golfstaat Immer wieder Jemen
Geständnisse eines reisenden Wiederholungstäters
In so ein Land fährt man nicht. Schon gar nicht immer wieder. Und wenn man es doch tut, schuldet man seinen Freunden ein paar Erklärungen. Die Weihnachts-Entführung der Familie Chrobog hat die unfrohe Botschaft wieder einmal erneuert: Jemen? Das ist doch diese Weltgegend, wo sich krummdolchige Waffennarren gern mal Touristen aus dem Fond eines Toyota Landcruisers zupfen, um sie sich dann wieder abhandeln zu lassen. Gegen Geld, gegen versprochene Schulen, zugesagte Straßen oder inhaftierte Stammesangehörige.
Ich war in den letzten 15 Jahren siebenmal im Jemen, mal eine Woche, mal anderthalb Monate, teils beruflich, teils auf Urlaub. Und es hätte gern öfter und länger sein dürfen.
Verliebt habe ich mich Anfang der Neunziger, es war in Marib, der Ruinenstadt, ein paar Autostunden ostnordöstlich von Sanaa, am Rande der Rub al-Khali, der Großen Arabischen Wüste. Schon vor 3000 Jahren hatten die Sabäer an der Weihrauchstraße eine ökologisch perfekt bewässerte Großoase bewirtschaftet. Eine ihrer Herrschergestalten war die Königin von Saba.
Die deutschen Archäologen, die mir gerade den Marib-Damm (680 Meter lang, 18 Meter hoch) erklärt hatten, machten Mittagspause, und ich stand allein vor dem Mondgott-Tempel. Ein Regenbogen stanzte ein Lichttor in den schiefergrauen Himmel, einen flüchtigen Zirkel, der die acht Säulen des Tempels überspannte. Von Osten, aus der saudischen Wüste, schleppte der Wind Sandschlieren heran, fächerte sie über den Dünen zu blassgelben Schleiern. Schließlich übersprang er die Dünen, in die der Tempel fast wieder zurückgesunken ist, tänzelte auf den sandgeschliffenen Säulen, und die Sonne schmolz über Marib zu einem schwimmenden Fleck.
Und dann geschah es: Staubgepuderte Wassertropfen massierten die Haut. Hier müssen sie getanzt haben, dachte ich, die Priester der Königin von Saba, die Seher und Wissenschaftler des sabäischen Reiches, getanzt, bis der Himmel über der Wüste endlich mit dunklem Grau die Erhörung ihrer Gebete anzeigte. Regen in der Wüste. Und nach so langer Zeit kann ich es ja ruhig zugeben: Ich habe damals ebenfalls getanzt. Vermutlich war das mein Hochzeitstanz mit Felix Arabia, der Beginn einer Langzeitbeziehung.
Zeit ist hier etwas anderes. Die Vergangenheit ist in die Gegenwart eingewebt wie die Schmuckbordüren in die Überwürfe der Frauen. Die Kreuzzüge, das war gerade erst gestern. Und dass der Jemen der Welt die Algebra brachte und den Mokka schenkte, benannt nach dem Ausfuhrhafen Mukha am Roten Meer, ist ganz gegenwärtig. Burkhard Vogt, in den Neunzigern Chef der deutschen Ausgrabungen im Jemen, erzählt gern diese Geschichte: Als seine Experten sich daranmachten, einen sabäischen Tempel auszugraben, kam ein Anlieger und sprach den Wortlaut der Portalinschrift, und zwar zu einem Zeitpunkt, als sie noch tief unter Wüstensand verborgen lag. Die einzig denkbare Erklärung für das Mirakel: Die Worte waren mündlich über Jahrhunderte tradiert worden. Geschichte und Geschichten, der Jemen ist voll davon.
