Nummer 118 bietet sich an. "Ich will Dich", flimmert über ihren Bildschirm. "Ich koste nichts". Und: "Ich bin immer da". So buhlt Nummer 118 um Kundschaft, direkt vor der Postfiliale in Hamburg-Eppendorf. Nummer 118 ist eine automatische Packstation der Deutschen Post, groß wie ein Kiosk, rundlich und gelb-grau. Berührt man ihren Monitor, beginnt sie zu arbeiten: Dann öffnet sie eines ihrer Fächer, nimmt Päckchen und Pakete an, kassiert Porto, stellt eine Quittung aus und bewahrt alles auf, was in die Welt transportiert werden soll. Umgekehrt reicht sie Pakete heraus, die man sich an ihre Adresse schicken lässt. Der neue Konkurrent für Post-Bedienstete BILD

Nummer 118 macht nichts anderes als ihre menschlichen Kollegen drinnen in der Postfiliale. Nur bilden sich bei denen oft lange Warteschlangen. Oder es ist gar keiner da, vielfach vor neun Uhr morgens oder nach 18 Uhr. Nummer 118 dagegen lockt rund um die Uhr.

"Ich will Dich".
"Ich koste nichts".
"Ich bin immer da".

Mehr als 600 gelb-graue Packstationen warten in Deutschland auf Kunden – mehr als irgendwo sonst auf dem Globus. Deutschland ächzt unter anhaltender Massenarbeitslosigkeit – und setzt trotzdem mehr auf arbeitssparende Technik als fast alle anderen Industrieländer. Es ist fast so, als wolle man Rationalisierungsweltmeister werden.

So verrät die Packstation viel über dieses Land: über das Denken von Managern, Gewerkschaftern und Politikern, über unterschiedliche Interessen und gemeinsame Irrtümer.

Aufrecht steht sie da, will Zuversicht ausstrahlen. Vor fast genau drei Jahren stand ihr Vorgänger auf dem gleichen Quadratmeter Deutschland und verkündete seine Pläne fürs Land. Die wichtigste Aufgabe, erklärte Gerhard Schröder damals, sei die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Von den "Fliehkräften der Globalisierung" sprach er und von der Hoffnung auf neue Dienstleistungsjobs. Nun legt Angela Merkel die Hände an dasselbe Rednerpult im Reichstag und sagt, das Wichtigste sei die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Von "verschärftem internationalen Wettbewerb" spricht sie und von der Hoffnung auf neue Dienstleistungsjobs.

Rund sechs Millionen Menschen sind in Deutschland arbeitslos, wenn man die Unregistrierten mitzählt. Vor allem jene ohne Berufsausbildung finden kaum eine Stelle. Ungelernte sind zu 25 Prozent arbeitslos, im Osten sogar zu 50 Prozent. Arbeit bedeute "Würde und Selbstachtung", sagt Merkel in ihrer Regierungserklärung. Und doch arbeiten die Unternehmen des Landes mit Hochdruck daran, Menschen durch Maschinen zu ersetzen.

Der wesentliche Grund ist nicht die Globalisierung. Rationalisiert wird auch dort, wo sich Arbeit gar nicht verlagern lässt: bei örtlich gebundenen, einfachen Dienstleistungen. Automaten geben Geld aus, verkaufen Fahrscheine und Briefmarken, verleihen Videos, übernehmen den Check-in am Flughafen, kassieren für Milch und Butter im Supermarkt oder nehmen Pakete an. Manche ersetzen die Frau am Tresen der Mietwagenfirma, andere den Mann, der einmal im Jahr den Heizungsverbrauch abliest. Und täglich kommen neue, bessere Maschinen hinzu. Der Staat gibt zwar Geld dazu, wenn nur jemand eingestellt wird: Lohnkostenzuschüsse und Eingliederungshilfen und bis zu 500 Euro pro Monat für die Einrichtung eines Ein-Euro-Jobs.

Aber die Packstation gibt es trotzdem.

Der Vater der Packstation hat sein Büro am Bundeskanzlerplatz in Bonn, wo einst die Politik herrschte. Er sitzt in der achten Etage eines schmucklosen Bürogebäudes. An diesem nebligen Morgen ist vom ehemaligen Kanzleramt gegenüber wenig zu sehen. Ebenso wenig von den Demonstranten, die ein paar Schritte weiter vor das Gebäude der Deutschen Telekom ziehen. Sie protestieren gegen den Abbau von 32000 Arbeitsplätzen. Es kommen keine guten Nachrichten vom Arbeitsmarkt an diesem Tag. Fast zeitgleich versammeln sich in Nürnberg 1700 Beschäftigte der AEG, um zu erfahren, dass auch ihre Stellen wegfallen.

