Mozart Und auf dem Küchentisch die Zauberflöte

In seiner kleinen Hamburger Wohnung hat Jürgen Köchel die größte private Mozart-Sammlung der Welt zusammengetragen.

Bei einem wie ihm denkt man gleich an eine Villa in Blankenese mit kiesbedeckter Auffahrt und dem Anbau, der die Schätze birgt. Immerhin leitete der Mann mal einen großen Musikverlag und besitzt der Welt größte private Sammlung von Mozartiana, früheste Drucke, Periodika, Biografien, Faksimiles, 5000 Exemplare. Aber die steilen Stufen, die zu Herrn Köchel hinaufführen, befinden sich in einem alten Mietshaus, nicht gerade Hamburgs beste Gegend, jedes Stockwerk in kleine Wohnungen geteilt. Beim Steigen vergisst man das Etagenzählen und fragt sich, was das für ein 80-Jähriger sein mag, der hier seine Beute aus Jahrhunderten hochschleppt.

Er heißt wirklich Köchel. Die Haustür ist offen, aus der Wohnung dringt ein ohrenbetäubender Pfeifton. Herr Köchel ist in der Küche und sucht nach der Ursache. Es ist keine Alarmanlage, da pfeift nur ein Wecker neben der Spüle. Wenn die nicht wäre, würde man den Raum nicht gleich als Küche erkennen. Denn mittendrin steht ein Regal voller Bücher wie überall in der Wohnung, und neben dem Regal steht ein freundlicher, kleiner, weißhaariger Mann in weißem Hemd und grauer Anzughose. Er bereitet gerade eine Mozart-Ausstellung vor und ist »fürchterlich übersättigt mit dieser Thematik«.

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Trotzdem möchte er erst mal nicht über sich, sondern über Mozart sprechen und bittet in ein kleines Zimmer, das wie ein Buchantiquariat nach welken Papieren duftet. Da holt er gleich ein Rarissimum aus einem furnierten Schlichtmöbel der sechziger Jahre. Eine der frühesten Lithografien ist es, »hinter der waren nicht bloß die Mozart-Leute wie die Verrückten her«. Sie fanden das Buch nicht, weil im Antiquariatskatalog die Zeile mit dem Titel fehlte. Nur Köchel fragte nach: »Was ist denn das mit den 600 Mark?« Es war die erste Druckausgabe von Mozarts handschriftlichem »Verzeichnüß« aller seiner Werke ab 1784.

1805 kostete das zwei Gulden und 45 Kreuzer, so um die 60 Euro. Von heute aus gesehen ein Schnäppchen. Dieses erste, unvollständige Verzeichnis hat später auch Ludwig Ritter von Köchel benutzt, als er Mozarts Werkkatalog anlegte. Jenes »Köchelverzeichnis«, dessen Name wie ein Schatten über Jürgen Köchel schwebt. Oder doch wie ein Licht? »Tausendmal« ist er schon gefragt worden, ob er mit dem verwandt sei. Das trägt er mit einem Lächeln. Er ist nicht verwandt. Der Ritter war Österreicher, Herr Köchel aber kommt hörbar aus Berlin, auch wenn das Berlinische in seiner hellen Stimme sanft melodisch mit dem Hochdeutschen verschmilzt. Er redet nicht gern akademisch.

Noch eine Kostbarkeit zieht er hervor. Leopold Mozarts Violinschule, »aber in der zweiten Auflage von 1770. Nur auf die war ich scharf! Und warum?« Er liest langsam Leopolds Vorwort vor. Mozarts Vater erklärt, warum so viel Zeit vergangen ist seit dem ersten Erscheinen seiner Violinschule: »Ich war nämlich seit 1762 wenig zu Hause.« Ein Understatement wie ein Schleifchen um das Wunder, das Leopold nun aufschnürt, glühend vor Stolz: Wolfgang Amadeus, zur Welt gekommen im selben Jahr wie das Buch, 1756, mit sechs Jahren erstmals spielend vor der Königin, dann in ganz Europa, den mitreisenden Vater in den Glanz des Ruhms tauchend.

Was noch kommen würde, konnte nicht mal der stolze Leopold ahnen, als er sein Vorwort schrieb. Aber nun sind wir ihm nahe und dem Jahr 1770, dessen Aroma noch aus diesen Seiten steigt. Wir stehen in einer kleinen Hamburger Wohnung, während sich draußen das Nieselgrau verdüstert, und Wolfgang Amadeus ist gerade erst 14. Beim nächsten Buch ist er schon 28, denn der Sammler hat die 1784er Erstausgabe von Le mariage de Figaro aus dem Regal geholt, die adelskritische Komödie von Beaumarchais, die wie eine Bombe einschlug. »Da zeigen die Damen heftig die Brüste, das war damals die Mode«, sagt der Sammler mit Blick auf die scharfen Kupferstiche.

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