bundespräsident Mission ohne Zwischentöne
Ungebetene Ratschläge an die Politik, naiv anmutende Reden ans Volk: Bundespräsident Horst Köhler ist in seinem Amt noch nicht angekommen
Ob doch noch ein Bundespräsident aus ihm wird? Es hängt ein Fragezeichen über Horst Köhler. Man muss dazu tatsächlich an eine gern vergessene Vorgeschichte erinnern. Dass Horst Köhler das höchste Staatsamt genießt, ist Resultat eines Plans aus jener Zeit, in der die Verhältnisse noch steuerbar schienen. Auf den ersten Blick jedenfalls ging die Rechnung Angela Merkels mit seiner Nominierung ja auch auf. Getreu der Maxime Gustav Heinemanns 1969, dass die Wahl des richtigen Kandidaten zur richtigen Zeit »ein Stück Machtwechsel« darstelle, wollte sie im Frühjahr 2004 ihr Meisterstück schaffen. Wie das im Einzelnen ablief in jener Nacht, das hat der flüchtige Partner von einst, Guido Westerwelle, jüngst in einem präch enthüllt.
Für sie ging es um den Nachweis ihrer Durchsetzungsfähigkeit – ein Coup mit dem Ziel, eigensinnige Kandidaten wie Wolfgang Schäuble oder gar Konsens-Kandidaten für alle wie Heinrich v. Pierer zu verhindern. Angela Merkel wollte ihre Kanzlerkandidatur sicherstellen. Sie bekam prompt begeisterte Ovationen aus dem Blätterwald, Westerwelle fiel durch den Rost, sie aber sitzt plangerecht auf dem Stuhl Schröders.
Das geht so weit auch in Ordnung. Wir aber haben dafür jetzt an den Risiken und Nebenwirkungen ihres Erfolgs zu tragen. War der nächtliche Pakt am Rande auch ein Schildbürgerstreich? Der »Sherpa« von einst, der Ministern und Kanzlern beim Aufstieg und Kraxeln helfen sollte, genoss als Hintergrundhandwerker zweifellos einen guten Ruf. Zwischen Funktion und Person herrschte Stimmigkeit. Jetzt aber? Ganz offenkundig gingen die drei Journalisten des sterns, die ihn zum Jahreswechsel befragten, davon aus, dass ihnen ein aktiver, ja operativer Politikpraktiker vis-à-vis sitzt. Auftritt: der Supervisor. Er halte »die Zeit für gekommen«, dozierte Horst Köhler, die Ertragsbeteiligung der Arbeitnehmer »wieder auf den Tisch zu bringen«. In der Globalisierung »können solche Kapitalbeteiligungen dazu beitragen, einer wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich entgegenzuwirken«. Ja doch, über eine Art Grundeinkommen könnten wir nachdenken, fuhr er fort, und ein Niedriglohnsektor solle staatlich gefördert werden…
Das Volk behandelt der Präsident wie ein unmündiges Erziehungsobjekt
Nicht genug damit: Mit Angela Merkel und Matthias Platzeck gebe es »weniger Inszenierung, weniger Politik- und Imponiergehabe«, rief er den Jahren mit Schröder nach. Und an die Adresse der Kanzlerin: Den »durchdachten, ausgestalteten Überbau, der klar macht, wie die Welt sich verändert hat und was das Ziel ist«, den sehe er noch nicht, nein, »da sind wir noch nicht weit genug«. Um dann generös hinzuzufügen, er merke ja, »wie ich selbst mit dieser Aufgabe zu kämpfen habe«.