Warum also kommt die Post auf die Idee, Automaten aufzustellen? Boris Mayer, der Chef des Projekts Packstation, muss ausholen. Mayer, Mitte vierzig, redet schnell und begeistert – er war von der ersten Skizze an dabei. Vor fünf Jahren war das, er arbeitete beim Vorstand in der Abteilung Konzernentwicklung. Damals fiel auf, dass die Zusteller immer seltener jemanden zu Hause antreffen – zu viele Single-Haushalte, zu viele berufstätige Paare. "Die Zahl der orangefarbenen Benachrichtigungskarten stieg permanent", sagt Mayer, "und damit auch unser Aufwand mit Zustellversuchen und der Frust bei den Kunden." Ein Automat musste her. "Das gibt es nur alle zehn bis fünfzehn Jahre, dass Sie dem Kunden mehr Service bieten können und gleichzeitig Kosten sparen", sagt Mayer. "Wenn Sie so ein Nugget entdecken, dann müssen Sie da dranbleiben!"

Die Blaupause wurde entwickelt, die österreichische Firma Keba als Hersteller gewonnen, und nach einigen Testläufen begann die Post vor etwas mehr als zwei Jahren, flächendeckend Paketautomaten aufzustellen. Bis Ende 2007 will die DHL, die für Pakete zuständige Tochter der Post, bundesweit 1000 Packstationen in Betrieb nehmen. Wo genau die Geräte stehen, wird nach einer komplizierten Formel entschieden. Wie viele Menschen leben in der Nähe und in welchen Haushaltsgrößen? Wie viele orangefarbene Benachrichtigungskarten werden eingeworfen? All das geht in die Berechnung eines selbst entwickelten Standortindex ein. Ein Drittel der Automaten steht neben Postfilialen, also auf eigenen Grundstücken mit geringen Kosten für die Strom- und Datenleitungen. Keine Rolle bei der Standortwahl spielen das örtliche Lohnniveau oder die Arbeitslosenquote. Der Paketautomat steht auch schon in Magdeburg oder Leipzig.

Und doch fällt es schwer, eine klare Jobbilanz zu ziehen. Auf der einen Seite entstehen schließlich Arbeitsplätze – beim Hersteller in Österreich oder auch im Team von Boris Mayer: Dort organisieren 45 Ingenieure, Informatiker und Marketing-Spezialisten den Vormarsch der Maschine. Hinzu kommen externe IT-Fachleute und Techniker des konzerneigenen Wartungsdienstes, die sich neben defekten Geldautomaten und Wertzeichendruckern auch um die Packstation kümmern. Auf der anderen Seite fällt in den Postfilialen Arbeit weg – ausgerechnet dort, wo es nach internen Kalkulationen des Konzerns schon heute einen "Überhang" von 2500 nicht ausgelasteten Mitarbeitern gibt. Auch die 8000 Paketzusteller der DHL haben durch die Automaten weniger zu tun, denn jetzt liefern sie mitunter 60 Sendungen auf einmal an einer Packstation ab, statt 60 verschiedene Haustüren abzuklappern.

Zunächst muss zwar niemand um seinen Job bangen – bis Ende 2006 gilt bei der Post ein Beschäftigungspakt, in Teilen des Konzerns sogar bis Ende 2007. Aber dann? Projektleiter Mayer pocht darauf, dass die Packstation einen zusätzlichen Service darstelle, neben der bestehenden Paketauslieferung. Und: Fast jeder dritte Packstationsnutzer bestelle laut Kundenumfragen mehr im Versandhandel als früher. Im Idealfall ersetzt die Packstation also nicht nur Arbeit, sondern sorgt für neues Geschäft.

Selbst dann aber stellt sich die Frage: Könnte man diesen zusätzlichen Service nicht mit zusätzlichen Arbeitskräften statt Apparaten anbieten? Immerhin kostet der bloße Paketautomat laut Hersteller rund 40000 Euro. Hinzu kommen die laufenden Kosten. Wäre es völlig abwegig, statt der Maschinen Hilfskräfte zu beschäftigen, die in den Abendstunden Pakete ausgeben? Wenigstens dort, wo die Arbeitslosigkeit hoch und das Lohnniveau sehr niedrig ist?

