energiestreit Moskaus Rohrkrepierer

Russland will die Ukraine durch hohe Gaspreise gefügig machen – und erreicht das Gegenteil: Die Ukrainer feiern in der Kälte trotzig ihre Unabhängigkeit

Kiew

Zuerst versteht keiner den ukrainischen Präsidenten, aber das ist nicht so wichtig. Auf dem Unabhängigkeitsplatz, wo Wiktor Juschtschenko vor einem Jahr als Triumphator der orangefarbenen Revolution mit seinen Anhängern Silvester feierte, bleibt bei der Übertragung seiner diesjährigen Neujahrsansprache auf einer Großleinwand kurz vor Mitternacht der Ton weg. Als der Toningenieur das Malheur behebt, reagieren manche mit leichtem Applaus. Andere bemühen sich um ihre Sektflaschen. Orangefarben sind in der Menge nur die Spaghettihaarperücken und aufsetzbaren Schweineohren aus fernöstlicher Produktion. Die Ukraine ist in die politische Normalität zurückgekehrt. Doch als die Menschen a cappella ihre Nationalhymne anstimmen, wird wieder jene eigenständige Kraft spürbar, die das Land zum Verdruss Russlands in westliche Richtung treibt. Dann ruft der Sänger der Popgruppe auf der Bühne: »Wir haben keine Angst vor 230 Dollar!« Die Menge jubelt und feiert.

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Die Mehrheit der Kiewer nimmt den russisch-ukrainischen »Gaskrieg« mit Gelassenheit auf. Die Internet-Spaßguerilla fordert in Anspielung auf die russische Puppe in der Puppe, das Land zur matroschkafreien Zone zu erklären. In Lwiw, dem früheren Lemberg, legen einige Nationalisten ihre Partisanenuniform an und schrecken das Sicherheitspersonal des russischen Konsulats mit Mahnwachen auf. Die meisten jedoch genießen die neun Neujahrsfeiertage.

Preisanstieg? »Wir haben keine Angst vor 230 Dollar!«

Im Pressezentrum des Kiewer Außenministeriums herrschte dagegen zum Jahresanfang Hektik. Juschtschenko traf die Botschafter der Europäischen Union, Japans und der USA und gab zu verstehen, dass der Westen sich ruhig einmischen solle. Er wirkte frisch und entschlossen, als habe ihm der Gasstreit einen Adrenalinstoß wie einst zu Revolutionszeiten verpasst. »Das ist ein wahrer Krieg um die Unabhängigkeit der Ukraine«, hatte er zuvor verkündet. Juschtschenko erkennt, dass ihm Russlands Starrköpfigkeit eine unverhoffte Chance bietet. Die Forderung, den Erdgaspreis pro 1000 Kubikmeter von 50 auf 230 Dollar zu erhöhen, und das Abschalten des Energiestroms könnten dem längst ergrauten Revolutionsheroen neue Kraft einhauchen.

Der Druck aus Russland mobilisiert die politischen Lager und das Nationalgefühl der Ukrainer wie vor knapp anderthalb Jahren die überzogene Kampagne des russischen Präsidenten Wladimir Putin für Juschtschenkos Gegenkandidaten. Der Gasstreit fördert ungewollt die »Nationenbildung« vor allem in der westlichen und zentralen Ukraine und beschleunigt das Ende des postsowjetischen Raumes in Europa. Russland verstößt, was es mit Macht halten wollte.

Beide Streitparteien hatten sich in den vergangenen zwei Wochen zu verantwortungslosen Drohungen verstiegen. Die Ukraine brachte eine Erhöhung der Transitgebühren für russisches Gas nach Westeuropa und der russischen Miete für den Marinehafen von Sewastopol auf der Krim ins Spiel. Russland konterte, indem es den Transit von turkmenischem Gas, das die Ukraine zu gut einem Drittel versorgt, über sein Territorium unterband und gar die Grenzen des Nachbarlandes infrage stellte. Der Showdown glich einem Duell, bei dem sich am Ende beide Schützen verwundet auf dem Pflaster krümmen. Dabei geht es scheinbar nur um den neuen Gaspreis für die Ukraine. Der russische Konzern Gasprom verlangt als »Marktpreis« 230 statt bisher 50 Dollar. Das lehnt die Ukraine als zu hoch ab. Die baltischen Staaten bezahlen maximal 125, die Türkei 115 und Georgien 100 Dollar für russisches Gas. Weißrusslands diktatorischer Präsident Alexander Lukaschenko erhält einen Freundschaftspreis von 46 Dollar.

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