Zeitläufte "Lasst es uns ausprobieren!"

Vom Blitzableiter zur amerikanischen Revolution: Das faszinierende Leben des Benjamin Franklin, geboren vor 300 Jahren in Bosten

Selten war im ehrwürdigen Tagungssaal der Königlichen Akademie zu Paris ein Ereignis mit solcher Hysterie erwartet worden. Der Raum platzte aus den Nähten, und alle Köpfe reckten sich, als es endlich so weit war. Jubel, Hochrufe, Tumult: Benjamin Franklin und Voltaire betraten den Raum, die beiden geistigen Idole der westlichen Welt.

Der Aufruhr wollte gar kein Ende mehr nehmen an jenem 29. April 1778. Die gelehrte Menge war außer sich. »Il faut s’embrasser à la française!« – Sie sollen sich französisch umarmen! Und so traten die beiden alten Männer aufeinander zu, fielen sich in die Arme und küssten sich auf die Wangen. Was für ein Augenblick!

Historisch in der Tat: Für Voltaire wurde es der letzte große Auftritt, einen Monat später war der französische Philosoph tot. Franklin jedoch, immerhin 72 Jahre alt, stand noch vor seiner vielleicht schwierigsten Aufgabe. Als Diplomat musste er seinem erst knapp zwei Jahre zuvor gegründeten Land die Unterstützung Frankreichs im Kampf gegen die erdrückende militärische Macht Britanniens sichern. Das Überleben des jungen Staates hing davon ab – und die Gültigkeit jener Declaration of Independence, an der er selbst mitgearbeitet hatte und die mehr war als nur die Unabhängigkeitserklärung einiger rebellischer englischer Provinzen in Übersee.

Von allen Gründervätern der USA ist Benjamin Franklin der bei weitem volkstümlichste geblieben. Dass Amerika (vor allem Franklins eigentliche Heimatstadt Philadelphia) den großen Mann in diesem Jahr mit ganz besonderer Inbrunst feiert, liegt nicht zuletzt darin begründet, dass er die Personifizierung des so genannten – erst viele Jahrzehnte nach seinem Tod als Begriff formulierten – Amerikanischen Traumes ist: Du kannst in diesem Lande alles, wirklich alles erreichen, wenn du nur an dich glaubst und hart genug arbeitest und kämpfst.

Die Anfänge waren bescheiden genug. Franklin kam am 17. Januar 1706 als 15. von insgesamt 17Kindern des Kerzen- und Seifenmachers Josiah Franklin und dessen zweiter Frau Abiah in Boston zur Welt. Die Eltern, fromme Puritaner, hätten es wohl nicht ungern gesehen, wenn der Junge Pfarrer geworden wäre. Doch der zeigte frühreife Skepsis. So empfahl er einmal dem Vater beim Einsalzen der Wintervorräte, doch gleich das ganze Fass Pökelfleisch mit einem einmaligen Gebet zu segnen. Dann könne man später auf den allabendlichen, langatmigen Tischsegen verzichten, was eine immense Zeitersparnis bringe.

Wer so denkt, ist für den wahren Gottesdienst natürlich verloren. Also ging der junge Benjamin, nach nur zwei Jahren Schule, bei seinem neun Jahre älteren Bruder James Franklin in die Lehre, der eine Druckerei besaß. Hier packte ihn rasch der Ehrgeiz, nicht nur zu setzen und zu drucken, sondern selbst zu schreiben. Der 16-Jährige verfasste einen Artikel; im Schutz der von keiner Straßenlaterne erhellten Bostoner Nacht schob er sein Manuskript unter der Tür der Druckerei durch. James gefiel der Text des Anonymus, eine Plauderei in Briefform voller witziger Aperçus und milder Gesellschaftskritik, und er veröffentlichte ihn in der bei ihm verlegten Zeitung New England Courant.

Nachdem Benjamin sich seinem Bruder entdeckt hatte, schrieb er munter weiter. Das Publikum mochte seine Prosa, jene Mischung aus moralisierender Ermahnung und augenzwinkernder Ironie, die für Franklins Texte typisch wurde. So brach er auf, wie er es später in seiner berühmten Autobiografie festgehalten hat, aus jener »Armut & Obskurität, in die ich geboren und in der ich aufgewachsen bin, zu einem Zustand von Prosperität & einem gewissen Ansehen in der Welt«.