Die Konzernlogik der Post sieht das nicht vor, der Tarifvertrag kennt keine regionalen Unterschiede: Von Rostock bis München gelten dieselben Lohnsätze. Je nach Familienstand und Alter bekommen Paketzusteller und einfache Schaltermitarbeiter etwa 22000 bis 26000 Euro im Jahr plus Zuschläge. Einstiegstarife für Arbeitslose sind nicht vorgesehen – die Gewerkschaft ver.di fürchtet, die Post könnte sie nutzen, um die Löhne zu drücken.

Und längere Öffnungszeiten? Bei einem Feldversuch in Dortmund durften Postkunden wählen, ob sie sich Pakete an eine Packstation oder an die nächstgelegene Filiale schicken lassen. "96 Prozent entschieden sich für die Packstation", sagt Projektchef Mayer. Das Ergebnis hat nur einen Schönheitsfehler: Die Filialen gingen mit ihren normalen Öffnungszeiten ins Rennen. Kein Wunder, dass Kunden den Automaten bevorzugten. Mayer bezweifelt, dass es wirtschaftlich sein könnte, abends einen Paketschalter zu öffnen. Dafür müssten viele Filialen aus Sicherheitsgründen umgebaut werden. Und man benötigte mindestens zwei Mitarbeiter pro Filiale. Er räumt aber ein: "Gegengerechnet haben wir das nie." So ist der Einsatz arbeitssparender Technik im Denken vieler Manager zur Routine geworden. Stellen für einfache Arbeit zu schaffen erscheint abwegig. Man versucht es gar nicht mit voller Kraft.

Im Hinausgehen deutet Mayer stolz auf die zahlreichen Auszeichnungen, die den Flur schmücken. Den Innovationspreis der deutschen Wirtschaft haben sie für die Packstation bekommen, den World Mail Award und den Deutschen Multimedia Award. Gleich daneben hängt ein goldumrahmtes Werbeplakat der DHL. Darauf steht: "Mitarbeiterin des Monats". Es ist die Packstation. Sie verkündet: "Ich bin zuverlässig". "Ich koste nichts".

Wer bei der Post einzelne Mitarbeiter befragt, hört unterschiedliche Kommentare zur Packstation. Bernd Rademacher, der in Hamburg Pakete zustellt, findet die neue Technik "toll". Er ist seit 26 Jahren bei der Post, genießt noch Beamtenstatus und muss sich um seinen Job nicht sorgen. Anders Frank Müller (Name geändert). "Natürlich nehmen uns die Dinger Arbeit weg", sagt er. "Bei uns waren alle froh, als unser Filialleiter verhindert hat, dass wir auch so eines hingestellt bekommen."

In Hamburg schult Heinrich-Werner Bruns-Jürgens Paketzusteller für den Umgang mit den Automaten. Er sagt: "Die Sorge, wie viel noch von der eigenen Arbeit übrig bleibt, ist ein ganz großes Thema. Ich erkläre dann immer, dass es ein zusätzliches Angebot ist und wir uns dem Wettbewerb stellen müssen, aber ganz kriegt man die Sorgen nicht weg." Auch der Gesamtbetriebsrat, der für alle Postmitarbeiter sprechen könnte, dürfte eine Meinung zur Packstation haben. Vielleicht hat er sogar Alternativen erwogen. Leider gibt er dazu keine Auskunft. Telefonische Anfragen werden abgelehnt, eine schriftliche bleibt unbeantwortet. Kein Interesse?

Viele Ökonomen meinen, dass Gewerkschaften und Betriebsräte sich naturgemäß nur um Vorteile für Beschäftigte kümmern und die Arbeitslosen links liegen lassen. Das ist die Insider-Outsider-Theorie. Demnach ist die Packstation für den Betriebsrat kein dramatisches Problem, solange der Beschäftigungspakt gilt, solange viele Postler noch unkündbare Beamte sind und solange Stellen bloß "sozialverträglich", also ohne Kündigungen abgebaut werden. Und die Alternative zum Paketservice der Maschinen – späte Arbeitszeiten in den Filialen und reduzierte Löhne für Hilfskräfte – entspräche ganz und gar nicht gewerkschaftlichen Idealen.

Immerhin mag man sich dort äußern, wo Packstation Nummer 118 Dienst tut. Karsten Voßberg, Betriebsratschef für die Hamburger Filialen, sagt: "Bei der Packstation bin ich als Arbeitnehmervertreter hin- und hergerissen." Einerseits "ist es bitter, wenn uns diese Arbeit flöten geht". Andererseits sei die Wertschöpfung bei der Ausgabe von Paketen gering. Womöglich sei es besser, wenn sich die Post in den Filialen auf höherwertige Dienste wie die Bankberatung konzentriere. "An den Paketen verdienen wir kaum etwas", sagt Voßberg, "und dafür können wir dann auch keine hohen Löhne verlangen."

