dossier

Gefallen für unseren Frieden

Eines Tages zog Zahirul Islam aus Bangladesch in den Krieg. Als Blauhelmsoldat der UN im Kongo wollte er gutes Geld verdienen. Zu spät merkte er, dass man ihn verheizte

Als der Gefreite Zahirul Islam die Taschen packte, standen neben ihm seine Frau und sein Sohn. Seine Frau reichte ihm zehn Seifenstücke der Marke Imperial, im Dorf gekauft in einer Wellblechhütte. Reichte ihm mehrere Tuben Kool Shaving Foam, Deostifte der Marke Do it!, Talkumpuder von Pond’s. Reichte ihm das Nescafé-Glas mit den Medikamenten, sie hatte es in ihrer Sorge randvoll gestopft. Kein gesunder Mann braucht so viele Tabletten und Zäpfchen, nicht einmal in einem Jahr, aber seine Frau hätte Zahirul gern noch mehr mitgegeben, ihre Liebe, ihren Schutz. Es war unmöglich, die blaue Tasche war voll.


          Während seiner Recherchen führte Jörg Burger mit Kamera und Stift

Während seiner Recherchen führte Jörg Burger mit Kamera und Stift

Sie traten vor die Tür des sandfarbenen Hauses aus Lehm, die Erde war aufgeweicht vom Monsunregen, er drohte das Haus wegzuspülen zwischen den Eukalyptusbäumen – Zahiruls Familie, seine Eltern, die sechs Geschwister, das Dorf im Norden Bangladeschs und seine 1000 Menschen. Zahirul hatte für sich und seine Frau ein neues Haus gebaut, eines aus Stein, wie es reiche Leute tun, näher am Dorfplatz, auf dem die Kühe grasen. Das Haus war aber nicht rechtzeitig fertig geworden.

»Betet für mich«, sagte er zu Vater und Mutter, dem älteren Bruder, den fünf Schwestern. Zu seiner Frau und seinem Sohn sagte er: »Betet für mich, dann wird mir nichts geschehen.« – »Er hatte keine Angst«, sagt heute sein Bruder.

Der Sohn, sechs Jahre alt, will Kampfpilot werden, den Vater rächen

Es war der 12. August 2004, ein Donnerstag, Zahirul fuhr zurück in die Kaserne. Er holte zwei Uniformen aus dem Spind, eine Jacke, zwei Hemden, hellblau und dunkelblau, vier Unterhemden in Tarnstoff, zwei Polohemden, weiß, einen Trainingsanzug, hellblau, eine kurze Hose, vier Paar Frotteesocken, sechs Taschentücher, drei Baseballmützen, zwei Barette, das zweite Stiefelpaar. Er nahm vier Lungis, bunte Wickelröcke, die in seiner Heimat auch Männer tragen, dazu den Rucksack, zwei Bettbezüge, Wolldecke, Blechtasse, zwei Plastikteller, Besteck, Moskitonetz, Taschenlampe, Reinigungsbürste. Er stopfte alles in die größere der beiden Taschen, tat den Gebetsteppich hinzu, die Gebetsmütze, den Schlafsack, den Regenmantel, das Survival-Kit mit Messer und Angelschnur und Tabletten, die man ins Wasser tut, um Keime zu töten – für den Fall, dass er im Dschungel verloren ging. Er dachte auch an das Erste-Hilfe-Set und vergaß nicht das Passfoto seiner Mutter.

Zahirul trug schwer, als er zum Flughafen von Dhaka fuhr, bereits im Kampfanzug. Gefreiter Zahirul Islam, 31 Jahre alt, Dienstnummer 4009330 der Armee von Bangladesch. Er schleppte klaglos, wie alle 450 Soldaten des 5. Infanterieregiments auf dem Weg in die Demokratische Republik Kongo, Ablösung für bereits dort stationierte Truppen. Von morgen an war Zahirul UN-Soldat. Er würde seinen Teil des Weltfriedens tragen – für Deutschland, die USA, für jene reichen Länder unter den 191 Mitgliedern der Vereinten Nationen, die es ablehnen, das Leben ihrer Söhne in Afrika zu riskieren. Die vor allem Geld geben, sich freikaufen von der moralischen Verpflichtung. Seit Ende der achtziger Jahre waren junge Männer aus Bangladesch unter der Flagge der Vereinten Nationen in 30 Länder ausgerückt. Nun standen sie im Kongo, in Sierra Leone, Liberia, an der Elfenbeinküste, in Äthiopien, im Sudan. Sie trugen schwer an dieser Aufgabe, wie Zahirul.

Es war seine erste Auslandsreise, und sie führte ihn an einen Ort außerhalb seiner Vorstellungskraft. Auch die Aussicht, ein Jahr lang nicht nach Hause zu kommen, erhöhte das Gewicht seiner Taschen. Nur Stolz linderte die Last. Alle Ausrüstungsgegenstände mit UN-Aufdruck – die Polohemden, die Bettwäsche, den Trainingsanzug – hatte er selbst bezahlt.

»Er ging für Bangladesch«, sagt sein Vater.

Die Familie sitzt vor dem Haus aus Lehm, Zahirul ist seit mehr als einem Jahr fort. Die Wände des Hauses, das Dach, alles scheint der Erde entwachsen, dem Boden, der den Reis großzügig nährt und den Bauern nur das Nötigste gibt. Jeder Zweite ist ohne Arbeit in dem kleinen Land am Golf von Bengalen, kann nicht lesen, schreiben. Zahiruls Familie gehört nicht zu den Ärmsten, zur Reisernte stellt sie ein Dutzend Tagelöhner ein. Der jüngste Sohn wollte trotzdem weg aus dem Dorf Mashimpur Chalunga, die schlammigen Wege hinter sich lassen, die Hütten aus Lehm. Mit 19 kehrte er dem Dorf den Rücken, er wurde Berufssoldat. Seine Eltern sagten ja ohne Bedenken. Zahirul lebte in Kasernen, tat Dienst bei immer neuen Regimentern. Nach Hause kam er nur alle paar Monate, auch als er später verheiratet war.