Die Welt – das war zunächst Philadelphia. 1723 kehrte er dem puritanischen Boston den Rücken und ging in die Quäkerstadt. Sie war großzügiger angelegt als Boston, unter ihren 6000 Bewohnern herrschte ein freierer Geist. Philadelphia wurde schnell zur Heimat. Er zeigte sich geistreich, fleißig und hatte das Glück, sich den richtigen Leuten bekannt zu machen. Wie zum Beispiel dem Gouverneur von Pennsylvania.

Dieser wurde sein Gönner und versprach ihm eine Art Stipendium: Franklin durfte reisen – nach London. Ein unglaubliches Abenteuer. Im Dezember 1725 kam der junge Drucker in der Metropole an, die dem Mann aus der fernen Provinz als wahres Weltwunder erschien. Zwar blieb das versprochene Geld des Gouverneurs aus, doch das dämpfte Franklins Enthusiasmus nicht. Voller Bewunderung studierte er Englands politisches System. Und kehrte nach 18 Monaten als überzeugter Englishman zurück nach Philadelphia.

Hier ging es zügig voran. 1728, mit 22 Jahren, führte er seine eigene Druckerei. Als Erster seines Gewerbes in Amerika stellte er eigene Bleilettern her – eine von ihm konzipierte Schriftart,Franklin Gothic,wird noch heute von vielen Zeitungen be nutzt und ist jedem PC-Benutzer durch die gängigen Textprogramme wohlbekannt. Sein gesellschaftliches Ansehen stieg, als er 1729 zum Herausgeber der Zeitung Pennsylvania Gazette avancierte. Der wirtschaftliche Erfolg ermöglichte es ihm, ein Jahr später die Tochter seines ehemaligen Hauswirts zu heiraten. Es war eine Hochzeit nach »allgemeinem Recht«, ohne große Feier, denn Deborah hatte ihren ersten Mann verlassen, und Pennsylvania kannte eine Scheidung im modernen Sinne nicht.

Er selbst war der Ehegläubigste allerdings auch nicht. Seinen ersten Sohn, William – der Einzige, der das Erwachsenenalter erreichte –, hatte er zuvor mit einer anderen Frau gezeugt, deren Namen nicht überliefert ist. Aus der Ehe mit Deborah ging eine Tochter, Sally, hervor. Ein weiterer Sohn, Frankie, starb mit vier Jahren an den Pocken, was seinen Vater übrigens zu einem entschiedenen Verfechter der Pocken-Inokulation machte, einer Vorform der späteren Impfung.

Franklin begann eine Schrift zu verfassen und zu verlegen, die seinen Namen in den Kolonien und auch in Europa weithin bekannt machte. Poor Richard’s Almanack, 1731 erstmals erschienen, war einer dieser Jahresalmanache, wie sie sich überall beim bürgerlichen Publikum in der Neuen wie der Alten Welt großer Beliebtheit erfreuten. Die Büchlein enthielten allerlei Nützliches für Farmer, Kaufleute und Seefahrer wie Gezeiten, Mondauf- und Sonnenuntergänge, Wetterregeln und so weiter. Gern kamen Statistisches und Historisches hinzu oder auch, wie bei Franklin, Literarisches: humorvolle Geschichten, Gedichte, ironische Lebensweisheiten.

Dass sich der weithin bekannte Mr. Franklin, seit 1730 offizieller Drucker von Pennsylvania und bald auch anderen Kolonien, hinter dem Pseudonym des poor Richard, des armen Richard, verbarg, war bald kein Geheimnis mehr. 25 Jahre lang erschien der Almanach und wurde ein früher Klassiker der amerikanischen Literatur. Die französische Übersetzung La Science du Bonhomme Richard machte Franklin auch im Lande der Enzyklopädisten bekannt, lange bevor er erstmals in offizieller Mission Paris betrat.

Science.Die Wissenschaft. Ihr wollte sich Franklin nun ganz verschreiben, nachdem er sich keinerlei wirtschaftliche Sorgen mehr machen musste. Allerdings nicht als weltabgewandter Forscher. Wissenschaft musste praktisch sein, den Menschen nutzen. Er konstruierte einen Ofen (Franklin Stove), der die Wärme besser als herkömmliche Modelle im Raum verteilte, wahrlich eine praktische Erfindung für jedermann. Für die Salons der gehobenen Gesellschaft war die Glasharmonika gedacht, ein aus 37 Glaszylindern unterschiedlichen Durchmessers bestehendes Instrument, über das der »Pianist« seine angefeuchteten Fingerkuppen gleiten ließ und ihm so wahre Sphärenklänge von vollendeter Lieblichkeit entlockte. Wolfgang Amadeus Mozart komponierte Stücke für die Glasharmonika, und Wunderheiler und Gaukler wie Franz Anton Mesmer setzten sie zur Untermalung ihrer Séancen ein – die Erfindung eines Mannes, der denkbar wenig Sinn für Aberglauben und Spiritismus hatte.