Wenn ich dieses Gefühl von gelassener Tausendjährigkeit spüren will, besuche ich Kaukaban. Kaukaban liegt nur eine gute Fahrstunde nordwestlich von Sanaa: Oberhalb der Marktstadt Shibam krönt sich ein spektakuläres Felshaupt mit sandsteinfarbenen Häusern und einer Stadtmauer, die nachweislich seit der Zeitenwende steht. »Hier ist es gut, hier können wir direkt aus den Wolken trinken«, sagte mir der alte Mann, der von sich behauptet, alle europäischen Sprachen am Klang zu erkennen. Er ist Muezzin und zugleich so etwas wie der Ortsgelehrte. Kaukaban, sagte er, sei jahrhundertelang die Fluchtburg von Shibam gewesen; Stadt und Kastell verband nur ein Ziegensteig – heute eine gut begehbare Himmelsleiter für Wandertouristen.
Flucht spielen heute nur noch die Kinder; sie jagen sich zwischen den Verteidigungsanlagen, die von der Sonne mit dem Fels verbacken und vom Wind sandgestrahlt da liegen. Kinder quellen und wuseln aus Ställen, laufen aus ehemaligen Palästen, die dunkelrotbraun in der Abendsonne brennen. Kinder umlagern Besucher, versuchen, sie mit Charme und Witz zu den Tuchauslagen und Töpferwaren ihrer Eltern, Tanten, Onkel, großen Geschwister zu locken. Kinder, Kinder, Kinder… Nie vergesse ich die aufmunternden Blicke, mit denen ein jemenitischer Fahrer meiner Frau und mir sein erotisch-rot erleuchtetes Ehebett anbot. Zuvor hatten wir ihm gestanden, nur 2 – in Worten: zwei! – Töchter zu haben, eine Zahl deutlich unterhalb der jemenitischen Wahrnehmungsschwelle. Alle Welt sagt dem Jemen, selbst eine superstarke Volkswirtschaft könne einen demografischen Faktor von plus 3,5 nicht verkraften. Extremer Kinderreichtum macht arm. Die Republik Jemen ist der bevölkerungsreichste und ärmste Staat der arabischen Halbinsel. Man sagt dem Jemen auch, dass seine Hauptstadt Sanaa 2010 buchstäblich auf dem Trockenen sitzen wird, denn dann sind die allerletzten Grundwasserreserven erschöpft. Man kann sich den Jemen nicht pausenlos schönschauen, es gibt zu viel herbe Realität.
Doch dann hört man in und um Sanaa, dass Allah die Seinen schon nicht verdursten lassen wird. Und fragt sich ob dieser jemenitischen Verdrängungsleistung unwillkürlich: Was ist wirklich arm? Der Alte aus Kaukaban ist sicherlich kein reicher Mann. Doch sein Angebot, mit mir eine Portion Qat zu teilen, die landestypische Softdroge, war nachgerade verschwenderisch. Es war, als böte ein Münchner einem touristischen Zufallsbekannten nach wenigen freundlichen Worten ein Fünf-Gänge-Menü im teuersten Restaurant der Stadt an. Ich deutete an, dass mir die Blätter-Kauerei nicht bekomme.
Dem Land bekommt Quat übrigens auch nicht besondes gut. Etwa 13 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen tragen Qatsträucher, was vielleicht noch hinnehmbar sein könnte, wären die Pflanzen nicht so durstig. Und Wasser ist fast jemenweit Mangelware. Außerdem belastet das Grünzeugs, dem Frauen wie Männer anhängen, die Familienbudgets in ruinöser Weise.
Qat ist ein heikles Thema im Jemen. Vor einigen Jahren wurde ich Zeuge eines kleinen Aufruhrs. Zukünftige Touristenführer der bedeutendsten jemenitischen Reiseorganisation, der Abu Taleb Group, wollten sich anhand deutscher TV-Berichte einen Eindruck verschaffen, mit welchem Vorwissen ihre Gäste anreisen. In einer der Land-und-Leute-Reportage zoomte die Kamera auf eine pralle Qat-Backe, und dazu raunte es aus dem Off: »Tag für Tag versinkt der ganze Jemen im Drogenrausch!« Erst stummes, dann lautstarkes Entsetzen! Die künftigen Tour-Guides beschlossen spontan, auf eigene Kosten eine Delegation nach Deutschland zu senden, um die Verleumdung zu verbieten. Im Interesse der deutsch-jemenitischen Freundschaft. Sie waren nur schwer aufzuhalten.