Sein Bruder Hamidur sitzt auf einem wackligen Holzstuhl, in Hemd, Anzughose, mit polierten Schuhen. Er ist der Einzige, der lächelt. Wenn er den Mund öffnet, dann, um Gutes zu sagen. Zahiruls Schicksal hat Größe, Bedeutung. Der Bruder ist zwölf Jahre älter, klein gewachsen, zu klein für die Armee. Er arbeitet bei einer Versicherung. Die Mutter blickt düster und schweigt.

Die Frau, die der jüngste Sohn liebte, heißt Samsunnahar. Sie ist schmal, kindlich, 26 Jahre alt. Ihre Name bedeutet »Sonnentag«. Zahiruls bester Freund arrangierte die Ehe, sie sprachen kein Wort vor der Hochzeit, da war er schon sieben Jahre Soldat. Samsunnahar hat die Augen niedergeschlagen, auf dem Schoß sitzt der Sohn. Ihr Kleid ist lang und braun. Kopf und Brust sind mit einem weißen Tuch umschnürt. Sie trägt ein Foto bei sich, aufgenommen kurz vor dem Abschied. Sie hat es in Kunststoff schweißen lassen: Zahirul im weißen Hemd, neben ihr. Er hatte sanfte Augen, einen ernsten Mund. Seine Brauen sind zweifelnd hochgezogen. Sie blickt vorwurfsvoll, er melancholisch, als wäre er in Gedanken schon fort.

Der Sohn, sechs Jahre alt, will Kampfpilot werden, Vater rächen. »Er wird Arzt«, sagt die Mutter.

Das Flugzeug der Linie Orient Thai, in das Zahirul stieg, flog nach Bangkok, das Essen war scharf gewürzt. Das nächste Flugzeug blieb lange in der Luft. Das dritte, ein UN-Transporter, sank nieder in einer Stadt voller Straßenkinder und verrotteter Kolonialgebäude. Zahirul und die anderen 33 Soldaten seiner Einheit bezogen in einer Kaserne Quartier. Zahirul bekam noch mehr zu tragen: eine schusssichere Weste, zwölf Kilogramm. Einen Helm, zwei Kilogramm. Eine AK 47, chinesische Maschinenpistole mit ausklappbarem Bajonett, vier Kilogramm, dazu 120 Schuss Munition, zwei Handgranaten. Er war in Kinshasa, der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo, wo seit zwei Jahren offiziell Frieden herrschte.

Kein Land schickt der UN so viele Soldaten wie Bangladesch

Zahirul litt an Heimweh, wie all seine Kameraden. Nie hatte er sich mit Ausländern unterhalten. Er studierte das dünne Buch, das Ausbilder ihm gegeben hatten, 20 Seiten mit Sätzen auf Französisch, Englisch, Suaheli: Wie ist Ihr Name? Wohin gehen Sie? Hände hoch!

Nach zehn Jahren in der Dorfschule, einer Baracke ohne Fensterscheiben und Strom, und zwei Jahren an einer Wirtschaftsschule konnte Zahirul keine Fremdsprache, nur Bengali. Er hatte studieren wollen, als Erster der Familie, aber sein Englisch war zu schlecht. Er schummelte bei der Abschlussprüfung. Der Lehrer erwischte ihn, ließ ihn zur Strafe aufstehen. Zahirul stand zehn Minuten. Die Uhr tickte, die Prüfung ging weiter. Hinterher kriegte er nichts mehr hin. Sein Englisch war schuld, dass er durchfiel und zur Armee ging. Sein Englisch war schuld, dass es ihn nach Kinshasa verschlug an jenem Augusttag 2004, sein Englisch war schuld, dass er als einer von 8019 Soldaten Bangladeschs zu globaler Mission auszog. Doch es war nicht schuld allein.

In einem New Yorker Büro hoch über dem East River sitzt der Mann, der die Last von Friedenseinsätzen auf die Schultern von Soldaten legt. Ein Lächeln ist in sein hageres Gesicht gepresst, unnachgiebig wie eine Bügelfalte. General Randhir Kumar Mehta hat 37 Jahre in der indischen Armee gedient, für die UN focht er in Sierra Leone. Im Frühjahr 2005 stieg er auf den Gipfel seiner Karriere, weißhaarig. Er zog in den 36. Stock des UN-Gebäudes in Manhattan, Abteilung für Friedensmissionen, als Military Adviser. Unter ihm die Lichter der Stadt, über ihm der Generalsekretär.

»Zahirul Islam?« General Randhir Kumar Metha nickt. Seine Arme liegen fest auf dem cremeweißen Leder seines Sessels. Vielleicht hat er den Namen tatsächlich schon einmal gehört.

Auf dem Schreibtisch aus dunklem Holz ruht ein Telefon, der Apparat ist weiß, der Griff kantig und leicht. Nach ihm greift Mehta, um Soldaten zu ordern, auf Anweisung des Sicherheitsrates. Er ruft die UN-Botschafter der Mitgliedsstaaten an, stellt eine Verbindung her zu fremder Leute Leben, die Befehlen gehorchen wie Zahirul. Keine Nummer wählt er häufiger als die der Bangladescher. Ihr Büro liegt in der 45. Straße, ein paar Blocks entfernt. Kein Land schickt der UN so viele Soldaten.