Franklins Hauptinteresse galt indes der Elektrizität, dem wissenschaftlichen Modethema der Epoche. Er unternahm etliche Experimente mit der Leidenschen Flasche, einer frühen Batterie, und entwickelte auch hier eine neue, allerdings eher makabre Technik: Mit besonders voltstarken Batterien gelang es ihm, einen Truthahn zu töten. »Das Fleisch der auf diese Art geschlachteten Vögel«, notierte er befriedigt, »ist ungewöhnlich zart.« Franklin war ein großer Truthahn-Fan, nicht nur als Feinschmecker. Viele Jahre später setzte er sich dafür ein, diesen wunderlichen Vogel und nicht den Weißkopfseeadler zum Wappentier der USA zu machen, ein Vorschlag, dem allerdings kein Erfolg beschieden war.

Let the experiment be made! – Lasst es uns ausprobieren! war das Motto des Pragmatikers. Sein berühmtestes Experiment fand wahrscheinlich im Juni 1752 statt, sein Sohn William half ihm dabei. Während eines Gewitters liefen die beiden aufs Feld, und Franklin gelang es, mit Hilfe eines Drachens, an den er einen Schlüssel gebunden hatte, einen Blitz zur Erde zu leiten. »Dabei«, so bilanzierte er den nicht ungefährlichen Test, »ist vollständig demonstriert, dass die elektrische Materie und der Blitz ein und dasselbe sind.«

Benjamin Franklin, der Erfinder des Blitzableiters, wurde nun diesseits und jenseits des Atlantiks zum Helden, der das Feuer vom Himmel geholt hatte. Einen »neuen Prometheus« nannte ihn Immanuel Kant. Franklins Name stieg auf ins Pantheon der Aufklärung, und die schottische Universität von St. Andrews verlieh dem Mann, der nie eine Hochschule von innen gesehen hatte, die Ehrendoktorwürde.

Franklin machte sich weiter nützlich, half bei der Gründung einer öffentlichen Bibliothek in Philadelphia genauso mit wie bei der Einführung der Straßenbeleuchtung dort und der Pflasterung. Die Regierung in London ernannte ihn zum Postmaster-General der Kolonien, das heißt zum obersten Aufseher über das gesamte Postwesen.

Dieses Amt politisierte ihn. Er erfuhr, wie wichtig es war, dass die Kolonien, von New Hampshire und Massachusetts im Norden bis Georgia im Süden, zur Wahrung ihrer gemeinsamen Interesse zusammenstanden. Doch der Mann, der sich 1757 als Vertreter Pennsylvanias (und später auch mehrerer anderer Kolonien) nach England einschiffte, ahnte noch nicht, dass sich bald schon eine Kluft zwischen dem Mutterland und seinen überseeischen Untertanen auftun würde. Fast 18 Jahre lang – mit einer Unterbrechung – war London seine Heimat. Seine Begeisterung für die Hauptstadt und mit ihr für England und sein System kannte keine Grenzen. Er spielte mit dem Gedanken, für den Rest seiner Tage hier zu bleiben.

Die Familie hatte er in Philadelphia zurückgelassen. Zwar verschaffte Franklin seinem Sohn William den einträglichen Posten des königlichen Gouverneurs von New Jersey. Doch am Hochzeitstag seiner Tochter Sally war der Vater nicht dabei. Und sein Verhältnis zu Deborah? Nie hat er sie gebeten, ihn zu begleiten. Die Briefe an sie sind im Tone geschäftsmäßiger Freundlichkeit geschrieben, von Liebe kaum ein Wort. Während eines vorübergehenden Aufenthalts in Philadelphia 1765 sah er sie zum letzten Mal. Sie starb neun Jahre später, ohne den Trost seines Beistands.