Nein, ein Sündenfall ist das alles nicht. Ja, Präsidenten dürfen auch deutlich werden. Sie sind nicht die Eunuchen der politischen Welt. Je weniger Weihe-Aura in einer liberalen Gesellschaft, desto besser. Im Ernstfall darf das Mündel auch Vormund sein. Aber das entschuldigt nicht den paternalistischen Unterton, mit dem Horst Köhler das »Volk« als eine Art unmündiges Erziehungsobjekt betrachtet, wie nicht die taz, sondern die FAZ irritiert feststellt. »Die Deutschen sind nicht blöd«, befindet Horst Köhler, um dann aber den dringenden Rat anzufügen, »wir Deutschen« sollten uns als Lerngemeinschaft verstehen. Wir? Will er mitlernen, mehr über die zivile Gesellschaft erfahren, die über Jahrzehnte nur »Geschenke« einstreichen wollte? Oder will er sich an deren Spitze stellen, um der Sache den rechten Schwung zu geben?
Es geht ja noch weiter: Gezeigt hat sich, dass das Volk, dieser Lümmel, sich so leicht gar nicht pädagogisieren lässt. Weder sorgte es bei den Wahlen für die klaren Mehrheiten zugunsten der »Schicksalsgemeinschaft« Merkel/Westerwelle, noch lieferte es den Freibrief für eine konsequentere, rigorose »Modernisierungspolitik«. Wer muss nach wessen Pfeife tanzen? Es ist der Präsident, der seine Positionen den Verhältnissen anpasst, nicht umgekehrt. Und dennoch möchte er für den »Überbau« sorgen, den er bei anderen vermisst? Da zieht man denn doch die kleinen Brötchen der Angela Merkel vor.
- Datum 05.01.2006 - 13:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 05.01.2006 Nr.2
- Kommentare 10
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Zugegeben-Der Mann gibt ungebetene Ratschläge!
Zugegeben-Dem Mann fehlt die präsidiale, man könnte auch sagen pastorale,Attitüde!
Allerdings sollte man auch fragen dürfen, wer Herrn Köhler in diese Rolle geradezu hineingeschrieben hat.
Es war doch schließlich fast die ganze Journaille, die im Amt des Bundespräsidenten plötzlich eine Art Überregierung sehen wollte.
Man wollte doch ausdrücklich einen Bundespräsidenten, der ungebetene Ratschläge gibt, und der auch manchmal öffentlich über unorthodoxe Vorschläge nachdenkt.
Sobald Herr Köhler aber dieser Rolle, die dem Amt des Bundespräsidenten nie zugedacht war, nachkommt, hagelt es Kritik.
Es keimt der Verdacht, daß Kritik an der neuen Regierungskonstellation grundsätzlich neuerdings unter Verdacht steht.
Plötzlich gelten ökonomische Tatsachen, die über Jahrzehnte
schöngeredet wurden, schon wieder als Krisensuada.
Es riecht wieder nach Helmut Kohl und dessen Aussitzphilosophie.
Zugegeben-Das Amt des Bundespräsidenten taugt im Grunde nur fürs Feuilleton, aber der Versuch aus dieser Rolle auszubrechen ist nicht strafbar.
Zugegeben- Der Mann gibt ungebetene Ratschläge!
Zugegeben- Dem Mann fehlt die präsidiale, man könnte auch sagen, die pastorale Attidüde!
Zugegeben- Der Mann geriert sich als eine Art Überregierung!
Allerdings sollte man schon noch fragen dürfen, wer denn Herrn Köhler in diese vom Grundgesetz nicht vorgesehene Rolle erst überhaupt hineingeschrieben hat.
Es war doch fast die gesamte Journaille,die einen politisch drängenden , ja sogar unbequemen Bundespräsidenten geradezu
herbeigebetet hat.
Kommt nun Herr Köhler dieser Rolle einmal nach, hagelt es von allen Seiten Kritik.
Da keimt schon der Verdacht, daß eine kritische Grundhaltung gegenüber der neuen Regierungskonstellation vielen Medienmenschen bereits als eine Art Majestätsbeleidigung vorkommt.
Wenn das Aussprechen ökonmischer Tasachen, die jahrzehntelang schöngeredet oder totgeschwiegen wurden, schon wieder als Krisensuada bezeichnet wird, dann beginnt es wieder nach Helmut Kohl und seiner Aussitzphilosophie zu riechen.
