Mozart Auf dem kürzesten Weg zum Herzen

Klavierkonzerte gegen das babylonische Geschrei der Popmusik. Wie ich zum bekennenden Mozartianer wurde

Wenn man einen Menschen für Mozart begeistern will, sollte man zu den Klavierkonzerten greifen. An seinen Vater schrieb Mozart am 28. Dezember 1782: »… – nun fehlen noch 2 Concerten zu den suscriptions Concerten. – Die Concerten sind eben das Mittelding zwischen zu schwer, und zu leicht – sind sehr Brillant – angenehm in die Ohren – Natürlich, ohne in das leere zu fallen – hie und da – können auch kenner allein satisfaction erhalten – doch so – daß die nichtkenner damit zufrieden seyn müssen, ohne zu wissen warum.«

Auch Nichtkennern gefällt die Musik, und darum ist sie so gut dazu geeignet, empfängliche, aber unbeschriebene Seelen für Mozart zu gewinnen. Auch ich war seinerzeit ein solcher empfänglicher Nichtkenner, als das Klavierkonzert Nr. 20 einen so überwältigenden Eindruck auf mich machte. Waren Mozarts andere Klavierkonzerte auch so beeindruckend? Dem großen Moment vorgreifend, in dem ich mir einen Plattenspieler würde leisten können, legte ich mir, sobald der Ausverkauf lockte, blindlings die seltenen Aufnahmen von Mozarts Klavierkonzerten zu. Wenn ich eine neue Platte erworben hatte, wollte ich sie natürlich auch gern hören. Also radelte ich mit meinen Klavierkonzerten zu Kommilitonen, die im Besitz eines Plattenspielers waren, und hoffte, sie dazu überreden zu können, dass ich meine neue Mozart-Platte auflegen durfte.

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Entsetzlich das Geblöke der Beatles und das Geröchel der Rolling Stones

Leider hatten fast alle dieser weniger engen Freunde ihre Seele bereits an die Popmusik verkauft, sodass man, wenn man ihre Zimmer betrat, in denen ständig irgendwelche Platten liefen, mit Jeremia sagen konnte: »Man hört ein Geschrei zu Babel.« Trotzdem waren sie hin und wieder bereit, ein Klavierkonzert von Mozart zu ertragen. Voraussetzung allerdings war, dass ich mir auch ihre Platten anhörte, und so musste ich, ehe ich in den Genuss von Mozart kam, immer erst das blöde Geblöke der Beatles, das pubertäre Geplärre von Elvis Presley und das rohe Geröchel der Rolling Stones über mich ergehen lassen. Unerwarteterweise profitierte ich davon auch noch: Nach diesem Geschrei zu Babel war Mozarts Musik jedes Mal eine Offenbarung!

Die Evolution macht mitunter einen großen Schritt zurück. Nach dem äußerst komplexen Auge des Tintenfischs, das sich aus einer Einstülpung des Hautektoderms entwickelt, kommt das qualitativ sehr viel schlechtere Vertebratenauge, das aus Einstülpungen des Zwischenhirns entsteht. Gäbe es einen intelligenten Schöpfer, wäre es vollkommen unverständlich, warum jemand, der ein solches intelligent design- Auge für den Tintenfisch konstruiert, bei den Wirbeltieren wieder auf ein derart primitives Konzept zurückgreift. Auch die Kultur macht manchmal einen großen Schritt zurück. Obwohl es doch wirkliche oder, wie der Komponist Alexander Goehr es ausdrückt: legitime Musik gibt, macht man in der Popmusik einen großen Schritt zurück und tut so, als stünden wir ganz am Anfang der Entwicklung und trommelten in der afrikanischen Savanne noch mit Knüppeln auf Baumstämme.

Lehrreich war, wie die auf das Geschrei zu Babel versessenen Bekannten auf Mozart reagierten. Schon bald stellte sich heraus, dass sie für das Klavierkonzert Nr. 21 besonders empfänglich waren. Der straffe Marschrhythmus, mit dem es anfängt, rief offenbar vage Erinnerungen an den Beat der Popmusik hervor. Wenn ich dann erzählte, dass am Ende der Orchestereinleitung erst die Oboe, dann das Fagott und anschließend die Flöte das Klavier anflehen einzustimmen, dann half das, so etwas wie Verständnis für wirkliche Musik zu wecken. Selbst dem langsamen Satz, der Lichtjahre vom Geschrei zu Babel entfernt ist, lauschten sie nicht ohne Wohlwollen, denn so verhärtet das Gemüt der Popliebhaber auch durch die Bank ist, sie können sich nur schwerlich dem Zauber entziehen, der von einer der reinsten musikalischen Äußerungen Mozarts ausgeht. Mit dem düsteren Konzert cMoll aber brauchte man den Popliebhabern nicht zu kommen, und schon gar nicht mit dem majestätischen Konzert C-Dur KV 503, obwohl man manchmal in Fachzeitschriften liest, der Mittelsatz dieses Werks sei »jazzy«.

