Kaum ein wissenschaftlicher Skandal hat so viel internationale Aufmerksamkeit erregt wie der Fall des koreanischen Stammzellforschers Hwang Woo-Suk. Der Tiermediziner hat nicht nur gegen fundamentale bioethische Grundregeln verstoßen, sondern wurde auch der wissenschaftlichen Fälschung in großem Stil überführt. Die Ergebnisse der Untersuchungskommission der Seoul National University werden frühestens in der kommenden Woche vorliegen, doch wie auch immer das Resultat ausfallen wird: Der Schaden für die koreanische Wissenschaft und für die weltweite Stammzellforschung ist längst angerichtet. BILD

Denn der Fall Hwang ist keineswegs eine ausschließlich koreanische Affäre: Seine Forschungsergebnisse wurden in den führenden Wissenschaftsjournalen Science und Nature publiziert und von der scientific community bejubelt. In den Monaten vor der Implosion des Systems Hwang begann der Aufbau eines internationalen Netzwerks zwischen Hwang und führenden westlichen Forschern – dieses World Stem Cell Hub in Korea mit möglichen Dependancen in den USA, Großbritannien und Singapur sollte der Stammzellforschung zu mehr Dynamik verhelfen. Noch Mitte Oktober wurde das staatlich geförderte Projekt vom koreanischen Präsidenten Roh Moo-Hyun eröffnet. Mit dem Fall des Klonkönigs Hwang ist auch sein internationales Imperium zusammengebrochen, mit erheblichen Kollateralschäden für die internationale Stammzellforschung, vielleicht die gesamte biomedizinische Wissenschaft.

Wie aber konnte Hwang die scientific community über gut zwei Jahre mit einem wissenschaftliche Coup nach dem anderen in Staunen versetzen, ohne dass jemand Verdacht schöpfte? Wie war es möglich, dass ein ganzes Land einem Fälscher auf den Leim ging? Dass eine Nation ihn zum nationalen Helden stilisierte, mit Preisen überhäufte und zum messianischen Hoffnungsträger vieler schwer erkrankter Menschen erklärte?

Hwangs Fall war ein traumatisches Erwachen für Korea

Viele Menschen wollten an Hwang glauben. Obwohl die Vorwürfe wegen unethischer Praktiken immer lauter wurden, meldeten sich noch immer junge Koreanerinnen zu Tausenden, um die unangenehme Prozedur einer Eispende über sich ergehen zu lassen, weil Hwang gerade die Oozyten von jungen Frauen als Geheimnis seines Erfolgs ausgab. Hwangs Andeutungen, die Heilung schwerster Erkrankungen auf der Basis seiner Forschungen sei in absehbarer Zeit zu erwarten, sind der tragische Teil der Geschichte. Millionen kranker Koreaner setzten alle Hoffnung auf Hwangs Forschung. Umso traumatischer muss für sie das Erwachen in den vergangenen Tagen gewesen sein.

Vielen Kommentatoren gilt der Fall Hwang als neuerlicher Beleg dafür, dass die globale Wissenschaft aus den Fugen gerät, dass die Qualitätskontrolle nicht mehr funktioniert. Angesichts des immer härter werdenden Konkurrenzkampfs der Forscher versage die Prüfung durch die peers, die wissenschaftlichen Gutachter. Denen, so heißt es, hätten Unstimmigkeiten in Hwangs Publikationen längst auffallen müssen. Journalen wie Science oder Nature wird vorgeworfen, sie würden sich allzu sehr auf die Publikation spektakulärer Forschungen verlegen. Sie blickten mehr auf die Auflage denn auf wissenschaftliche Qualität, was die Veröffentlichung von geschönten Ergebnissen begünstige.

Stimmt es, dass angesichts des steigenden Erfolgsdrucks in der Wissenschaft Betrügereien zunehmen, dass die Qualitätssicherung mehr und mehr versagt? Hat die Wissenschaft mit und nach Hwang ein Problem?

Einiges spricht zunächst dafür. Wie sehr der nachlässige Umgang mit Daten in der Forschung verbreitet ist, zeigte der Amerikaner Brian Martinson in einer Studie, die im Sommer 2005 veröffentlicht wurde. Unter mehr als 1500 von den National Institutes of Health geförderten Wissenschaftlern gaben 30 Prozent an, bereits einmal persönlich mit Qualitätsproblemen in der Forschung konfrontiert gewesen zu sein. Demnach, so wäre zu folgern, ist die unlautere Manipulation von Daten eher der Alltag, denn die Ausnahme. Tatsache ist, dass die Ergebnisse vieler Arbeiten – und Publikationen in Cell, Science oder Nature bilden da keine Ausnahmen – nie oder erst lange nach ihrer Veröffentlichung von anderen Forschern experimentell bestätigt werden. Wissenschaft ist weniger organisierte Skepsis als organisiertes Vertrauen.

Dass das peer review- System im Fall von Hwang Woo-Suk versagt hat, ist aber kaum verwunderlich. In diesem Verfahren wird geprüft, ob Publikationen originell und neu sind, in der Argumentation plausibel und stimmig. Betrügerische Manipulationen aufzudecken kann nicht die Aufgabe der Gutachter sein. Wer könnte von ihnen auch verlangen, ein Experiment zu wiederholen? Man muss die Grenzen jeder peer review sehen: Weder sind die Gutachter Detektive, noch verfügen sie über die Mittel von Untersuchungskommissionen.

In den meisten Fällen von wissenschaftlichem Betrug sind es, wie auch im Fall Hwang, Mitarbeiter oder Kooperationspartner, die Alarm schlagen. Bereits Anfang November, also gut einen Monat vor dem Skandal, gaben uns Kritiker der Stammzellforschung in Korea zu verstehen, dass der Fall Hwang »demnächst auffliegen werde«. Es waren gezielte Informationen von Insidern, die die Fälschungen aufdeckten.

Die Erfahrungen der vergangenen 20 Jahre sind klar: Wenn es um bewusste und systematische Fälschungen geht, versagt das System der Qualitätskontrolle praktisch permanent. Deshalb sehen sich Herausgeber wissenschaftlicher Zeitschriften nach neuen Methoden der Qualitätskontrolle um. Das Journal of Cell Biology beschäftigt neuerdings eine Mitarbeiterin, deren einzige Aufgabe es ist, unlautere Manipulationen von Bildmaterial ausfindig zu machen. Auch mit neuer Software versucht man Fälschern auf die Spur zu kommen. Der Fall Hwang verdeutlicht jedoch die Grenzen der peer review : Sie funktioniert nur dann, wenn auch alle anderen Mechanismen der Qualitätskontrolle auf institutioneller Ebene greifen.