Mozart
»Ich glaube, man kommt ihm mit zunehmendem Alter näher«
Was braucht man, um Mozart spielen zu können? Wie revolutionär war er? Und wie wichtig ist die historische Aufführungspraxis? Fragen an den italienischen Pianisten Maurizio Pollini
DIE ZEIT: Herr Pollini, im Mozartjahr werden Sie Mozart spielen. Bei anderen Pianisten ist das nichts Außergewöhnliches, aber bei Ihnen schon, denn Mozart taucht ganz selten in Ihren Konzertprogrammen auf. Woran liegt das?
Maurizio Pollini: Schwer zu sagen. Sie erinnern sich vielleicht an den Satz von Wilhelm Kempff: Die Sonaten von Mozart sind zu leicht für Amateure und zu schwer für professionelle Musiker. Vielleicht ist das der Grund. Ich habe sehr wohl Mozart gespielt, aber nicht viele Sonaten, das stimmt.
ZEIT: Lässt sich daraus eine Art Reserve gegenüber Mozart ableiten?
Pollini: Nein, das ist Unsinn. Ich habe zum Beispiel noch nie Scarlatti gespielt, der ein ganz großartiger Komponist ist, oder Muzio Clementi, den ich auch sehr interessant finde. Man kann nicht alles spielen.
ZEIT: Haben Sie sich Mozarts Musik in jungen Jahren näher gefühlt als heute?
Pollini: Ich glaube, man kommt Mozart eher mit zunehmendem Alter näher. Vielleicht weil man die Subtilität von Mozarts Musik erst richtig zu schätzen weiß, wenn man ein erwachsener Musiker ist. Ich habe Mozart immer gemocht, aber vielleicht ist die Liebe jetzt noch größer geworden. Beethoven spricht zu uns mit großen, starken Gesten, Mozart mit Nuancen. Wer genau hinhört, entdeckt, dass er alles auszudrücken vermag. Es gibt so unendlich viel zu entdecken an versteckter Tiefgründigkeit – in seinen Opern genauso wie in den Instrumentalwerken. Je erfahrener man wird, desto mehr nimmt man davon wahr.
ZEIT: Obwohl es eine beliebte Klischeevorstellung ist, dass man eine gewisse jugendliche Unbekümmertheit brauche, um Mozart gut zu spielen.
Pollini: Man braucht Frische, das stimmt. Aber es ist natürlich keine unmittelbare Einfachheit, die aus der Musik spricht, sondern eine Einfachheit der zweiten Ebene. Mozart war nicht nur ein unermesslich begabter Musiker, er war auch ein extrem reifer Mensch. Das kann man neben der Musik in seinen Briefen studieren. Die Qualität der Musik erwächst nicht nur aus seiner genialen musikalischen Erfindungsgabe, sondern auch aus der Wachheit, dem klaren Bewusstsein, aus dem heraus er die Stücke geschrieben hat. Deshalb sind auch die Charaktere in seinen Opern so differenziert ausgearbeitet. Es sind lebendige Figuren, keine gleicht der anderen. Das Gleiche gilt für die Instrumentalmusik. Ich erinnere mich an eine Probe mit Bruno Walter, in der er unterschiedliche Charaktere in jedem zweiten Takt verlangte. Und er hatte Recht: Sie sind da! Das macht Mozart so schwierig, wenn man ihn spielen will. Es gibt so viele Ebenen, mit denen man umgehen muss.
ZEIT: Sie machen in Wien ein Festival mit dem Titel »Mozart-Perspektiven« in dem Mozart-Werke mit Musik der Moderne zusammengeführt werden, mit Schönberg, Webern, Boulez, Stockhausen, Nono. Gibt es für Sie evidente Verbindungen zwischen Mozart und diesen Komponisten?
Pollini: Mozarts Kunst steht im Zentrum dessen, was die Idee von Musik überhaupt ist. In gewisser Weise hat jeder Komponist eine Verbindung zu ihr. Es geht gar nicht anders. Denken Sie an Ravel oder Chopin. Oder Schönberg, der in seinen Analysen auf das Unregelmäßige bei Mozart hingewiesen hat, etwa in der Periodisierung der Takte. Die rhythmischen Strukturen erscheinen simpel, aber sie sind es nicht. Beethoven ist da viel regelmäßiger.
ZEIT: Und was verbindet Pierre Boulez mit Mozart?
Pollini: Sie stehen im Programmkontext nebeneinander, aber das heißt nicht, dass es einen direkten Bezug gibt. Ich finde es eine sehr erfrischende Erfahrung, Mozart an einem Abend zusammen mit Musik unserer Zeit zu hören. Ich glaube an die Kraft von solchen starken Kontrasten. Da öffnet sich was. Am zweiten Abend meiner Konzertreihe habe ich zum Beispiel Kammermusik von Mozart mit A Floresta von Luigi Nono kombiniert, ein ungemein dramatisches und politisch engagiertes Stück. Nono hat es 1966 gegen den Vietnamkrieg komponiert.
ZEIT: War Mozart auch revolutionär?
Pollini: Jeder, der etwas von Mozarts Musik verstanden hat, wird in ihm den progressiven Künstler erkennen. Schauen Sie sich die erste Seite des Dissonanzen-Quartetts an – was er da gewagt hat, ist wirklich extrem. Vielleicht sehen wir die revolutionären Aspekte bei Mozart nicht, weil Beethoven anschließend die revolutionäre Geste so stark herausgestellt hat. Bei Mozart ist das Umstürzlerische weniger evident als bei Beethoven, aber nicht minder tief.
ZEIT: Sie haben in einer Ihrer wenigen Mozart-Aufnahmen mit dem Dirigenten Karl Böhm gespielt. Das ist inzwischen lange her, und der Interpretationsstil hat sich vor allem mit dem Aufkommen der historischen Aufführungspraxis sehr gewandelt. Begrüßen Sie diese Entwicklung?
Pollini: Ich schätze Karl Böhm sehr. Er war ein tiefgründig empfindender Musiker. Das ist das eine. Zu den Entwicklungen der Mozart-Interpretation, die Sie da ansprechen, muss ich sagen: Es kann ja sein, dass da ein neuer Erfahrungshorizont entstanden ist, aber es fällt mir schwer, zu glauben, dass das alles wirklich von großer Bedeutung ist. Für mich gibt es Wichtigeres. Zum Beispiel, dass das Publikum endlich einen stärkeren Zugang zu Musik unserer Zeit findet. Es ist doch absurd – so großartig die Komponisten der Vergangenheit auch gewesen sein mögen –, dass wir heutzutage immer noch so wenig Musik aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts spielen, ganz zu schweigen von der Musik des 21. Jahrhunderts.
Das Gespräch führte Claus Spahn
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 05.01.2006 Nr.2
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