Arbeiter sind nicht anders als Artischocken. Oder Autos. Oder Brötchen. Sie sind eine Ware. Auch sie unterliegen den Marktkräften. Auch für sie gilt das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Jeder Politiker, jeder Gewerkschafter, der sich dieser unangenehmen Wahrheit verschließt, ist mit schuld am größten Problem der Bundesrepublik Deutschland: der Arbeitslosigkeit.

So oder so ähnlich argumentiert die Mehrzahl der deutschen Wirtschaftswissenschaftler. Klingt ja auch logisch: Wenn es auf dem Gemüsemarkt zu viele Artischocken gibt, muss der Preis sinken, dann verschwindet das Überangebot. Wenn auf dem Arbeitsmarkt ein Überangebot besteht, muss der Lohn sinken. Dann verschwindet die Arbeitslosigkeit.

Ganz einfach – und doch nur vorübergehend überzeugend. Jahrelang folgten Politiker aller großen Parteien diesem Gedankengang. Sie riefen die Gewerkschaften zur Mäßigung auf. Dafür erhielten sie Beifall von den meisten Fachleuten. Der ökonomische Sachverstand schien gesiegt zu haben.

Doch auf einmal ist alles anders. In der Metallindustrie stehen wieder Lohnverhandlungen an. Und plötzlich verkündet der neue Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU), wer gute Arbeit leiste, müsse auch gut bezahlt werden. Führende Unions-Politiker schließen sich ihm an. Der Bundespräsident Horst Köhler (CDU) schlägt vor, die Arbeitnehmer stärker an den üppigen Gewinnen der Unternehmen zu beteiligen. Zahlreiche Kommentatoren pflichten ihm bei. Arbeit soll in Deutschland wieder teurer werden.

Warum fällt es der Öffentlichkeit so schwer, dem Kurs der Lohnkürzungen dauerhaft zu folgen? Warum sehen die Leute nicht ein, dass Arbeit ein Produkt ist wie jedes andere auch?

Weil das nicht stimmt.

Die Gleichsetzung von Arbeitskraft mit jedem beliebigen anderen Produkt entspringt dem Wunsch der Wirtschaftswissenschaftler, so exakt zu arbeiten wie Naturwissenschaftler. Sie wollen eindeutige Aussagen und Prognosen liefern. Also haben sie mit Hilfe mathematischer Gleichungen eine Modellwelt von beeindruckender Klarheit geschaffen. In ihr existiert nichts außer Mengen und Preisen. Es gilt: Wenn der Preis eines bestimmten Produkts höher liegt, als es den Marktkräften entspräche, wird es zwar von vielen Leuten angeboten, aber nur von wenigen nachgefragt. Die Bäcker und Gemüsehändler bleiben dann auf ihrer Ware sitzen. Erst wenn der Preis des Produktes sinkt, nimmt die Zahl der Anbieter ab, die Zahl der Käufer steigt, der Markt gelangt wieder ins Gleichgewicht.

Diese Theorie entspricht durchaus der Realität. Allerdings nur, wenn es um Artischocken oder Brötchen geht.

Denn Gemüse hat keinen Stolz. Es will sich nicht selbst verwirklichen. Es muss auch keine Familie ernähren. Auf dem Arbeitsmarkt aber spielen solche Dinge eine wichtige Rolle. Vor allem, wenn es um die Frage geht, wie viele Leute eine Arbeit suchen.

Noch 1970 strebten in Deutschland lediglich 48 von 100 Frauen im Alter zwischen 25 und 55 Jahren auf den Arbeitsmarkt. Heute sind es 80. Gemäß der ökonomischen Theorie kann dies nur einen Grund haben: Die Löhne sind so stark gestiegen, dass es sich nun auch für Frauen lohnt, eine Arbeit aufzunehmen. In Wahrheit stagnieren die Löhne inflationsbereinigt seit mehr als zehn Jahren. Trotzdem drängen mehr und mehr Frauen auf den Arbeitsmarkt. Den meisten geht es nicht so sehr ums Geld. Anders als früher haben sie keine Lust auf ein Leben als Hausfrau. Sie wollen, was ihre Männer auch wollen: einen Beruf. Die Folge: Das Arbeitsangebot nimmt nicht ab, sondern zu, die Konkurrenz um die offenen Stellen sinkt nicht, sondern steigt. Trotz Lohnzurückhaltung.