Mozart Essen, tanzen, schießen, spielen wie er
Salzburg und Wien schenken ihrem großen Sohn neue Häuser, neue Werke und mitunter sogar neue Einsichten. Vorabbesuch bei einem Kindergeburtstag, der ein Jahr dauert
Es waren einmal zwei Städte, die hatten einen großen Sohn. Ins Licht der Welt gepresst zu Salzburg, an einer Streptokokkeninfektion und zu vielen Aderlässen gestorben in Wien nur 35 Jahre später, am 5. Dezember 1791, 0.55 Uhr. Jetzt, zum 250. Geburtstag, wollen die beiden, so scheint es, all das noch einmal gutmachen, was sie zu Lebzeiten an ihrem Wolfgang Amadé Mozart versäumten. Salzburg, den »Bettelort«, wo »meine jungen Jahre und mein Talent vergraben« waren, floh er. In Wien, dem »Clavierland«, dem »besten Ort der Welt«, kam er nie an die Stelle, die ihm gebührte. »Nun er todt ist, werden wohl die Wiener erst wissen, was sie an ihm verloren haben«, hieß es in der Todesnachricht im Vielleicht sind es diese historischen Versäumnisse, die nun die gewaltigen Geburtstagsfeiern an Salzach und Donau befeuern, Sahnetorte gegen Schuldgefühle.
30 Millionen Euro lässt sich die Stadt Wien ihre Mozart-Sause kosten, die seit zwei Jahren von einem Intendanten akribisch geplant wird. 6 Opern und 25 Orchesterwerke hat er in Auftrag gegeben, Konzerte in Prunksälen und Obdachlosenasylen geplant, Symposien organisiert, sogar eine Musical-Bühne, das Theater an der Wien, wird zum Opernhaus, alles unter dem Motto »Spirit of Mozart« und in dem ehrlichen Bemühen, der Musik auch ohne allzu glatte »Events« Gehör zu verschaffen. Der Name des Komponisten soll zur Metapher werden für alles, was Relevanz hat. Und obwohl aus dem Riesenetat alle satt werden, Traditionalisten und Bilderstürmer, Avantgardisten und Heiligenverehrer, wird österreichisch-hinterrücks übereinander geredet: Schaumschläger hier, Überforderte da.
Das kleine Salzburg versucht – wie die anderen Lebensstationen Augsburg, Mannheim, Prag auch – bei all dem mitzuhalten. Es gibt zwar keinen eigens bestellten Jubel-Intendanten, dafür wird eine groteske Lücke geschlossen: Das Kleine Festspielhaus mutiert zum »Haus für Mozart« – endlich gibt es in seiner Geburtsstadt einen angemessenen Ort für seine Opern. Auch für Viva! Mozart, die Ausstellung zu Leben und Werk, wird eigens ein ganzes Haus saniert, die Neue Residenz. Essen, Tanzen, Spielen, Schießen wie Mozart wird man hier können, umgeben von so wertvollen Autografen wie dem Köchelverzeichnis Nr. 1, seinem ersten Werk überhaupt. Dazu gibt es ein Festival am Geburtstagswochenende, Kongresse, Konzerte, Mozart4Kids – alles wie in Wien. Nur hinter vorgehaltener Hand nennen sich die Städte Konkurrenten; zusammen liefern sie so viel Mozart, dass für jeden der richtige dabei sein wird und man kaum etwas falsch machen kann. »Wo ist Mozart heute?«, fragt am Ende des schneidigen Wiener Werbetrailers ein kleines Mädchen mit großen, dunklen Augen. Das ist zwar Kitsch, aber auch ein gute Frage. Wo bist du, Wolfgang Amadé?
Sogar Mozarts Kopf ist wieder da. Er stammt aus Oberammergau
Auf der Suche nach dem wahren Mozart geht man selbst vor dem Geburtshaus in der Getreidegasse leicht irre. Denn gleich nebenan lockt ein gewaltiges Plakat mit einem pickligen, perücketragenden Mozart -look-alike ins Salzburg von 1791, »hautnah«. Auch die »Salzburger Antwort auf Madame Tussaud«, ein Wachsfigurenkabinett mit 2400 Quadratmetern historischer Altstadt aus Pappmaché, will ihr Stück vom Geburtstagskuchen. Für 12 Euro Eintritt führt ein Doktor Mirakel durch die Welt der Zahnreißer, Bettler, Säufer und die Prunkräume der Salzhändler und Erzbischöfe. Als wenn dieser Parcours der sprechenden Puppen nicht schon Prüfung genug wäre, muss der Besucher am Ende noch die berühmte Feuer- und Wasserprobe aus der Zauberflöte bestehen. Schwindelnd erreicht man das Schlusstableau, die »Stadt der Lieder und der Musik«, wo ein wachsbleicher Kinderchor Stille Nacht singt und für die amerikanischen Gäste die Trapp-Familie noch mal den Superhit Sound of Music intoniert, denn auch das alles ist made in Salzburg.
