War Mozart wirklich ein Klassiker? Jedenfalls nicht in dem Sinne der risikolosen, wagnisfreien Vollendung, den viele mit diesem Begriff verbinden. Gerade einige seiner berühmtesten Werke sind, bei Lichte besehen (und vor allem im Lichte seiner Zeit gesehen), höchst eigenartige Experimente. Was zum Beispiel ist von der Klangmischung aus Klavier, Oboe, Klarinette, Horn und Fagott zu halten? Oder von dem gemeinsamen Auftritt eines Kontrabasses mit 13 (in Worten: dreizehn) Bläsern, noch dazu in polyfonen Strukturen von sinfonischen Ausmaßen? Was ist mit einem Klavierkonzert, das in seinem langsamen Satz taktelang vergisst, dass es ein solches ist, und sich stattdessen zum Flötenkonzert wandelt?

Nur die technische Perfektion, das Gefühl für Proportion und Maß, das sich auf seltsame Weise auch in diesen Extravaganzen bewährt, haben im Laufe der Zeit dazu geführt, solchen Werken klassischen Rang zuzubilligen. Die Legende vom schwindelsicher komponierenden Götterliebling mag ein Übriges getan haben, vor allem aber die Bewunderung späterer Komponisten, denen gerade die Risikostücke zum Stachel und Antrieb wurden. Wenn Beethoven nicht versucht hätte, das Es-Dur-Quintett für Klavier und Bläser KV 452 noch eimal nachzubauen und (erfolglos) zu überbieten, dann würde es wahrscheinlich noch immer als ziemlich schriller Solitär gelten.

Das ist es natürlich nicht. Aber warum eigentlich nicht? An den zaghaften Vorläufern dieser, von Mozart im Grunde frei erfundenen Gattung kann es nicht liegen. Es sind charmante, rokokohaft und lieblich schmelzende Kammerensembles des jüngsten Bachsohnes Johann Christian, in denen Bläser mit einem Cembalo konzertieren, das nicht nur den Continuopart, sondern auch Melodiestimmen führt. Aber lieblich oder gar rokokohaft ist in Mozarts Quintett nichts. Es ist ein entschlossen und ernst, fast kühl auftretendes Werk. Es ist sogar so, dass sich in den beiden Themen des ersten Satzes nicht einmal Spuren zeittypischer Melodiebildung nachweisen lassen. Hätte man nur die Noten, wäre es schwierig, die beiden Themen, insbesondere das erste, überhaupt irgendeiner Epoche zuzuordnen.

Das ist ein erstaunlicher Umstand. Im Allgemeinen sind ja nicht nur Kompositionsweise (wie der Kontrapunkt des Barock) oder Instrumentierung (wie die Klarinette der Romantik) zeittypisch, sondern auch die melodischen Elemente. Die hochartifiziellen, am Reißbrett entworfenen Themen des Barock weichen beim Übergang zur Klassik fast automatisch einer quasi natürlichen, volksliedhaften Dreiklangmelodik, um nur ein Beispiel zu nennen. Oder, um ein anderes anzuführen: Wenn man Händel nicht ohnehin an seinem Personalstil erkennt, so wird unweigerlich das erste Auftauchen der neapolitanischen Seufzermelodik zur Einordnung in den italianisierenden Spätbarock führen. Und so weiter und so fort. Auch Beethovens Hommage an das Mozartsche Quintett ist zweifelsfrei ein Werk der Wiener Klassik, selbst einschließlich Beethovens eigener, persönlicher Kühnheiten.

Aber Mozart scheint nach einer geradezu marmornen Kühle und zeitüberhobenen Objektivität gestrebt zu haben, als wollte er mit diesem Werk sagen: So ist das, wenn Klavier und Holzbläser zusammen musizieren, ein für alle Mal, und damit basta. Dieser Zug ins Objektive und Strenge ist umso merkwürdiger angesichts der klanglich schwierigen Balance zwischen Bläsern und Klavier, aber auch weil Bläserensembles in der Kammermusik seiner Zeit immer auf das gerade Gegenteil, auf leichte Kost und abendliches Freiluftvergnügen zielten. Deshalb nannte man sie Divertimento (Unterhaltung), aber das hat Mozart auch sonst von keiner Zweckentfremdung des Unterhaltenden zum Ernsten abgehalten. Es gibt eine geradezu sensationell düstere Nacht-Musique in c-Moll für Bläseroktett (KV 388) und vor allem jenes Stück für dreizehn Bläser und Kontrabass (die so genannte Gran-Partita B-Dur, KV 361), das sinfonische Ausmaße hat und in manchen Sätzen von einer dermaßen verwickelten Polyfonie ist, dass sie ans Kakofonische grenzt. Jedenfalls braucht das Werk ideale akustische Verhältnisse, um allein schon die vier Hörner vom Durcheinanderbrummen abzuhalten, und wer will, kann noch heute eine Schallplatteneinspielung benutzen, um die Qualität seiner Lautsprecher zu testen. Die Probe wird meist ernüchternd ausfallen. Unter uns: Nur die allerbesten englischen Transmissionline-Boxen, an der harten Leine eines Verstärkers mit bestem Dämpfungsfaktor geführt, werden das Stück ohne grausame Interferenzen spielen können.

Warum hat Mozart so etwas gemacht? Wenn es richtig ist, von seinem Spieltrieb zu sprechen, dann war es ein Spielen am Rande der Bedenkenlosigkeit, ein Komponieren mit höchstem Risiko, als wollte er sagen: Seht, ich kann das, aber wehe meinen Nachahmern! Eine weniger spekulative Antwort lautet: Er liebte Bläser (mit Ausnahme der Flöte). Es gibt einen ganzen Schwung von Klavierkonzerten, in denen das Klavier nicht allein, sondern mit einer Gruppe verschworener Bläser dem Orchester gegenübersteht. Man könnte daher auch die These wagen, das Klavierquintett sei aus einem solchen Klavierkonzert destilliert worden, durch Entzug von Streicherapparat und Blechbläsern des großen Orchesters. Eine Reduktion auf das Wesentliche sozusagen.

Aber das ist schon wieder ganz falsch. Denn Mozart hat nicht nur diesen einen Typus Klavierkonzert entworfen und verfeinert, sondern viele verschiedene Typen, und darunter sind auch solche, in denen das Orchester die Hauptrolle spielt. In dem Es-Dur-Konzert KV 482 spielt das Klavier sogar nur eine marginale Rolle, es ist ein gelegentlich solistisch hervortretendes Inrtument neben anderen. Die Einleitung ist wuchtig, erregt und sinfonisch auftrumpfend, es dauert lange, bis das Klavier auch einmal etwas sagen darf, und seine Rolle ist eher die einer beruhigend zu dem aufgeregten Orchesterpatienten redenden Krankenschwester. Am eklatantesten wirkt dieser Bedeutungsverlust in dem langsamen Satz, der sich einen hoch expressiven Ausbruch leistet , an dem das Klavier wenig Anteil hat, während die (sonst verhasste) Flöte ein zauberisches Trostlied darbringen darf wie der plötzlich eintretende Oberarzt, vor dem ja auch die Stationsschwester verstummen muss.