Am Anfang standen die Pilgerväter. Auf der Suche nach Freiheit und religiöser Selbstbestimmung flüchteten sie vor der anglikanischen Kirche nach Holland und schließlich in die Neue Welt. Doch revolutionäre Bewegungen pervertieren, das scheint ihr inneres Gesetz zu sein. Und Perversionen gehören zu jenen Elixieren des Teufels, von denen die Kriminalliteratur zehrt – sie ist durchzogen von aufklärerischer Kirchen- und Sektenkritik: schwarze Protestnoten gegen staatstragende Sonntagspredigten.

Die Entwicklung in Gottes eigenem Land hat die Spötter und Satiriker immer schon herausgefordert. So zog Arthur Conan Doyle im ersten seiner Sherlock-Holmes-Romane, der Studie in Scharlachrot , mächtig gegen das Sektenwesen der Mormonen vom Leder. Doyle unterbricht anscheinend unmotiviert auf dem höchsten Punkt der Spannung den Erzählfluss für mehrere Kapitel. Eben noch hat Holmes verkündet, er werde erklären, wie er den Droschkenkutscher als Mörder der zwei amerikanischen Pensionsgäste entlarven konnte – da sehen wir uns in eine romantische Erzählung aus dem Wilden Westen versetzt, in der zwei Mormonensprösslinge eine junge Frau ihrem Verlobten und dem sie beschützenden Vater entreißen, um sie ihrem Harem einzuverleiben. Die beiden legen so den Grundstein für ihre eigene Ermordung viele Jahre später.

Gedeckt werden die Missetäter durch das Terror-Regime, das Mormonenführer Brigham Young in Utah errichtet hat. Eine Geheimorganisation innerhalb der Kirche straft im Namen der Religion. "Ihre Unsichtbarkeit und die damit verbundenen Geheimnisse machten diese Organisation doppelt furchtbar. Sie schien allwissend und allmächtig, und doch war sie weder zu sehen noch zu hören. … Einem voreiligen Wort oder einer überhasteten Tat folgte die Vernichtung, und dennoch kannte niemals jemand das Wesen dieser schrecklichen Macht", so analysierte Arthur Conan Doyle 1887. "Jene, die Verfolgung erlitten hatten, waren nun selbst zu Verfolgern geworden, und zwar zu Verfolgern der schlimmsten Art." Gut hundertzehn Jahre nach dem Schotten hat nun der aus Irland stammende John Connolly den Faden wieder aufgegriffen. In tiefer Finsternis lautet raunend der deutsche Titel, doppeldeutiger, aber nicht weniger ontologisch der englische: The Killing Kind.

Sie töten mit Spinnen, sie zerlegen ihre Leichen, sie predigen Rettung

Connolly, von der amerikanischen Kritik als Schüler Stephen Kings gefeiert, strapaziert das Horror-Arsenal bis zur Ekelgrenze. Abtreibungsärzte, Schwule, jedes mögliche Opfer des religiösen Fundamentalismus findet einen unverwundbaren Todesengel, der es besonders genießt, mit exotischen Giftspinnen zu töten. Diese "mörderische Art" ist ein Erkennungszeichen des Bösen. Connollys Serienheld, Privatdetektiv Charlie Parker, findet es bei seinen Recherchen im Umfeld einer jener ultraorthodoxen Privatkirchen – in den sechziger Jahren wurde das verharmlosend eine Gruppe "gottesfürchtiger Menschen" genannt, "die nach einem schlichten Leben trachteten".

Connolly beschwört die Dämonen sektiererischer Selbstgerechtigkeit in diesem, trotz manchmal überbordenden Gemurmels über Tiefe und Dunkel, mitreißend geschriebenen Thriller mit den schwarzromantischen Mitteln des Horrors: Spinnen, Blutbäder, zerstückelte Leichen.