Mehtas Lächeln wird breiter. Gerade waren Offiziere der Fidschi-Inseln in seinem Büro, boten Truppen an. Vor kurzem hat Burkina Faso angefragt, die Türkei, auch Vietnam drängt, viele aufstrebende Staaten wollen Blauhelme schicken. China ist neuerdings in Afrika vertreten, die Philippinen helfen in Haiti aus. »Eine Frage des Prestiges«, sagt Mehta, »des nationalen Willens, etwas für den Frieden zu tun.« Er redet langsam, präzise. Er lässt die Wörter marschieren.

Noch Anfang der neunziger Jahre stellten westliche Armeen den Großteil der Blauhelmtruppen. Sie verzweifelten an Bosnien, Somalia, Ruanda. Seitdem wagen sich praktisch nur noch Soldaten der ärmsten Länder an die abgelegenen Brandherde der Welt – neben Bangladesch vor allem Pakistan, Indien, Nepal, Äthiopien, Ghana, Nigeria. Die gut gerüsteten Armeen Europas treten der UN höchstens je ein paar Hundertschaften ab. Für die USA ist es sogar offizielle Doktrin, sich nicht an derlei Einsätzen zu beteiligen. Die Bundeswehr, in Afghanistan und Bosnien gebunden, gewährt der Weltgemeinschaft in Afrika genau acht Soldaten. Auf den Fluren des Hochhauses am East River schimpfen manche auf diese »Klassengesellschaft«.

General Mehta sagt: »Die Europäer und Amerikaner haben wegen anderweitiger Verpflichtungen nur begrenzte Kapazitäten.« Was er nicht sagt, ist, dass die Globalisierung neben Geld und Waren nun auch die Risiken bewaffneter Konflikte neu und ungerecht verteilt.

Zahirul setzte den schweren Helm auf, zog die Weste an. Er heftete ein neues Namensschild an das Klettband der Jacke, sein Name in lateinischer Schrift. Der Helm, die Weste leuchteten himmelblau. Auch das Emblem darauf leuchtete, ein Lorbeerzweig, um einen Globus geschlungen. Zahirul ging auf Patrouille in Kinshasa. Die Stadt war ruhig. Für ein paar Tage schien es, als sei seine Aufgabe lediglich, der Welt das Emblem mit dem Lorbeerzweig zu zeigen, diese Botschaft der Hoffnung. In der Kaserne genoss Zahirul zum letzten Mal den Luxus einer Klimaanlage. Die Feldbetten waren hart, ohne Matratzen. Zahirul dachte an seinen Sold, 750 Dollar im Monat. Zu Hause hatte er nur 100; viele seiner Landsleute leben von weniger als einem Dollar am Tag.

Zahirul dachte an sein Haus am Dorfplatz, das noch nicht fertig war. Vielleicht würde er darin einen Laden eröffnen und Düngemittel verkaufen, wenn er aus der Armee entlassen würde, frühestens 2006. Er dachte an seine Frau. Sie lebte nun allein in dem Zimmer im Erdgeschoss. Es gab darin zwei Schränke, einen Tisch, ein Bett. Boden und Wände waren aus Lehm, die Decke mit Bambus verstärkt. Die Fenster waren vergittert, als könnten auch hier jederzeit Mörder kommen.

Seine Ausbilder hatten ihm Dias mit grausamen Szenen gezeigt

Das Bett war viel zu groß für Samsunnahar, zu viel Raum für ihre Ängste. Nachts versperrte sie die Tür mit einem Hängeschloss. Tags half sie in der Küche unter dem Wellblechdach im Hof, stellte Töpfe auf die Feuerlöcher im vom Regen aufgeweichten Boden, in dem alles zu versinken schien. Sie hegte den Ziergarten hinter dem Haus. Zahirul hatte ihn angelegt und sorgfältig umzäunt mit gespitzten Bambusstöcken: Guaven- und Granatapfelbäume, Blumen. Sogar Rosen hatte er gepflanzt und Weintrauben.

Am 9. September, einen Monat nach Zahiruls Ankunft, rückte die Einheit aus Kinshasa ab. Der Flug dauerte lange, so lange wie eine Busreise durch Bangladesch mit seinen schmalen, ewig verstopften Straßen. Das Flugzeug landete auf einer zerschossenen Piste. Zahirul hievte sein Gepäck auf einen Lastwagen. Der Konvoi rollte in eine Stadt, begleitet von Schützenpanzern. Nur wenige Läden waren geöffnet. Menschen liefen auf der Straße, ärmlich gekleidet. Kinder winkten, riefen: Bangladesh, good friends! Auf den Panzern die Flagge Bangladeschs, ein roter Kreis auf grünem Grund, die Farbe des im eigenen Unabhängigkeitskampf vergossenen Blutes, die Farbe der Felder. Über den zerschossenen Häusern der Geruch von Hass und Zerstörung.

In Bunia hatte der Krieg, der 1996 begann und nie richtig endete, am längsten gewütet. Mindestens 60000 Menschen waren in der Provinz Ituri gestorben, im ganzen Land drei Millionen, durch Massaker, Malaria, Typhus, Hunger. In die Kämpfe waren auch Soldaten aus Ruanda, Uganda, Angola, Namibia und Simbabwe verwickelt, unterstützt von lokalen Milizen. Wer gegen wen kämpfte und warum, war für Zahirul schwer zu verstehen. Die einen unterstützten den Präsidenten Laurent Kabila, die anderen wollten ihn stürzen. Es ging auch um Bodenschätze, Diamanten. Erst Kabilas Sohn Joseph war es gelungen, Frieden zu schließen und mit den wichtigsten Bürgerkriegsparteien eine Regierung zu bilden. Als letzte ausländische Armee rückten die Ugander ab. Das war 2003, ein Jahr vor Zahiruls Ankunft.