Zugegeben- Das Amt des Bundespräsidenten taugt eigentlich nur fürs Feuilleton, aber der versuchte Ausbruch aus dieser Rolle und das damit verbundene Nachdenken über unorthodoxe Möglichkeiten ist nicht strafbar.
Zugegeben- Der Mann gibt ungebetene Ratschläge!
Zugegeben- Dem Mann fehlt die präsidiale, man könnte auch sagen die pastorale Attitüde!
Zugegeben- Der Mann geriert sich als eine Art Überregierung!
Alllerdins sollte man noch fragen dürfen, wer denn Herrn Köhler in diese, vom Grundgesetz nicht vorgesehene Rolle erst hineingeschroeben hat.
Es war doch fast die gesamte Journaille, die einen solchen politisch drängenden, ja sogar unbequemen Bundespräsidenten geradezu herbeigebetet hat.
Kommt Herr Köhler dann einmal dieser Rolle nach, so hagelt es von allen Seiten Kritik.
So keimt langsam der Verdacht, daß schon eine gegenüber der neuen Regierungskonstellation skepische Grundeinstellung manchen Medienmenschen wie eine Art Majestätsbeleidigung vorkommt.
Wenn alleine das Aussprechen ökonomischer Tatsachen, die seit Jahrzehnten schöngeredet oder totgeschwiegen wurden, bereits wieder als bloße Krisensuada bezeichnet wird, so beginnt es wieder nach Helmut Kohl und seiner Aussitzphilosophie zu riechen.
Zugegeben- Das Amt des Bundespräsidenten taugt im Grunde nur fürs Feuilleton, aber der Versuch des Ausbruchs aus dieser Rolle, und das damit verbundene Nachdenken über unorthodoxe Möglichkeiten ist nicht strafbar.
Wer Köhler kennt, der weiß, daß Köhler nicht mehr lernen wird Präsident zu sein. Der Zug ist schon lange in die falsche Richtung abgefahren. Dazu bräuchte er andere Persönlichkeiten bzw. andere Kaliber, als sie ihm von der CDU als Aufpasser zugewiesen wurden, in seiner Arbeitumgebung im Schloß Bellevue .
Köhler ist für Deutschland eine Tragödie. Gerade jetzt bräuchten wir einen richtigen Präsidenten. Einen der nicht meint alles besser zu wissen. Horsti, das Volk ist ganz bestimmt nicht blöd - noch nicht.
Heini Lübke läßt grüßen! Theodor Heuß rotiert im Grab, wegen dieses 'dummen Lehrlings' im höchsten Staatsamt. Wolfgang Schäble lacht sich ins Fäustchen!
War Horsti nicht ein Vorschlag von unserer Angie?
... dass volkswirtschaftstheoretische Kompetenz noch keinen Präsidenten macht. Und ich hoffe wirklich, dass mit dem Image von Horst Köhler auch das der so genannten Wirtschatfselite, vor der jedermann und -frau modern seibernd auf Knien rutscht, endlich zu bröckeln beginnt. Wenn ich z.B. Deutschland sein soll, wie man es mir einzureden versucht, wer soll dann Horst Köhler sein?
Vorspiel und Ergebnis zeigen mir wie unwichtig das Amt des Bundespräsidenten letztlich ist.
Der Bundespraesident sollte sehr wohl Einfluss auf die Politik im Lande haben,oder will man nur einen Fruehstuecks-Direktor?
Koehler hat auch die Pisa Berichte gelesen und hat seine Rede fuer sein Publikum verdummt damit sie ihm auch folgen koennen.Aber offenbar ist seine Idee hinter seinem Text bei den Leuten nicht angekommen,denn die geforderte Ehrlichkeit koennte dem Einen oder Anderen zur Anstrengung verdammen.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren