wohnen »Das Wohnhaus wird zur Kampfarena«

Wohnen dürfe nicht dem freien Markt überlassen werden, warnt der Berliner Soziologe Hartmut Häußermann. Sonst drohten soziale Spaltung und am Ende Slums

DIEZEIT: Was ist schlecht daran, wenn Finanzinvestoren in Deutschland ganze Wohnungsgesellschaften mit sozialer Funktion kaufen?

Hartmut Häußermann: Es bedeutet, dass der Bestand an Wohnungen in der Hand von Wohnungsgesellschaften, die eine soziale Verpflichtung sehen, rasch abnimmt, wenn er an Unternehmen wechselt, die vorwiegend an einer kurzfristigen Rendite interessiert sind. Das ist ein Orientierungswechsel. Wohnen wird noch stärker kommerziellen Aspekten unterworfen, als es ohnehin schon ist. Wohnen ist ein soziales Gut, eine Dienstleistung. In den sechziger Jahren gab es die Parole: Wohnen darf nicht Ware sein. Das heißt, die elementare Notwendigkeit, ein Heim zu haben, darf nicht Spielball von Märkten sein. Hinzu kommt, dass die Kommunen sich durch solche Wohnungsverkäufe freiwillig, ja man muss sagen: mutwillig aus den Möglichkeiten zur Steuerung der Stadtentwicklung zurückziehen.

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ZEIT: Was ändert sich, wenn eine Wohnung ausschließlich eine Ware ist?

Häußermann: Dann erlangt das Gewinnkalkül einer Kapitalgesellschaft zentrale Bedeutung für Ihre persönlichen Lebensumstände. Sie sind als Mieter dann immer weniger Herr Ihrer eigenen Verhältnisse. Zwar gibt es ein gutes Mietrecht in Deutschland, aber dauernd um seine Rechte kämpfen zu müssen bedeutet Stress und verdirbt das Wohngefühl. Das Wohnhaus wird zur Kampfarena. Wenn finanzielle Anforderungen hochgeschraubt werden, müssen Sie möglicherweise umziehen, sich unfreiwillig einer neuen Umgebung anpassen. Das schafft einfach Unruhe, überflüssige Unruhe im Leben von Menschen, aber auch in Nachbarschaften und schwächt so die soziale Stabilität.

ZEIT: Aber viele Kommunen sind stark verschuldet. Ist da Privatisierung nicht ein Ausweg?

Häußermann: Nein, die Wohnungsversorgung stärker dem Markt zu überlassen, das war die Umorientierung in der Wohnungspolitik, die in den achtziger Jahren eingeschlagen und in den Neunzigern realisiert wurde. Der Staat solle sich aus der Wohnungsversorgung zurückziehen, weil es keine Wohnungsnot mehr gebe, die den Eingriff rechtfertige. Das war eine ordnungspolitische Grundsatzentscheidung. Man könnte ebenso gut eine andere Grundsatzentscheidung treffen: Der Staat hat Haushalte mit niedrigeren Einkommen mit preiswerten Wohnungen zu versorgen. Deshalb muss er immer über ein gewisses Quantum an Wohnungen in einer Stadt verfügen können. Wenn er das nicht mehr kann, wird es diese extremen sozialen Entmischungen geben, die wir in anderen Ländern sehen und die zu politischer Unruhe führen.

ZEIT: Warum führt das zu politischer Unruhe?

Häußermann: Wenn Sie eine große Zahl von Menschen haben, die über kein Einkommen verfügen und denen auch kein Sozialstaat unter die Arme greift, und wenn es gleichzeitig einen Wohnungsmarkt gibt, der völlig frei ist von sozialen Interventionen, dann werden beide Probleme mit kumulativer Wirkung verknüpft. Dann bilden sich Stadtgebiete heraus, wo die Ärmsten in den schlechtesten Beständen wohnen – und das sind Slums.

ZEIT: Wo, bitte, gibt es in Deutschland Slums?

Häußermann: Es gibt Beispiele, nicht ganze Stadtteile, aber kleinräumige Gebiete, in Köln zum Beispiel das Gebiet Kölnberg. Da wird die Notlage von Menschen ausgebeutet und nichts investiert – das ist schon so was wie ein Slum.

ZEIT: Ist der soziale Wohnungsbau eine deutsche Sonderentwicklung?

Häußermann: Der soziale Wohnungsbau ist nach der Demokratisierung in Deutschland eingeführt worden. In der Weimarer Republik gab es die ersten Wohnungsbauten mit öffentlicher Förderung. Die politische Absicht war, die extreme soziale Segregation, die durch den freien Wohnungsmarkt in den Städten entstanden war, abzubauen, also die proletarischen Wohnviertel zu beseitigen. Gutes, gesundes, hygienisches Wohnen sollte unabhängig vom Status auf dem Arbeitsmarkt möglich sein. Arme Leute sollten nicht auch schlecht wohnen. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist im Wohnungsbaugesetz verankert worden, dass der soziale Wohnungsbau breiten Schichten der Bevölkerung dienen soll, also nicht nur den Armen oder Ausgegrenzten. Sozialer Wohnungsbau war kein Fürsorgewohnungsbau, sondern ein gesellschaftliches Instrument, das zur Integration des Proletariats in die bürgerliche Gesellschaft diente.

Leser-Kommentare
    • lef
    • 09.01.2006 um 18:43 Uhr

    davon strotzt dieser "Soziologen"-Beitrag.
    1. die Förderung (Subvention) des "sozialen" Wohnungsbaues war von Beginn an ein Selbstbereicherungsinstrument, unter Beteiligung kommunaler Verwaltungen plus halböffentlicher, plus eigens hierfür gegründeter Unternehmen, plus Gewerkschaften "Neue Heimat"), plus mittelständischen "Baulöwen" mit dem richtigen Parteibuch.
    Wäre dies nicht eine so starke Lobby, wäre dieses Milliardenloch genau so längst geschlossen, wie die landwirtschaftlichen Subventionen und v.m.
    Die Privatisierung ist die einzige Lösung, diese für ewig festzementierte Verschwendung zu begrenzen und die "Förderungs"-Gelder in Zukunft sinnvoller einzusetzen. Hier von „mutwillig“ zu sprechen, ist ein Hohn! Es ist die nackte Verzweifelung angesichts leerer Kassren, die weiterhin von Unternehmen des „sozialen“ Wohnungsbaues geplündert werden.
    2.Die soziologische Separation ist GERADE durch die Mammutsiedlungen im Rahmen des "sozialen" Wohnungsbaues produziert worden, die heutigen "Brennpunkte".
    Auch Privatunternehmen haben zwar mit dieser Erblast zu kämpfen, aber noch viel schlimmer, als die bisherigen Verwalter KÖNNEN die es kaum noch anstellen.
    Zumindest haben die neuen Besitzer ein echtes Interesse an guter Wohnqualität - das haben die bisherigen Betreiber kaum erkennen lassen.