Dann waren nur noch die UN da, hilflos, überfordert. Seit 1999 hielt sie dem Kriegstreiben mit ein paar hundert Soldaten stand. In der Gegend um Bunia begann das Morden erneut. Die UN forderten eine europäische Eingreiftruppe an, sie blieb drei Monate. Dann trafen mehr Blauhelme ein, als Erstes Bangladescher. Sie nannten die Täler um Bunia den »Kessel des Teufels«, wegen der Grausamkeiten verfeindeter Volksgruppen, die größten von ihnen hießen Hema und Lendu. Die Ausbilder daheim hatten Zahirul Dias gezeigt, auf denen Schwarze abgeschnittene Köpfe in die Kamera hielten und lächelten.

Auf diesen Fotos herrscht der Schrecken, dem Zahirul im Dickicht des Dschungels begegnen sollte. Neun Bangladescher würden ihr Leben verlieren. Auch der Gefreite Mohamad Abdul hat den Schrecken gesehen.

»Reden Sie«, sagt der Major, der Mohamad Abdul im Hauptquartier der Armee in Dhaka gegenübersitzt. Die Armee hat eine Untersuchung eingeleitet zum Tod ihrer Soldaten. Der Raum ist fensterlos, hinter Glas die Berichte aller UN-Einsätze, rot gebunden. An der Wand ein Poster mit Flaggen sämtlicher UN-Staaten. Auf dem Bord ein Globus, made in USA.

Mohamad Abdul kam aus dem Kongo im September 2005 zurück, ohne seinen Freund Zahirul, seine Augen sind gezeichnet von tiefen Schatten. Er würde am liebsten schweigen, nichts hinzufügen zum Surren der Ventilatoren, dem Gehupe draußen. Die Hauptstadt Dhaka ist Lärm, Chaos. Ein ganzes Viertel gehört der Armee, nur dort ist etwas Ruhe, Ordnung, Zukunft für 140000 Mann unter Waffen.

»Es geht mir gut«, sagte er. Sie wagte nicht zu fragen, wo der Kongo liegt

»Reden Sie«, sagt der Major. Sein Gesicht gleicht einer Maske, er ist zehn Jahre älter als Mohamad, ausgebildet an einer französischen Militärakademie, Englisch fließend, zu wertvoll, der Mann, um im Kongo auf Patrouille zu gehen. Er plante, organisierte. Sorgte für den Transport der Toten, in Holzsärgen mit versiegelten Edelstahlkapseln. Sie reisten zurück, wie sie gekommen waren, über Entebbe, Uganda. Sie brauchten länger als zuvor, nach vier Tagen kehrten sie heim zu ihren Lieben. Die Familien begruben sie in der Nähe der Häuser. Zahirul sollte zurückkehren in den heimischen Lehm, neben Reisfelder, Spinatbeete. Die Familie will eine Moschee errichten. Der Gouverneur hat versprochen, eine Teerstraße zu bauen.

»Reden Sie«, sagt der Major. »Erzählen Sie alles.«

Zahirul fühlte sich leer, wie Mohamad. Er schlief im Hauptquartier der UN in Bunia auf einer Plastikmatte in einem Zelt neben 1000 Männern. 16000 Blauhelme aus 34 Staaten sicherten den Frieden im Kongo, groß wie Europa, vor allem Soldaten aus Bangladesch, Pakistan, Südafrika, Nepal, Marokko, Uruguay. Sie hatten nach Kapitel sieben der UN-Charta das Recht, Gewalt anzuwenden, zu töten – nicht nur Puffer zu sein zwischen Kriegsparteien, das alte Konzept des peace keeping von Blauhelmen seit über fünf Jahrzehnten. Das hier war eine neue Art von Krieg, noch sinnloser, fremder als jeder andere. Nachts hörte Zahirul Schüsse auf der anderen Seite der Mauer.

Er rief zu Hause an. Er hatte sich ein Handy besorgt und wählte die Mobilnummer des Bruders. »Es geht mir gut«, hörte Samsunnahar ihn sagen. Die Verbindung brach öfter ab, doch Zahiruls Stimme klang verblüffend nah. Er verschwieg, dass in allen UN-Einsätzen der Bangladescher 53 Männer gestorben waren, die meisten bei Unfällen, fünf in Kämpfen. Er behielt für sich, dass Staat und UN den Familien für jeden toten Soldaten 10000 Dollar zahlen. Seine Frau wagte nicht zu fragen, wo der Kongo genau war.

Zahirul stieg wieder auf einen Laster, er brachte ihn in ein kleines Camp im Dschungel. Ein paar hundert Soldaten taten dort Dienst unter Führung der Bangladescher. Die Baracken waren aus Stein gemauert, die Dächer aus Wellblech. Zahirul stellte seine Taschen ans Kopfende des Feldbetts, neben 40 andere. Das Klima war ungewohnt kühl und trocken. Tagsüber waren es 20 Grad, nachts kühlte es weiter ab. Selbst der Regen war anders als daheim, heftiger, unberechenbarer. Oft hörte er schon nach einer Stunde wieder auf. Nichts erinnerte Zahirul an daheim, außer dem Passfoto seiner Mutter.

Er lernte, seinen Teil des Weltfriedens zu tragen. In den Nächten war die Last am schwersten, 20 Mann auf Patrouille, ein Offizier, Unteroffizier, 18 Gefreite. Sie stapften auf Pfaden durch den Dschungel, trugen Helm, Weste, Waffe, den Rucksack mit drei Liter Wasser, Fertiggericht, Kochgerät, Brennstofftablette, Feuerzeug, Kaffeenapf, Besteck, Moskitomittel, Taschenlampe, Sonnenbrille, Erste-Hilfe-Set. Das Gelände war hügelig, unübersichtlich. Zahirul kannte Urwald aus Chittagong, Bangladeschs Grenzgebiet zu Myanmar. Dort hatte er die Grundausbildung absolviert, sechs Monate lang. Er hatte schießen gelernt, auf Pappfiguren. Er hatte Pflanzen mit wächsernen Blättern gesehen, Mango- und Zitronenbäume, mannshohes Elefantengras, perfekte Deckung für Angreifer. Zur Sicherheit marschierten die Bangladescher in langer Reihe, 20 Meter Abstand zu Vorder- und Hintermann. Manchmal, wenn Zahirul im Dschungel die Kameraden aus den Augen verlor, fand er sich völlig allein.