Dafür muss man sie lieben. Sie wollen Gerechtigkeit, Wahrheit und Güte; und sie unterstellen jedem Gast, dass er dieselben Anliegen hat. Und nichts beglückt sie mehr, als wenn man sich vom Jemen beeindruckt zeigt: sei es nun vom Wadi Hadramaut mit seinen bis zu 700 Jahren alten Lehmhochhäusern, »ein wunderbares Ensemble« nannte sie Jemen-Freund Günter Grass, sei es von der schönsten Altstadt der Welt, Sanaa, Unesco-Weltkulturerbe, mit ihrem Suk voller Wohlgerüche des Orients – eine Zeitinsel, ein nischenreicher Großmarkt, der noch nicht zur Touristenfalle verkommen ist. Auch wenn man die arabeskischen Geschichten der professionellen Märchenerzähler nicht versteht, kann man die Handlung fast an den Gesichtern der Umstehenden ablesen. Es geht unweigerlich um Ehre und Liebe und um den Zündstoff, der dazwischen liegt. Das beliebteste Märchen hat übrigens mit Entführung zu tun: Ein Liebender entführt seine Angebetete und stellt sich damit – unermessliche Tragik! – gegen seine Familie.
Offenbar sind Entführungen, deren Zahl in den vergangenen Jahren deutlich abgenommen hatte, wieder auf Jemens innenpolitischer Agenda. Und ich frage mich und muss mich fragen lassen, wieso ich zu keiner Zeit, in keinem Landesteil des Jemens so etwas wie Unsicherheit oder Beklemmung gespürt habe. Macht etwa Liebe, Liebe zu Land und Leuten, vertrauensselig? Oder suggerierten mir die eingespielten Abläufe Normalität?
Vor jeder Reise steht der übliche Papierkrieg zur Beschwichtigung der Stammeskrieger: Durchfahrtsgenehmigungen für diverse autonome Gebiete. Die Passierscheine werden von den jemenitischen Travel Guides vor Tourbeginn in den Büros der Stämme in Sanaa eingesammelt. Reisen auf eigene Faust wäre mir in diesem Land, in dem eine Zentralregierung weitgehend nur auf dem Papier besteht, von Anfang an so abwegig erschienen wie eine Afrika-Durchquerung ohne Pass. Die fliegenden Blätter, die bei jeder Tour am Armaturenbrett klemmen, gaben mir irgendwie ein Gefühl von bescheinigter Sicherheit.
Die Beduinen und Bergbewohner schließlich, die bei Wüstendurchquerungen oder Gebirgspassagen zusteigen, signalisierten mir körperlich den Schutz ihres Stammes oder Clans. Signalisieren oder garantieren? Ich hatte nie das Gefühl, unterversichert zu sein. Zumal ich wusste, dass Geiselnahme – so formulierte es der langjährige Leiter der Friedrich-Ebert-Stiftung in Sanaa – »die jemenitische Form der Dienstaufsichtsbeschwerde« ist: Die Stämme versuchen, Versprechen der Zentralregierung einzufordern. Und Geiseln, auch das war bekannt, werden wie Gäste behandelt. Was allerdings weder Kidnapping bagatellisiert noch Ärger, Stress und Angst der Betroffenen aufwiegt.
Es klingelt. Mein Freund Muhammed aus Aden, der ehemaligen Hauptstadt des Südjemens, ruft an. Ich solle dem ganzen deutschen Volk sagen, alle gerecht empfindenden Jemeniten bedauerten den Vorfall. Und inschallah werde das bald aufhören. Ohne Auslastung seines Touristen-Jeeps wird Muhammed das geplante Auslandsstudium seiner beiden ältesten Söhne nicht bezahlen können, geschweige denn die Heirat seiner drittjüngsten Tochter.
Wer sich für Arabien interessiert und auf dem Original besteht, wer den alten Zauber sucht, wer anderes erwartet als marmorgetäfelte Shopping-Malls mit Talmi-Arabesken, der wird immer wieder kommen.
- Datum 05.01.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 05.01.2006 Nr.2
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