Martin Amis ist diskret. Er erzählt von den Träumen seines Vaters, des berühmten Schriftstellers Kingsley Amis, der die Queen immer Corky nannte. Kingsley küsst Corky ein bisschen, dann sagt er: "Komm, gehen wir irgendwohin." Und Corky sagt Sachen wie "Kingsley, ich kann nicht" oder "Nein, Kingsley, das dürfen wir nicht". Dann der schöne Satz: "Bei Margaret Thatcher ist Kingsley immer sehr viel weiter gekommen."

Auf diese Weise erfahren wir denn doch einiges über traumhaften Sex mit Maggie Thatcher. Sehen wir nicht die Handtasche langsam von der Schulter des dezent gemusterten Jackenkleids rutschen? Und wir erfahren, dass bei einem Gentleman alter englischer Schule die Queen auch in den Träumen tabu ist.

Martin Amis ist diskret in fast allen Belangen der eigenen Familie, der Affären und Scheidungen, der Schmerzen und Krankheiten. Und das ist bemerkenswert, weil erstens sein Buch Die Hauptsachen im Kern von nichts anderem erzählt als den Yellow-Press-notorischen Turbulenzen der eigenen Familie über zwei Generationen. Und weil zweitens grundsätzlich gilt: Martin Amis ist indiskret, er ist großmäulig, dreist, tabulos und angriffslustig wie kein zweiter englischer Schriftsteller. Er schreibt gelegentlich, wie Saturn Werbung macht, enervierend laut, schnell, schnittig: apokalyptisch getrimmte nahe Zukunft, getaucht ins giftige Licht des völligen Wertezerfalls. So in seinem Roman 1999. Oder er arbeitet sich in die seelenzerfetzende Schlacht zweier Schriftsteller um Glück, Glanz, Ruhm hinein, wie im ebenso dicken Roman Information, der dann auch schnell als übergewichtiges Pamphlet im Literaturkampf zwischen Martin Amis und Julian Barnes gedeutet wurde, übrigens auch von Letztgenanntem selbst.

Nun sind Die Hauptsachen, eine eigentümliche Mischung aus Erinnerungsbruchstücken und Familien- respektive Vaterroman, sicher nicht geschrieben, um dieses Bild zu revidieren. Doch auch dem Nichtleser der englischen Boulevardpresse wird klar, in welchem Maße das Image des wilden Dandys Martin Amis von außen gesteuert ist und wie wenig Chancen der Schriftstellersohn hatte, dieser verrückten Hassliebe mit der englischen Öffentlichkeit zu entgehen. Spätestens mit der Entscheidung, es als Schriftsteller seinem Vater gleichzutun, waren die Würfel gefallen. Am Anfang des Buches entschuldigt sich Martin Amis für das exzessive Name-Dropping mit der lakonischen Feststellung, schon sein erstes kindliches "Dad" sei Name-Dropping gewesen. Und den Anhang des Buches bildet ein Namensregister mit rund 500 Einträgen, darunter übrigens kaum Deutsche, eigentlich nur einer: Karl Marx, und dann noch die immerhin deutschsprachigen Freud, Hitler und Kafka. Auch eine Lektion über die Attraktivität der deutschen Kultur in England.

Einmalig in der Weltliteratur, dass Vater und Sohn gleichrangig sind

Doch zurück zu den Hauptsachen. Vater Kingsley Amis war in seiner Jugend Kommunist, wurde später mit John Osborne und anderen dem Kern der Angry Young Men zugerechnet, bevor er im reifen Mannesalter eher reaktionäre Ansichten vertrat, um den Sohn zu provozieren und überhaupt um Freiraum zu gewinnen für Spott, Ironie und hintersinnige Gesellschaftsbilder. Sein Sohn Martin wiederum nahm den kurzen Weg zum Bad Boy der folgenden Generation, oberflächlich immer über Kreuz mit dem Vater, tatsächlich aber emphatisch angeregt vom und voller Anerkennung für den berühmten geistreich-witzigen, aber etwas haltlosen Vater, der es offenbar in Sachen Affären, Alkohol und Arbeitswut durchaus mit dem Sohn aufnehmen konnte beziehungsweise umgekehrt. Selten genug, um nicht zu sagen einmalig in der Weltliteratur, dass Vater und Sohn sich gleichrangig als Schriftsteller behaupten. Und dann noch in der historischen Zeit der Sohnesrevolten, also in den sechziger bis neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Von diesem literatur- und gesellschaftsgeschichtlichen kleinen Wunder erzählt das Buch. Es tut dies direkt, unterhaltsam, unkompliziert und klug, und doch ist es nicht leicht, diese wesentliche Linie herauszupräparieren.