Er hatte die AK-47 gegen ein Maschinengewehr getauscht, chinesisches Modell, 7,4 Kilogramm. Der Lederriemen schnitt ins Fleisch, auch die Tasche mit der Rolle Munition, 100 Schuss, Kaliber 7,62. Ein Kamerad trug weitere vier Rollen. Das Gewehr war die stärkste Waffe der Bangladescher, jede Patrouille hatte zwei. Man feuerte es vom Boden aus, auf Klappstützen. Man konnte auch im Stehen schießen, aber das Gewehr war schwer zu halten, es bäumte sich auf unter dem Rückstoß. Die Milizen hatten die gleichen Waffen, billig und robust. Ohne zu murren, hätte Zahirul ein Zielfernrohr geschleppt, ein Nachtsichtgerät, wie es moderne Armeen benutzen, aber Bangladescher hatten keins.

»Auf einmal kamen Bewaffnete. Ich sah Kameraden fallen«

Er rief zu Hause an. »Ja, es geht mir gut.« Wie der Kongo aussehe, drängte Samsunnahar. »Nur Dschungel, Felsen, Hügel, nichts Interessantes.« Zahirul schrieb auch Briefe, sie waren spröde, stumm. Selbst der Fernseher beantwortete keine Fragen. Jeden Abend saß die Familie vor dem kleinen Gerät, es hing an einer Autobatterie und zeigte nur ein Programm, Bangladesh TV. Nie hörte Samsunnahar ein Wort über den Kongo.

Zahirul lernte, dass es möglich war, auch die Angst zu tragen. Er trug sie wie die Bauernsöhne seines Infanterieregiments. Wie Belal Hossain, 24, Schulabbrecher auch er, ein mürrischer, strenggläubiger Mann. Den Großteil seines Solds lieferte er bei den Eltern ab. Sein Bruder war arbeitslos. Er hatte es sich in den Kopf gesetzt, viel Geld zu verdienen, um den älteren Schwestern die Hochzeit zu bezahlen. Er wollte selbst heiraten, sobald er nach Hause kam. Wie Sohrab Hossain, Unteroffizier, mit 40 einer der Ältesten. Auch er hatte keinen Schulabschluss, er holte Medaillen als Bajonettkämpfer. Sein älterer Bruder arbeitete als Chauffeur in Saudi-Arabien, in vier Jahren war er kein einziges Mal nach Hause gekommen. Er schickte Geld, wie Sohrab. Dieser hatte eine Cousine geheiratet, zehn Jahre jünger als er. Mit ihr hatte er zwei Söhne, eine Tochter. Er hatte beim Abschied geweint.

Die beiden Gefreiten und der Unteroffizier taten Dienst, ohne zu murren. Standen um fünf Uhr auf, beteten. Allah war groß, er gebot über acht Paradiese und sieben Höllen, aber noch häufiger als an ihn dachten sie an die Eltern, die Frauen. Statt Reis gab es zum Frühstück Brot und Marmelade. Abends briet der Koch Fleisch und Gemüse, auch Zahiruls Lieblingsessen, Eier und Hühnchen. Die Woche hatte sechs Arbeitstage. Wasser holen, Wache schieben, Patrouille. Samstags eine Tablette Mefloquin, Vorbeugung gegen Malaria. Sonntags Volleyball, Fußball, Schach. Zahiruls Lieblingssport war Carambole, eine Art Billard, bei dem man Holzscheiben mit dem Finger schnippt.

»Es geht mir gut«, sagte Zahirul am Telefon. Samsunnahar wagte es nicht mehr, ihn mit Fragen zu quälen. Zahiruls Schwager hatte in dem Steinhaus am Dorfplatz einen Laden eröffnet. Er verkaufte Mundwasser, Zahnpasta, Haarentfernungscreme, er führt den Laden noch heute. Das Haus ist unverputzt. Auf der Rückseite, im ersten Stock, klafft eine Öffnung. Es fehlt die Tür, es fehlt ein Weg hinauf. Das Haus wartet darauf, dass jemand eine Treppe baut.

Auch im Kongo war das Leben auf Lehm errichtet, ärmliche Hütten mit schiefen Bambusdächern. Die Menschen waren freundlich; man wusste aber nie, wer zu welcher verfeindeten Volksgruppe gehörte, wer Hema oder Lendu war. Zahirul lernte Suaheli. Hände hoch! Wie ist Ihr Name? Wohin gehen Sie? Der mürrische Belal schrieb der Familie: »Die Dörfer sind schön, wie zu Hause.« Er bat seine Mutter, sich für ihn nach einer Ehefrau umzusehen. Der strenge Sohrab rief seine Eltern an. »Es gibt keine Probleme«, sagte er.

Keiner der drei Soldaten verriet etwas über die Gräuel. Im September sperrten Milizen die Bewohner eines Dorfes in ihre Hütten und zündeten sie an. Die UN retteten die meisten. Milizen entführten einen marokkanischen Soldaten und ließen ihn frei. Im Fastenmonat Ramadan teilte man die Patrouillen in zwei Schichten. So war es leichter, den ganzen Tag nichts zu trinken und zu essen. Die Dorfbewohner berichteten von unglaublichen Grausamkeiten. Kannibalismus. Immer wieder überfielen die Milizen Dörfer, stahlen Nahrung, töteten. Doch die Patrouillen blieben unbehelligt.

Zahirul gewöhnte sich an die Fliegen auf dem Zementboden der Baracke, die ihm die Füße zerstachen, wenn er in Flip-Flops zur Dusche ging, in einen bunten Lungi gewickelt. An ereignislosen Tagen redete er sich wohl ein, sie seien das Schlimmste am Kongo.

Anfang Dezember flammten die Kämpfe um Bunia herum wieder auf. Milizen weigerten sich, ihre Waffen abzugeben. Mitten in der Nacht rückte Zahiruls Einheit aus, umzingelte ein Militärlager. Zahirul lag im Gras, neben dem Maschinengewehr. Am Morgen schickten die Milizen einen Unterhändler zurück und eröffneten das Feuer. Zahirul schoss. Er schoss zum ersten Mal auf Menschen, er sah nicht, auf wen. Vielleicht war es ihm auch egal, Hauptsache, er konnte endlich einmal den Abzug durchdrücken, die Macht der Waffe spüren – jene Macht, deren berauschende Wirkung er in den Gesichtern der Milizionäre gesehen hatte, Gestalten in zerrissenen T-Shirts und bunten Trainingsanzügen, viele noch Kinder. Zahirul schoss in die Dunkelheit, auf die gesichtslose Bedrohung, die bei jedem Gang durch den Dschungel auf ihn lauerte. UN-Helikopter griffen das Lager mit Raketen an. Eine Einheit der Nepalesen stürmte.

»Es geht mir gut«, sagte Zahirul am Telefon. Sein Sohn war gerade in die Schule gekommen. »Ich möchte ihm einen Computer kaufen.« Es gab viele Tote unter den Milizionären. Davon sagte er nichts.

Der Dschungel war auf einmal voller Flüchtlinge. Die UN richteten neue Lager ein. Das Camp Kafe war das achte, über das die Bangladescher wachten. Es lag am Ufer des Albertsees, der das Einsatzgebiet der UN im Osten begrenzt. Vom 70 Kilometer entfernten Bunia führt keine Straße dorthin, daher fehlten Schützenpanzer. Am 22. Januar 2005 flogen Helikopter 103 Soldaten ein. Darunter waren Zahirul, der mürrische Belal, der strenge Sohrab. Sie stellten Dreimannzelte in den Uferschlamm. Stacheldraht trennte sie von 15000 Flüchtlingen, jeden Tag starben welche an Cholera. Statt Duschen gab es Wassereimer. Am dritten Tag beschossen Milizen das Camp von den umliegenden Hügeln. Die Soldaten verteidigten sich mit Granatwerfern, Kaliber 82, Reichweite drei Kilometer. Nachts schliefen Zahirul, Belal und Sohrab auf ihren Pritschen mit den Waffen im Arm.

Als Zahirul zum letzten Mal anrief, stand das muslimische Eidul-Azha-Fest bevor. »Ich möchte, dass du dir etwas zum Anziehen kaufst«, sagte er zu Samsunnahar. Er hatte für sie ein Bankkonto eingerichtet. Sie antwortete: »Aber kauf du dir auch was.« Sie dachte, dort, wo Zahirul sich befand, gebe es Läden.

»Wir hatten furchtbare Angst«, sagt Mohamad Abdul, der auch in Kafe war.

Am Morgen des 25. Januar brachen 20 Soldaten zur Patrouille auf. Um sieben Uhr waren es bereits 25 Grad. Über dem See erwärmte sich die Luft schneller als im Landesinneren, der Tag kündigte große Hitze an. Die Soldaten hatten selbst gemachtes Brot gefrühstückt, Kartoffeln, Blumenkohl. Im Gänsemarsch stiegen sie die braunen, verbrannten Hügel hinauf. Sie kannten die Gegend nicht, in der sie ein Lager der Milizen suchten. Vorneweg lief Captain Shahid Ashraf, der ranghöchste Offizier im Camp. Sie überquerten zwei Hügel, legten eine kurze Pause ein, erschöpft vom Gewicht der Ausrüstung. Auf dem dritten Hügel fanden sie verlassene Beobachtungsposten. Sie zerstörten sie. Beim Abstieg öffnete sich vor ihnen eine Ebene, versunken in Elefantengras. Sie verteilten sich über einen halben Kilometer, rasteten wieder. Nur der sonst so mürrische Belal schien gut gelaunt. Bei seinem letzten Telefonat hatte seine Mutter gesagt: »Ich habe eine Frau für dich.« Die Soldaten tranken Wasser, aßen Biskuits. Die Pause dauerte 20 Minuten. Es war kurz nach zehn.

Der letzte Brief von Zahirul war der siebte in fünf Monaten. »Nachts wird es kühler«, schrieb er. »Sonst ist alles wie immer.«

Als die Soldaten aufstanden, fielen Schüsse. Mohamad Abdul, in der Mitte der Patrouille, sah 150 bis 200 Milizionäre. Sie rannten im hohen Gras auf die 20 Bangladescher zu, schossen.

»Wir warfen uns auf den Boden, doch das Gras versperrte uns die Sicht. Wir standen wieder auf. Wir schossen zurück.« – »Und dann?« Der Major runzelt die Augenbrauen, als glaube er ihm kein Wort. »Vielleicht waren es auch 300«, sagt Mohamad.

Um 10.15 Uhr traf im UN-Hauptquartier in Bunia der erste Funkspruch ein. Captain Ashraf meldete, die Patrouille werde angegriffen, ein Gefreiter sei verwundet. Sie brauchten Verstärkung, Helikopter. Die Bangladescher hatten keinen. Sie forderten einen bei den Indern an.