Sind nun in Deutschland einfach die Lohnforderungen zu hoch? Oder vernichtet der technische Fortschritt unweigerlich Jobs? Ein Institut, das sich diesen Fragen widmet, wird von der Post mitfinanziert. Es ist das Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA).

Gar nicht weit vom Projektteam der Packstation entfernt, in einer alten Villa, arbeitet Hilmar Schneider. Unter seinem Bürofenster ziehen träge die Flussschiffe den Rhein herauf. Etwa 30 Mitarbeiter zählt das IZA, Schneider leitet den Bereich Arbeitsmarktpolitik. Er ist ruhig, fast verschlossen, spricht langsam und mit leiser Stimme.

Wird die Arbeit knapp, weil die Technik voranschreitet? Schneider deutet aus dem Fenster. "Sehen Sie die Lastkähne? Vor nicht einmal 200 Jahren wurden die Schiffe per Hand gezogen. Man brauchte 15 Mann, um zehn Tonnen zu ziehen. Als die Motoren kamen, wurde eine ungeheure Menge menschlicher Arbeitskraft freigesetzt. Aber ist uns damals die Arbeit ausgegangen?" Seit Menschengedenken, sagt er, verdränge der Fortschritt alte Jobs. Es entstünden aber immer neue Produkte und Bedürfnisse. "Das Problem ist der ständige Wandel, der damit verbunden ist, denken Sie an die Weber. Bekommen die Leute, die ihre gewohnte Arbeit verlieren, schnell genug in neuen Wirtschaftszweigen Jobs?" Schneiders Schluss: Der Staat muss alles tun, damit neue Industrien und Dienstleistungen entstehen. Durch mehr Hilfen für Existenzgründer und weniger Subventionen für alte Branchen. Allerdings geht der technische Wandel zulasten der Geringqualifizierten. Vor allem einfache Arbeit lässt sich ersetzen, gleichzeitig entstehen Jobs für Höherqualifizierte. Daher lässt sich Arbeit nicht einfach umverteilen, und deshalb ist es so wichtig, das Bildungssystem zu verbessern, auch wenn sich das nur langsam auswirkt.

Wenn hierzulande aber bereits Massenarbeitslosigkeit herrscht und trotzdem immer neue Automaten aufgestellt werden, scheint das Tempo des technischen Fortschritts wahnwitzig. Schneider sieht darin Anzeichen für ein weiteres Problem: Einfache Arbeit sei zu teuer, trotz hoher Arbeitslosigkeit. Ein Grund seien die hohen Steuern und Sozialabgaben; sie zu senken würde den Automatisierungsdruck dämpfen. Und gering bezahlte Jobs seien für die meisten Arbeitslosen nicht attraktiv genug. Netto hätten sie oft nur wenige Euro mehr in der Tasche. Anders gesagt: Wenn der Preis der Arbeit zu hoch ist und deshalb eine falsche Knappheit signalisiert, kann sich betriebswirtschaftlich eine Automatisierung lohnen, die volkswirtschaftlich unsinnig ist. Dann werden technische Lösungen beschleunigt, obwohl ein Großteil der Arbeitskraft brachliegt.

Die Packstation wird sich langfristig zwar auf jeden Fall durchsetzen, so wie einst der Geldautomat. Aber das Tempo, in dem sie Arbeit übernimmt, ist nicht vorab bestimmt.

Wenige hundert Meter von Packstation Nummer 118 entfernt steht ein Kiosk. Dort stapeln sich – zwischen Bild, Marlboro und Lottoscheinen – Dutzende Pakete. Es ist der Laden von Evangelos Mantarlis. Sein Kiosk gehört zu 11000 Hermes-Paketshops, die in Bäckereien, Tabakläden und Tankstellen untergebracht sind. Auch dort kann man Pakete aufgeben oder in Empfang nehmen. Seit ein paar Jahren bietet Hermes den Transport an. Ursprünglich bastelte der Post-Konkurrent auch an einem Automaten. Doch dann setzte man auf eigene Zusteller und auf Menschen wie Evangelos Mantarlis.

"Ich mache mir wegen der Packstation keine Sorgen", sagt der Geschäftsmann. Er richtet gerade einen zusätzlichen Raum für die Pakete ein, weil er sie in seinem Laden gar nicht mehr unterbringen kann. Sein Vorteil sind lange Öffnungszeiten – von morgens um sechs bis abends um acht. Und niedrige Preise: Mantarlis verschickt Pakete billiger, als Nummer 118 es kann.