Millionen Menschen sind für den Frieden gefallen! Vergessen wir diese Menschen nie! Viele Nationen in natioanlen Befreiungskämpfen!

    Noch mehr sind für die Interessen des raffgierigen Kapitals umgekommen.

    Ich war 20 Jahre Soldat in einer Armee, die nicht einen Krieg geführt hat. Diese Armee war zum Schutz der Arbeiter und Bauern da. Als die Arbeiter und Bauern diese nicht mehr wollte, gaben die Soldaten die Waffen den ehemaligen Feinden. Kampflos nach über 40 Jahren Frieden in Deutschland! Darauf bin ich stolz. Da habe ich Anteil dran!

    2001 wollte ich wie Zahirul Geld verdienen beim UN -Minenräumen in Cambodia!
    Ich lebe noch und bin unversehrt!
    Grund: Ich verließ nach 5 (fünf) Tagen Cambodia. Die Lage war wie im Kongo. Es gab in den durch die US-Invasoren verminten Gebieten noch die "Roten Khmer", die es eigentlich seit 1998 nicht mehr geben sollte. Ich sah nur "Rote Khmer" mit Waffen um mich. Die schoben mit Rauschgift und sollen immer ohne Ansehen der Person handeln, wenn man nichts mitnimmt! Von Minen zerrissene Beine - also keine Beine - bei Cambodianern wohin das Auge blickte. Amerikaner sah ich keine, auch nicht beim Minenräumen.
    Ich nahm den nächsten Flieger nach Hause! Feigheit? Nein, ich bin zwar Spezialist, aber auch Realist!
    Danke für den Artikel!
    Ich möchte, das noch mehr Menschen Herr über ihr Gehirn sind!

  3. Auf diesen Satz habe ich sehr lange gestarrt.

    Dank an den Author.

    • MCVFFO
    • 03.01.2006 um 21:05 Uhr

    Zu: Durchwachsen LJenssen

    Wer dem Kriegstod in die Augen sehen konnte und noch lebt, der wünscht sich alles, damit andere es nicht auch tun müssen. Egal wie es journalistische angestellt wird, es muss beim Menschen etwas hängen bleiben, damit der Kopf das Richtige findet.

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  • Quelle (c) DIE ZEIT 29.12.2005 Nr.1
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