»Auf einmal kamen Bewaffnete nicht nur von vorn, sondern auch von den Flanken«, sagt Mohamad. »Ich sah Kameraden fallen. Wir zogen uns zurück – alle, die in der Mitte der Patrouille standen.«

Um 10.20 Uhr meldete sich Captain Ashraf zum zweiten Mal. Er sei selbst getroffen. Er brauche dringend Verstärkung, Helikopter. In seiner Nähe waren Zahirul und Belal. Auf der anderen Seite der Patrouille stand Sohrab. Zahirul lud das Maschinengewehr.

Um 10.22 Uhr traf der dritte Funkspruch ein. Captain Ashraf sagte, er sei zum zweiten Mal getroffen, schwer verletzt. »Ich werde nicht überleben. Betet für mich.« Erst gegen 11 Uhr hob der Helikopter ab.

Sein blauer Helm und seine Weste leuchteten im Elefantengras

Der Major geht kurz aus dem Raum, der kalt ist wie ein Kühlschrank. Mohamad Abdul wischt sich mit der Hand über die Stirn. Er sagt, er und die anderen zehn Überlebenden seien nach ihrer Rückkehr aus dem Kongo nicht wie üblich in Urlaub geschickt worden. Sie würden in der Kaserne festgehalten. Die Armee werfe ihnen Feigheit vor. Sind ihr tote Helden lieber als lebende Soldaten? Mohamad Abdul, Bauernsohn, 28 Jahre alt, hat keine Angst vor dem Tod. Er hat nur Angst, die Armee könnte ihn entlassen.

Zahirul stand aufrecht, das Maschinengewehr in Händen, so muss es gewesen sein, chinesisches Modell mit hölzernen Griffen, gut geölt, 7,4 Kilo schwer. Er sah die Milizen kommen, hörte die Trillerpfeifen, mit denen sie Kommandos gaben. Er hatte wohl die Knie leicht angewinkelt, um den Rückstoß abzufedern, 500 Schuss Munition in fünf schweren Rollen, Kaliber 7,62, acht Schüsse die Sekunde, Reichweite 2,3 Kilometer. Er feuerte. Milizionäre fielen. Das Gewehr tanzte, die Mündung sprang hin und her wie der Kopf eines zornigen Tiers. Zahiruls Helm und Weste leuchteten – der Lorbeerkranz, die Weltkugel, das schöne lichte Blau, die vergebliche Botschaft der Hoffnung. Vielleicht dachte er an seine Frau. Witwen heiraten nicht in Bangladesch, so will es die Sitte. Sie bleiben allein.

Als der Helikopter eintraf, fand er neun Leichen, darunter den Captain, Belal, Sohrab, Zahirul. Einige Soldaten hatten offenbar noch gelebt, als die Milizen sie überrannten. Die Körper waren übersät mit Machetenhieben, der Offizier und der Unteroffizier verstümmelt.

Zahirul hatte mehrere Schusswunden. Seine Waffe war fort, der Helm, die Weste, der Rucksack. Die beiden blauen Taschen waren im Zelt zurückgeblieben, die Seife, der Rasierschaum, die Deostifte, das Glas mit den Medikamenten, voller Tabletten und Zäpfchen, sie füllten es bis zum Rand. Zahirul musste nichts mehr tragen. Die Milizen hatten ihm alles genommen, sogar die Uniform. Er war nackt.

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Leser-Kommentare

  1. Auf diesen Satz habe ich sehr lange gestarrt.

    Dank an den Author.

  2. die vergebliche Botschaft der Hoffnung. Dank an den Autor. Sicherlich der beste Artikel in der Zeit 2005, nicht nur sprachlich. Ein Gebet, ein guter Wunsch für den -Mann- der für uns alle die Last auf seine Schultern nahm, die *fat BüroCats" verteilten..

  3. Der Artikel ist natürlich bewegend geschrieben. Ich frage mich aber, warum dieser personalisierte Erzählstil -Reportagestil- mittlerweile von allen gängigen Magazinen und Zeitungen für notwendig erachtet wird?
    Man könnte ja die gleichen Fakten auch ohne die emotionale Verpackung präsentieren.
    Vielleicht stehe ich mit dieser Meinung alleine, aber ich möchte von den wenigen Qualitätsmedien weniger unterhalten oder emotionalisiert werden als vielmehr Hintergründe recherchiert zu wissen und mich möglichst neutral zu informieren.

    Das ZEIT-Dossier bewegt sich meiner -unregelmäßigen- Perzeption nach immer weiter weg von der Information hin zum Infotainment, inhaltlich wie sprachlich. Um die 100 Wünsche um den -zigsten zu ergänzen: Ich würde mir wieder mehr Information und weniger "human touch"-Geschichten wünschen.

    • 03.01.2006 um 21:00 Uhr
    • MCVFFO

    Mehrere Millionen Menschen sind für den Frieden gefallen! Vergessen wir diese Menschen nie! Viele Nationen in natioanlen Befreiungskämpfen!

    Noch mehr sind für die Interessen des raffgierigen Kapitals umgekommen.

    Ich war 20 Jahre Soldat in einer Armee, die nicht einen Krieg geführt hat. Diese Armee war zum Schutz der Arbeiter und Bauern da. Als die Arbeiter und Bauern diese nicht mehr wollte, gaben die Soldaten die Waffen den ehemaligen Feinden. Kampflos nach über 40 Jahren Frieden in Deutschland! Darauf bin ich stolz. Da habe ich Anteil dran!

    2001 wollte ich wie Zahirul Geld verdienen beim UN -Minenräumen in Cambodia!
    Ich lebe noch und bin unversehrt!
    Grund: Ich verließ nach 5 (fünf) Tagen Cambodia. Die Lage war wie im Kongo. Es gab in den durch die US-Invasoren verminten Gebieten noch die "Roten Khmer", die es eigentlich seit 1998 nicht mehr geben sollte. Ich sah nur "Rote Khmer" mit Waffen um mich. Die schoben mit Rauschgift und sollen immer ohne Ansehen der Person handeln, wenn man nichts mitnimmt! Von Minen zerrissene Beine - also keine Beine - bei Cambodianern wohin das Auge blickte. Amerikaner sah ich keine, auch nicht beim Minenräumen.
    Ich nahm den nächsten Flieger nach Hause! Feigheit? Nein, ich bin zwar Spezialist, aber auch Realist!
    Danke für den Artikel!
    Ich möchte, das noch mehr Menschen Herr über ihr Gehirn sind!

    • 03.01.2006 um 21:05 Uhr
    • MCVFFO

    Zu: Durchwachsen LJenssen

    Wer dem Kriegstod in die Augen sehen konnte und noch lebt, der wünscht sich alles, damit andere es nicht auch tun müssen. Egal wie es journalistische angestellt wird, es muss beim Menschen etwas hängen bleiben, damit der Kopf das Richtige findet.

  4. 6. ..

    Mir ging es nicht darum, die Themenwahl zu kritisieren, sondern die Aufbereitung. Die personalisierende Erzählweise birgt für mich die Gefahr, eine unterschwellig einseitige Konfliktwahrnehmung zu erzeugen: Die kongolesischen Milizen als "die Bösen", aber kaum Informationen über das, was sie antreibt (morden da 10.000 MIlizionäre nur aus Spaß am Töten?) - und wieso ist Zahirul Islam eigentlich gefallen für "meinen" Frieden?
    Ich würde gerne mehr über die Hintergründe und Schwierigkeiten dieser UN-Mission und die verworrene Lage im Kongo erfahren und weniger über das scharf gewürzte Essen an Bord des Militärflugzeugs und die Mücken auf dem Weg zur Dusche, das ist alles. Denn wie der Autor selbst schreibt - für Zahirul war die Lage im Kongo schwer zu verstehen. Für mich nicht minder.

  5. "Gefallen für unseren Frieden" Scheint mir keine schlechte Zusamenfassung eines typischen Konfliktes:

    "In Bunia hatte der Krieg, der 1996 begann und nie richtig endete, am längsten gewütet. Mindestens 60000 Menschen waren in der Provinz Ituri gestorben, im ganzen Land drei Millionen, durch Massaker, Malaria, Typhus, Hunger. In die Kämpfe waren auch Soldaten aus Ruanda, Uganda, Angola, Namibia und Simbabwe verwickelt, unterstützt von lokalen Milizen. Die einen unterstützten den Präsidenten Laurent Kabila, die anderen wollten ihn stürzen. Es ging auch um Bodenschätze, Diamanten."

    Eine Annäherung an objektive Fakten präsentiert dieses Bild
    (Quelle Google):

    "Kongo-Kinshasa (ehem. Zaire) Kongo-Kinshasa (Sezessions-Krieg) (1960-1963)
    Kongo-Kinshasa (Antiregime-Krieg I) (1960-1963)
    Kongo-Kinshasa (Antiregime-Krieg II) (1964-1966)
    Kongo-Kinshasa (Katanga-Soldaten) (1964-1966)
    Kongo-Kinshasa (Söldnerrebellion) (1967)
    Zaire (Shaba) (1977-1978)
    ....
    Zaire (Anti-Regime) (1996-1997)
    Kongo-Kinshasa (Afrikanischer Regionalkrieg) (1998-2001) Kongo-Kinshasa (Kivu) (1997- )
    Kongo-Kinshasa (Ituri)
    (2002- ) (Bewaffneter Konflikt)

    Beteiligte: Hema-Milizen, UPC, RCD-N, Kongo-Kinshasa / Lendu-Milizen, FNI, RCD-ML
    Neutrale Intervention: UN

    Die bewaffneten Auseinandersetzungen im Distrikt Ituri im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo wurden zunehmend von Warlordstrukturen dominiert.
    Die Auseinandersetzungen in Ituri werden zumeist als rein ethnische Konflikte zwischen verfeindeten "Stämmen" dargestellt. Größere Aufmerksamkeit erregte der Konflikt zwischen Hema und Lendu erstmals 1999, als im Anschluss an Landstreitigkeiten von Milizen beider Gruppen 7.000 Menschen getötet und über 150.000 vertrieben wurden. Beginnend in Djugu weitete sich der Konflikt durch die Parteinahme der ugandischen Armee für die Hema rasch aus. Zwar eskalierte der Konflikt über konkrete Fragen der Landnutzung, aber im Kern ging es um die formale Kontrolle über das Gebiet. Diese erlaubte es, sowohl als Zwischenhändler für die Bodenschätze zu agieren und mit ausländischen Firmen über Konzessionen zu verhandeln als auch Steuern aus Handel und Produktion einzunehmen. In den folgenden Jahren wurde die Region zum Schauplatz von lokalen, nationalen und internationalen Konkurrenzkämpfen um die Kontrolle der reichen Ressourcenvorkommen, darunter eines der größten Goldvorkommen der Welt, aber auch Diamanten, Coltan und neuerdings Erdöl."

    Zahirul Islam, ein armer Mann, aus einem der ärmsten Länder der Erde, wurde für Diamanten, Coltan und neuerdings Erdöl von einer Organisation verheizt, in der Profiteure und Akteure solcher jahrzehntelanger Konflikte sitzen.
    Da kann man durchaus mal emotional werden.

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  • Von Jörg Burger
  • Datum 13.5.2008 - 11:06 Uhr
  • Quelle (c) DIE ZEIT 29.12.2005 Nr.1
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