Mozart Der Versöhner
»La Clemenza di Tito« ist kein feiges Herrscherlob, sondern ein politisches Lehrstück über die Macht der Ohnmacht von Thomas Assheuer
L a Clemenza di Tito, Mozarts Oper über das Verzeihen, haben viele ihm nie verziehen. Ein jeder rühmt die geniale Musik, aber die Handlung ist seit jeher Gegenstand zarter Verachtung. Fürstenpropaganda, Speichelleckerei – das sind noch die mildesten Urteile über eine Oper, die Mozart den Ruf eintrug, er habe zu einer Zeit, als die Morgensonne der Französischen Revolution aufging, Europas finsterer Aristokratie noch einmal die Perücke gepudert.
Unbestritten handelt es sich bei La Clemenza di Tito um ein feudales Auftragswerk. Unter unglaublichem Zeitdruck komponiert, wurde die Oper 1791 – kurz vor Mozarts Tod – bei der Krönung des österreichischen Kaisers Leopold II. zum König von Böhmen uraufgeführt. Obwohl die Prager Premiere ein schöner Applaus-Erfolg war, empfanden die gesalbten Häupter Mozarts Musik als Zumutung, und Kaiserin Maria Luisas noble Nase witterte gar eine »deutsche Schweinerei«. Prager Bürgersleute fanden mehr Freude an der Krönungsmesse, aber ihr Wohlgefallen verebbte rasch in Unverständnis. Titus’ Ideen blieben für sie böhmische Dörfer.
Doch wer sollte diesen komischen Heiligen auch verstehen? La Clemenza di Tito erzählt die Geschichte des Königs Titus, der auf den rauchenden Trümmern seines Palastes zwei Attentätern verzeiht, die ihm mit einem Brandanschlag nach dem Leben getrachtet hatten. Mozart greift auf ein älteres, bereits 1734 entstandenes Textbuch von Pietro Metastasio zurück und lässt es von seinem Librettisten Caterino Mazzolà durchlüften. Mazzolà verpasst der Vorlage eine gespielte (und nicht bloß erzählte) Handlung; er verabschiedet die barocke Nummernrevue aus Arien und zersägt das mechanische Muster der Opera seria. Mozart lässt acht Ensembles einfügen, in dreien singt sogar der Kaiser persönlich mit. Diese Ensembles sind Enklaven der Egalität; in ihnen schmilzt der Abstand zwischen Volk und Herrscher wie Schnee in der Sonne.
Historisches Vorbild für La Clemenza war der römische Feldherr und spätere Kaiser Titus, einer der blutigsten Heerführer des Imperiums. Auf Geheiß seines Vaters Vespasian zog er im Jahre 70 nach Palästina, eroberte Jerusalem, zerstörte den Tempel und machte die Juden heimatlos. Eine Million Menschen sollen ihm zum Opfer gefallen sein. Im Triumph kehrte er nach Rom zurück, ließ sich nach dem Tod seines Vaters zum Kaiser krönen – und tat fortan keiner Fliege etwas zuleide. Er weigerte sich, Urteile zu vollstrecken, und übte Milde gegen jedermann. Die Historiker priesen ihn als guten Herrscher, als »Wonne des Menschengeschlechts«.
Zivilisierung der Willkür, Zähmung von Despoten – schon mit bloßem Auge sind die herrschaftskritischen Motive in Mozarts Oper zu erkennen. Doch den Regisseuren ist die Figur des Titus so verdächtig wie eh und je. Martin Ku∆ej zeigte ihn bei den Salzburger Festspielen als traurigen Helden im »Endspiel der Aufklärung«, und in Peter Konwitschnys Hamburger Aufführung hüpft er als schräger Vogel über die Bühne, ein singender Komiker mit einem Herzen aus Blech, der tragisch den Untergang des Ancien Régimes verpasst. Während dieser Maskenbälle erklingt stets derselbe Refrain: Titus sei ein Falschspieler und seine Amnestie bloß eine Finte. Er spiele auf der Geige der Barmherzigkeit, um das Schwert der Macht nicht aus der Hand geben zu müssen. Er verzeihe, damit ihm das Volk weiterhin seine Herrschaft verzeihe. Oder um Ivan Nagels Studie Autonomie und Gnade zu zitieren: »Der liebe Gott wurde erst im Zeitalter des beginnenden Atheismus erfunden, der liebe Fürst unterwegs zur Französischen Revolution.«
Wenn es sich so verhielte, wäre die Oper bloßes Herrscherlob, und von ihr bliebe nichts als Musik. Aber stimmt es? Wer mit ideologiekritischem Eifer in den »Gnadenexzessen« (Slavoj ◊i≈ek) nur Herrschaftstechnik entdeckt, der verkennt, dass Mozarts Titus einen doppelten Körper besitzt: Er ist auf der einen Seite ein Mensch und auf der anderen Seite – ebenfalls ein Mensch. Das heißt, Mozart holt das Gottesgnadentum vom Himmel auf die Erde. Sein Titus besitzt nicht mehr einen sterblichen und einen unsterblichen Körper, und wenn er verzeiht, dann spricht aus ihm nicht mehr das Walten göttlicher Gerechtigkeit oder die Würde des Amtes, sondern einzig und allein der Adel des Herzens. Es ist die profane Menschennatur, die Moralität ihrer Gefühle, die zum Verzeihen fähig ist, und jedermann kann es Titus gleichtun.
- Datum 05.01.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 05.01.2006 Nr.2
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Die für historisch Ungeschulte (und der Autor darf sich unter die wenig Geschulten reihen!) so schwer bis un-verständliche Persönlichkeitsspaltung herrscherischer Figuren ist ein bislang viel zu wenig beachtetes Thema der Mozart-Opern. Man hat den Eindruck des Herrschers als ein notwendiges Übel, dass sich seiner Schizofrenie selbst entledigen könnte, wenn weniger herrscherisch wäre. Die Titus-Figur ist da nur ein Beispiel bei Mozart. Noch klarer kommt es bei Soliman, dem Sultan, in Mozarts Zaide zu Ausdruck, dessen Arie "Ich bin so bös als gut" ein Credo dieses Zwiespaltes ist. Innerhalb einer Arie weis er Allazim zu vergeben und erlaubt ihm dann, die Marterung Zaides und Gomatz´ mit anzusehen. Dass sich Allazim dann als Empfindsamer (und damit ganz modisch) gibt und sich "von diesem Trauerorte erntfernen" will, da, wie er in der darauf folgenden Arie singt, nur der Recht auf Macht habe, der selbst einmal "im tiefern Staub" gelegen hat. Hier ist Mozart politisch höchst brissant. Wie auch in der Clemenza di Tito, hier rein textlich plakativer, da im Titel provozierend proklamiert. Nur wer diesen Zwiespalt in den Herrscherfiguren Mozarts erkennt und versteht, macht kein unnötiges Aufheben um Sarastros Güte und zugleich Sohlenstreiche für Monostatos. Denn dem Ungeschulten muss Sarastro, dem Herrscher einer Volksoper, paradox erscheinen, was bei einem Gesamtverständnis der Denkweise Mozarts geradezu überzeugen muss. Sarastro, dr so gerne gütig sein möchte, kennt seine Pflicht, befindet sich im Zwiespalt zwischen herkömmlicher Herrschervorstellung und Aufklärung, zwischen Machtdemonstration und Untertanen-Nähe. Und so stellen sich alle Herrscherfiguren bei Mozart so modern dar.
Andreas Hoffmann-Kröper (kroeper@email.cz)
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