Stammzellforschung »Wir sollten nicht zuviel versprechen«

Der Krebsforscher Axel Ullrich warnt vor überzogenen Erwartungen in die Forschung an embryonalen Stammzellen und plädiert für sehr viel mehr Geduld

Die Zeit: Sie arbeiten in Singapur an neuen Krebsmedikamenten. Dort wird auch mit Hochdruck an Stammzellen geforscht. Was haben Ihre Kollegen zum Skandal um den südkoreanischen Stammzellforscher Hwang Woo-Suk gesagt?

Axel Ullrich: Es gab keine offizielle Reaktion. Und unter den asiatischen Kollegen wird das Thema nicht diskutiert. Jeder weiß, wie schlimm der Gesichtsverlust ist – auch für das Land Korea. Als westlicher Beobachter kann man gar nicht richtig abschätzen, wie dramatisch das ist. Ganz furchtbar.

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Zeit: Passiert so etwas, wenn man einen Erfolg in der Biotechnologie erzwingen will?

Ullrich: Das könnte man so sehen. Aber ich möchte daran erinnern, dass derartige Ereignisse auch in Europa passierten – in einem ganz ähnlichen Wissenschaftszweig übrigens, in der Zellforschung. Ich glaube, dass der Skandal eher etwas mit dem Gebiet der Stammzellforschung zu tun hat als mit dem geografischen Teil der Erde. Erfolge in diesem Feld werden große Auswirkungen auf die Menschheit haben. Der Erfolgswunsch führt dann manche Forscher auf die falsche Bahn.

Zeit: Und trotzdem gewinnt man den Eindruck, dass der Stammzellforscher Hwang Woo-Suk in einer Weise gefeiert wurde, wie es bei uns undenkbar gewesen wäre.

Ullrich: Da haben sie Recht. Ich war im Juli auf einer Erkundungstour in Korea. Dort arbeiten nur wenige Ausländer in den Labors, es sind hauptsächlich Koreaner, und auch damit verbindet sich ein erheblicher nationaler Stolz. Außerdem muss man zugeben, dass in Asien charismatische Figuren besonders hoch gehoben werden. Führen, seinen Status erhöhen und das Gesicht wahren, das sind Prinzipien, die die gesamte asiatische Welt durchdringen. Und das ist für Herrn Hwang von einem Extrem ins andere umgeschlagen. In Singapur geht es pragmatischer zu – aber hier ist der Anteil an Ausländern in den Labors auch besonders hoch. In Deutschland läuft es ganz anders. Da wird das englische Understatement zur Perfektion getrieben. Drei Gentechnik-basierte Medikamente habe ich mitentwickelt, und trotzdem werde ich nicht gefeiert.

Zeit: Wird man jetzt in Singapur einfach weiter an menschlichen Stammzellen arbeiten, als wenn nichts geschehen wäre?

Ullrich: Ich habe nichts Gegenteiliges gehört. Im Übrigen muss kreative wissenschaftliche Arbeit frei bleiben. Es gibt ja auch keinen unmittelbaren Grund, etwas an der etablierten Wissenschaftskultur zu ändern. In vielen Jahrzehnten hat sich immer wieder gezeigt, dass die Überprüfung wissenschaftlicher Arbeiten durch Experten auf dem Gebiet bis auf wenige Ausnahmen gut funktioniert.

Zeit: Ist so etwas Komplexes wie die Stammzellforschung überhaupt geeignet für ein erfolgsorientiertes Investment?

Ullrich: Ich spüre schon, dass die staatlichen Geldgeber häufiger nachfragen: »Wo bleiben die Erfolge? Was macht ihr mit dem Geld?« Auch die Geldquellen Singapurs sind nicht unerschöpflich. Dabei habe ich in meiner Karriere zur Genüge erlebt, wie mühsam Forschung ist. Meine Arbeit hat in zwanzig Jahren zu zwei Krebsmedikamenten geführt. Bis wir bei den Stammzellen fassbare Erfolge sehen, werden sicher noch ein, zwei Jahrzehnte ins Land gehen. Bis dahin sollten die Forscher den Journalisten und die Journalisten ihren Lesern nicht zu viel versprechen.

Interview: Harro Albrecht

 
Leser-Kommentare
  1. Prof. Ullrich hat voellig Recht wenn er sich mehr Geduld und Realitaetsbewusstsein sowohl in der Bevoelkerung als auch bei Journalisten hinsichtlich der Forschung an humanen embryonalen Stammzellen wuenscht. Ein guter Ansatz dies - zumindest in der Zukunft - zu erreichen ist, die wissenschaftliche (Grund-)Bildung in der Gesellschaft zu verbessern. Dies wuerde auch dazu beitragen, entsprechende ethische Diskussionen zukuenftig sachlicher fuehren zu koennen.
    Vielleicht haette Herr Ulrich bei dieser Gelegenheit auch daran erinnern koennen, dass - trotz massiver finanzieller Aufwendungen - anwendbare Ergenisse aus der molekularen Krebsforschung zwei Jahrzehnte auf sich warten liessen und nach wie vor relativ spaerlich sind.
    Was den wissenschaftlichen Skandal um suedkoreanische Forscher und humane embryonale Stammzellen anbelangt, so muss man ganz deutlich zwei Bereiche dieses Forschungszweigs voneinander trennen: das therapeutische Klonen (an dem neben der betroffenen Forschergruppe in Suedkorea nur eine handvoll anderer Forscher weltweit arbeiten) und die Grundlagenforschung an bestehenden Stammzelllinen, die hoffentlich einmal zu anwendbaren Ergebnissen in regenerativer Medizin, Gentherapie, drug development etc fuehrt.
    Meine Arbeitsgruppe in Singapur arbeitet an der Erforschung grundlegender biologischer Prozesse in humanen embryonalen Stammzellen und es ist klar, dass diese Zellen zum Teil andere molekulare Signaturen aufweisen als embryonale Stammzellen der Maus. Man kann also nicht unmittelbar Ergebnisse von einem Modellsystem wie der Maus auf das humane System uebertragen. Dies macht diesen Zweig der Forschung besonders reizvoll; allerdings auch komplexer. Die klinische Anwendung humaner embryonaler Stammzellen wird sich dadurch wohl auch verlangsamen. Auch wird es noch einige Zeit dauern, bis "sichere" Stammzelltherapien fuer Patienten entwickelt werden koennen, wenngleich wohl schon in diesem Jahr mit den ersten klinischen Versuchen am Menschen begonnen wird. Jetzt also die gesamte Forschung an humanen embryonalen Stammzellen wegen des suedkoreanischen Betrugs in Frage zu stellen, ware mit nichts anderem zu begruenden als Ignoranz und der Kapitulation vor einer komplexen Materie.
    Prof. Dr. Peter Droege
    School of Biological Sciences, Nanyang Technological University, Singapur

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