Der Konflikt zwischen dem Mutterland und den amerikanischen Kolonien über Steuern und Mitbestimmung verunsicherten allmählich Franklins verklärtes England-Bild. Immer mehr wuchs er in die Rolle eines Sprechers der Kolonien und ihrer Gravamina hinein, immer stärker kritisierte nun auch er das Gebaren der britischen Regierung. Franklin, eben noch hochgeehrter Untertan Seiner Majestät Georgs III., war plötzlich suspekt. 1774 wurde er seines Amtes als Postmeister enthoben. Er musste sich entscheiden – und er entschied sich: Sein Platz war auf der Seite seiner Landsleute, der amerikanischen Kolonisten, die sich gegen die Krone, gegen das Londoner Parlament und bald auch gegen englische Truppen zur Wehr setzen mussten. Franklin bezahlte einen hohen persönlichen Preis: den endgültigen, nie mehr gekitteten Bruch mit seinem Sohn William, der der britischen Krone treu blieb – ein »Loyalist« mithin – und für den er sich auch nicht einsetzte, als dieser später in amerikanische Gefangenschaft geriet.

1775 kehrte Benjamin Franklin heim. Am 5.Mai traf er in Philadelphia ein und wurde von einer jubelnden Menge empfangen. Die Würfel waren gefallen. Zwei Wochen zuvor hatte es bei Boston das erste Gefecht des Unabhängigkeitskrieges gegeben; acht lange Jahre sollte er dauern.

Franklin war davon überzeugt, dass es keinen guten Krieg und keinen schlechten Frieden gebe. In einem Geheimgespräch mit Lord Richard Howe, dem kommandierenden Admiral der britischen Flotte in Amerika, hatte er noch versucht, eine Eskalation abzuwenden. Vergebens. So vergebens wie der Versuch seines Freunds Edmund Burke im fernen London, das Parlament zu einer Aussöhnung mit Amerika zu bewegen. »Ein großes Empire und kleine Geister«, musste Burke bitter feststellen, »passen schlecht zusammen.«

Es gab keinen Weg mehr zurück. Am 4. Juli 1776 erklärten sich die Kolonien für unabhängig. In Philadelphia wurde die Declaration of Independence unterzeichnet, die zur Gründungsurkunde der USA geworden ist. Der 33-jährige Jurist Thomas Jefferson hat sie verfasst, Franklin sie redigiert. Der Ältere beschränkte sich auf wenige Änderungen. Aus Jeffersons » We hold these truths to be sacred and undeniable« – »Wir halten diese Wahrheiten für heilig und unbezweifelbar…« machte Franklin das berühmte » We hold these truths to be self-evident«…

Die militärische Lage war kritisch bis verzweifelt. Die junge Nation brauchte Hilfe. Der wahrscheinlichste Bundesgenosse war Frankreich, Englands alter Rivale. Keiner schien als Gesandter besser geeignet als Benjamin Franklin. Abermals bestieg er, jetzt 70 Jahre alt, ein Schiff nach Europa.

Von der Ankunft in Frankreich an wurde es ein Triumphzug. Schon in der Hafenstadt Nantes jubelten ihm die Bürger zu, die Frauen mit kühnen Frisuren, die als coiffure à la Franklin heftig en vogue wurde. Überall auf den Straßen umlagerte man seine Kutsche. In dem Haus, das er im Pariser Vorort Passy gemietet hatte, empfing er die Stadt. Franklin, stets stilgenau, trat auch bei Hofe in einfacher Kleidung auf, trug demonstrativ die Biberfellmütze des amerikanischen Kolonisten. Die Damen rissen sich darum, den weisen, einem kleinen Flirt nie abgeneigten Mann in ihre Salons zu bitten. Überall gab es Franklin-Büsten, -Stiche, -Medaillen und Schnupftabaksdosen mit seinem Porträt. Die Franklin-Manie der Franzosen ging schließlich selbst dem braven König Ludwig XVI. zu weit. Einer Hofdame, deren Schwärmerei ihm besonders unerträglich geworden war, schenkte Ludwig einen Nachttopf, in dessen Boden ein Porträtmedaillon Franklins mit erwartungsvollem Gesichtsausdruck eingelassen war.

Trotz all der Pariser Begeisterung: Die Verhandlungen mit dem leitenden Minister, dem Comte de Vergennes, verliefen zäh. Erst als im Herbst 1777 die Nachricht von der Kapitulation einer britischen Armee unter General John Burgoyne eintraf, zeigte sich Frankreich bereit, an die Seite der Rebellen zu treten; am 5.Februar 1778 wurde in Paris der Pakt mit den USA endlich unterzeichnet.

Doch es bedurfte des ganzen diplomatischen Geschicks Franklins, Frankreich in den nächsten Jahren bei der Stange zu halten, denn das Königreich war pleite. Sehr sensibel reagierte der große Verbündete auch, als unter Franklins Leitung nach dem entscheidenden amerikanisch-französischen Sieg bei Yorktown im Oktober 1781 Friedensverhandlungen mit England aufgenommen wurden und die Regierung Vergennes immer wieder (und nicht zu Unrecht) vermutete, die Amerikaner wollten sich ohne Rücksicht auf die Interessen Frankreichs mit England verständigen.

Als Franklin am 30. November 1782 in Paris seine Unterschrift unter den Friedensvertrag mit England setzte, war seine Mission beendet. Doch so schwer es ihm einst gefallen war, sich von England zu trennen, so ungern verließ er nun »die kultivierteste Nation der Erde, […] ein Volk unter dem zu leben ein Vergnügen ist«.

Im September 1785 kehrte er nach Philadelphia zurück. Bei der verfassunggebenden Versammlung in seiner Heimatstadt, zwei Jahre später, wirkte er als Elder Statesman mit. Ein letztes, großes Ziel blieb ihm versagt. Als Präsident der Gesellschaft für die Abschaffung der Sklaverei in Pennsylvania suchte er – der einst selbst Sklaven besessen hatte – diese Schande zu tilgen. Die Sklaverei, beklagte er voll Abscheu und Bitterkeit, sei nichts als »eine widerwärtige Entwürdigung der menschlichen Natur«.

Benjamin Franklin starb am 17. April 1790, im Alter von 84 Jahren. Die Bestürzung war gewaltig in den beiden jungen Ländern, die ihn als einen der Ihren ansahen, den USA und dem neuen Frankreich. Die Pariser Nationalversammlung erstarrte, als der Marquis de Mirabeau die Sitzung mit seiner Löwenstimme unterbrach: »Franklin est mort!«

Den schönsten, hellsichtigsten »Nachruf« hatte schon Jahre zuvor Ludwigs Finanzminister, Franklins Freund Turgot auf ihn verfasst. Ein Satz ist es nur: Eripuit caelo fulmen sceptrumque tyrannis er entwand dem Himmel den Blitz und den Tyrannen das Zepter.

 
Leser-Kommentare
  1. Schön zu sehen, dass sich DIE ZEIT so für Benjamin Franklin begeistert, dass sie für Ihren Artikel sogar die Headline-Typografie auf die Franklin Gothic umstellt. Jedoch ist diese nicht ein Werk Benjamin Franklins, da sie erst 113 Jahre nach seinem Tode gezeichnet wurde: Die Franklin Gothic ist ein Entwurf des amerikanischen Schriftkünstlers Morris Fuller Benton, der von 1903 bis 1912 an dieser großen Schriftfamilie arbeitete. Gut möglich, dass er oder seine Auftraggeber, die American Type Founders, die gleiche Begeisterung für Benjamin Franklin empfanden wie Sie und ihm die Schrift widmeten.

    Eine Doppelqualifikation im Schrift- und Politikgewerbe war nicht unüblich: Wolfgang Thierse, Björn Engholm, Rudolf Dreßler, Paul Löbe und Philipp Scheidemann zum Beispiel sind oder waren Schriftsetzer. Unwahrscheinlich jedoch scheint es, dass eines Tages Schriften nach Ihnen benannt werden.

  2. Ronald D. Gerste: ”Lasst es uns ausprobieren!” ZEIT Nr. 2

    Der Puritaner Benjamin Franklin als Gründervater der USA, als Verkörperung des amerikanischen Traumes und als Erfinder des Blitzableiters verdient gewiss eine Erinnerung. Aber irgendetwas fehlte in der Würdigung.
    Franklin unterstützte die verbotenen Spekulationen der Walpole Company im Indianerland. Die dort lebenden Indianervölker wurden enteignet, traten daher auf die Seite der Briten gegen die amerikanische Revolution und wurden schliesslich ausgerottet. Es war, in den Worten Franklin, ein Geschenk der Vorsehung, “diese Wilden auszurotten und für jene Platz zu machen, die die Erde kultivierten“.
    Geschichte ist nicht nur von den “grossen Männern“ her zu schreiben, sondern zu aller erst von den Völkern, von den unterdrückten Völkern zumal. In einer Zeit, da ein neuer Puritanismus sich weltweit in Konzentrationslagern, Folterkellern und Angriffskriegen Ausdruck verschafft, ist das mehr als eine Frage der historischen Methode.

    Dr. Henning Eichberg, Gerlev/Dänemark

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service