    3. Das deutsche Mietrecht ist klar und eindeutig mieterfreundlich wie kaum ein anderes in Europa.
    Dass es trotzdem nicht hilft, im Gegenteil, die Situation eher verschlimmert, zeigt das Beispiel der Brennpunkte in Frankreich - mit durchaus sehr gepflegten Siedlungen (von außen). Die innere Verwahrlosung ist anderen Umständen zuzuschreiben, aber wenn ein Soziologe einkommensschwachen Bürgern das Recht gibt, ihr Viertel zum Slum werden zu lassen zu lassen, ist das schon sehr bedenklich.
    Das Mietrecht ist in Frankreich übrigens noch sozialer, als in Deutschland - geholfen hat es dort wenig.
    Fazit: wenn es in Deutschland immer noch nicht zu solch furchtbaren Zuständen gekommen ist, wie in Frankreich, liegt das sicher nicht an den hiesigen Betreibern der Trabantenstädte,
    DIE sorgen hier eher kräftig dafür, dass es demnächst auch hier brennt.
    Private Wohnungsbaugesellschaften werden ein sehr viel stärkeres Interesse daran haben, ihre Immobilien zu schützen. Dazu gehört sicher auch eine Entflechtung von Mieterstrukturen, wenn es nötig sein sollte.
    „Das schafft einfach Unruhe, überflüssige Unruhe im Leben von Menschen, aber auch in Nachbarschaften und schwächt so die soziale Stabilität.“ Sagt der Verfasser.
    Er sollte wissen, dass gerade in Brennpunkten (siehe Frankreich) die innere Mafia und andere Strukturen das leben der Anderen zur Hölle machen kann.
    Von welcher „innerer Stabilität“ träumt er?

    3. Der soziale Wohnungsbau kam eigentlich IMMER viele Jahre zu spät, bei jeder (zyklischen) Wohnungsnotsituation wurden überstürzt und hektisch Ballungsgebiete aus dem Boden gestampft, die heute mit Recht kaum vermietbar sind - bröckelnde Plattenbauten in kargem Umfeld auch in westdeutschen Trabantenstädten.

    4. Auch die Behauptung, der „soziale“ Wohnungsbau der Nachkriegsjahre hätte menschenfreundlichere Häuser und Wohnungen erschaffen, ist schlichte Unwissenheit. Bessere Entwürfe gab es bereits seit 100 Jahren, wurden auch realisiert (siehe Bruno Taut – dessen Häuser sind HEUTE grundrissgerecht für HEUTIGE soziale Anforderungen, nach NEUESTEN Mindestbedarfsberechnungen).
    Gerade die Trabantenstädte der 70er Jahre und noch viel später gebaut zeigen erhebliche leider unveränderbare Grundrissmängel. Die vom Verfasser behauptete gesellschaftliche Integration ist gerade dadurch verhindert – es sind ausschließlich Wohnungen, die für kinderreiche Familien zugeschnitten sind, viel zu große Wohnzimmer, winzige Küchen und nur wenige kleine Schlafzimmer.

    5. Wäre der Wohnungsbau von Beginn an (nach dem Krieg mit behutsamer Subvention) von privater Seite aus betrieben, wäre nichts schlimmer, aber ganz sicher Vieles besser entstanden und vor Allem: Besser gewartet worden.
    In der immer noch heutigen Situation steht der private Hausbesitzer in krasser Konkurrenz zu großen Wohnungsbaugesellschaften, die versteckte Subvention in mehr als doppelter Höhe der Wohnungsmiete einstreichen, OHNE sich um deren Zukunft zu kümmern (z.B. Tilgung der Kredite, Modernisierung aus den Einnahmen ff) .
    Für privat erzielte Mieten knapp über dem Sozialmietniveau erwartet man von privaten Hausbesitzern mehr Angebot, als vom hochsubventionierten sozialen Wohnungsbau, und das Überraschende ist: Dort funktioniert es.

    Das vom Verfasser angeführte Beispiel „Kölnberg“ in Köln IST ja gerade ein Negativbeispiel, wie kommunale und halböffentliche Betreiber ein ganzes Wohngebiet verkommen lassen, letztlich nur kassieren, aber nichts verändern.
    „Da wird die Notlage von Menschen ausgebeutet und nichts investiert – das ist schon so was wie ein Slum“, sagt er.
    Stimmt. Aber es sind genau DIE Betreiber und DEREN Pfründe, die der Verfasser hier schützen will.
    Und es sind offenbar genau solche Soziologen, die für den Erhalt dieser inneren Strukturen plädieren. Man sollte denen auferlegen, dort eine Weile wohnen zu müssen.

    Der Verfasser ist Architekt und Hausbesitzer

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