Leser-Kommentare
    • zorc
    • 02.02.2006 um 14:52 Uhr

    "Obwohl es doch wirkliche oder, wie der Komponist Alexander Goehr es ausdrückt: legitime Musik gibt, macht man in der Popmusik einen großen Schritt zurück und tut so, als stünden wir ganz am Anfang der Entwicklung und trommelten in der afrikanischen Savanne noch mit Knüppeln auf Baumstämme." -- Will Maarten t'Hart nur möglichst grob provozieren, oder merkt er gar nicht, wenn er rassistische Klischees reproduziert, die schon in den 50er Jahren nicht lustig waren? Die Trommler in der afrikanischen Savanne (primitiv ist immer in Afrika, in Europa aber der Fortschritt), haben allerlei erfunden, von dem europäische Musik lange Zeit kein Lied zu singen wusste; und die (amerikanischen) Komponisten, die in den 60er/70er Jahren anfingen, sich dafür zu interessieren, waren schon durch die Schule von Jazz und Pop gegangen. "Legitime Musik" - hallo? Wer erteilt denn da die Berechtigung? Alexander Goehr? Da sind wir ihm aber dankbar. Und "wirkliche Musik"? - Merke: Die Naturalisierung von Geschmacksurteilen ist der billigste der argumentativen Trick. Der Mozart-Qualitäts-Sachzwang.

  1. Marten t'Hart hat keine Worte, um Musik zu beschreiben. Das hat schon bei seinem Bach-Buch zu öden Aneinanderreihungen nichtssagender Eigenschaftswörter geführt, so dass ich es dann halb gelesen weglegte. In seinem Mozart-Artikel gelingt das auch nicht besser. Neu ist, dass er sich hier als der bornierte Kleinbürger outet, den ich schon länger in ihm vermutete. Eigensinnig beharrt er auf der Ideologie, es gebe die objektiv paradiesische Musik, und er werde uns den Weg schon weisen. Das lässt den geringsten Einblick in die Weise, wie Menschen Musik hören, völlig vermissen. Und so ist es irgendwie folgerichtig, dass er sich gegen alles, was er nicht versteht, abgrenzt, als sei es des Teufels: so wie Adorno den Jazz, verteufelt t'Hart ganz allgemein "die Pop- Musik". Das ist nicht nur Quatsch, es offenbart auch eine autoritäre Geisteshaltung, die in der ZEIT glücklicherweise selten anzutreffen ist. Von der bigotten Selbstzufriedenheit eines Marten t'Hart würde ich künftig gern verschont bleiben.

    • achnee
    • 09.01.2006 um 15:05 Uhr

    Danke für die Angaben zu Mozarts Klavierkonzerten, die in Menschen wie mir, die keine Gesamtausgabe besitzen, Neugier auf einzelne davon wecken. Den Artikel mit Seitenhieben auf Popmusik zu würzen, hat ihn mir jedoch unsympathisch gemacht.

    Ich finde Mozart ja auch interessanter als Elvis, und wohl jeder Stones-Fan wird zugeben, dass Mozarts Kontrapunkt ausgefeilter ist als Keith Richards Griffe. Aber muss man deswegen so überheblich über den Geschmack anderer Leute herziehen? "Seelen verkauft", "blödes Geblöke", "pubertäres Geplärre" und "rohes Geröchel" sind zum Teil ganz lustige Alliterationen, aber überflüssig respektlos.

    Statt seinen Kommilitonen dankbar zu sein, dass sie so umsichtig waren, ihr Taschengeld für Medien _und_ Abspielgerät zu investieren, verunglimpft der Autor ihren Geschmack, über den zu streiten außer dem Streit selbst nichts bringt. Wenn er statt das "Geschrei zu Babel" rigoros abzulehnen ein bisschen zugehört hätte, wäre ihm vielleicht nicht entgangen, dass die Beatles auf "Sgt. Pepper" und "Abbey Road" eine Musikalität zeigen, die mit der üblichen Popmusik wenig zu tun hat.

    Gar einen Rückschritt in der Evolution der Musikgeschichte zu vermuten, ist vollends absurd, da populäre Musik schon immer die vorherrschende Form für die Allgemeinheit war. Damals war es vielleicht "Im Frühtau zu Berge", heute ist es Robbie Williams - Mozart ist damals wie heute eine Option für die gebildeten und offensichtlich auch für die eingebildeten Zeitgenossen.

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