Über die Suggestionskraft dieser Attrappen sollte man sich keine Illusionen machen. Vor einiger Zeit stiegen Diebe in das Miracle’s Wax Museum ein. Dass sie sich in der Tür geirrt hatten, merkten sie erst, als sie für den erbeuteten Mozartkopf aus Wachs beim Geburtshaus ein Lösegeld einforderten und schnöde abgewiesen wurden. Von den Putzfrauen.
Doch auch sie wischen seit kurzem um Wolferls Kopf herum. Er ist aus Holz, trägt eine Perücke und stammt aus Oberammergau, wo ihm ein Herrgottsschnitzer im Auftrag des amerikanischen Künstlers Bob Wilson ein poliertes Antlitz Marke »Nicht von dieser Welt« gab. Da liegt es nun unter blauem Neonheiligenschein, das Wunderkind, die Wiege schon eine Bahre, umgeben von allerlei Mozart-Kunst und Wolferl-Nippes aus den Archiven der Stiftung Mozarteum.
Der gehört das Haus, und sie hat Wilson beauftragt, zum 250. Geburtstag die Wohnung im dritten Stock, in der Mozart geboren wurde, zeitgemäß herzurichten. Wilson hat getan, was er immer tut: ein paar Lichter gesetzt, Mozarts Geige, seinem Ring, seiner Geldbörse, den berühmten Porträts dramatische Auftritte beschert und nach eigener Aussage eine Art Kindergeburtstag arrangiert, denn darum geht es doch in diesem Jahr, oder? Also hockt der Geige gegenüber ein Plüschhase, im vermeintlichen Geburtszimmer umschwirrt Möwengeschrei ein Mobile aus blauen Gänsen, und auf Knopfdruck legt ein hölzerner Schütze an auf Pimperl, den Hund der Familie, ganz im Stile der Bölzlschießerei, die Vater und Sohn Mozart so liebten. Treffer, Gejaul, Wehklagen, aus. Noch da, Wolfgang Amadé?
Im letzten Zimmer hängen alle Bilder verkehrt herum und nur knapp einen Meter über dem Boden, in den Ecken stehen Kinderstühle, und von der Decke tropft wie ein Stalaktit ein Reliefmodell Salzburgs. Das begreift auch der letzte Tourist aus Fernost: Der lebenslange Kindskopf Mozart hat die Welt auf den Kopf gestellt.
Mit Wilsons routinierter Mozart-Show sucht die Stiftung Mozarteum nach neuen Zielen. »Wir wollen Mozart in Kontakt bringen mit zeitgenössischer Kunst«, sagt der junge künstlerische Leiter der altehrwürdigen Bürgerstiftung, deren Vorläufer noch zu Lebzeiten von Mozarts Witwe Constanze gegründet wurde. Die Beschäftigung mit Mozart allein hat ja irgendwann Grenzen. Die Neue Mozartausgabe, das Jahrzehnte währende Mammutprojekt der Stiftung, ist nahezu abgeschlossen. Deren digitale Aufbereitung hat gerade begonnen und wird wiederum Jahre dauern, aber auch sie ist endlich. Also vergibt Pauly neuerdings Kompositionsaufträge, die dann unter anderem in dem vierteiligen Festival Dialoge im Jubiläumsjahr uraufgeführt werden sollen. Schon der Auftakt im Dezember mit einem Zwiegespräch zwischen Mozarts unvollendetem Requiem und den 7 Klangräumen des Österreichers Georg Friedrich Haas tönte, raschelte, zischte, polterte vielversprechend.
Doch trotz der Aufbrüche zu neuen Ufern – in ihren Museums-Shops hält auch die traditionsreiche Stiftung den ganzen modernen Schrecken der industriellen Kunstverwurstung parat, all die Hampelmänner, Golfbälle, Schnäpse und Schneekugeln in und mit Mozarts Namen. Rund 300 Mozart-Produkte gibt es zurzeit, weltweit werden in seinem Namen jedes Jahr rund 5 Milliarden US-Dollar umgesetzt, womit er, der bei seinem Tod ganze 60 Gulden in bar hinterließ, zu den 50 Topmarken der Welt zählt. Es gibt sogar ein Eau de Toilette Marke Mozart. Will man wirklich riechen wie ein Genie, das sich seiner Zeit gemäß lieber puderte als wusch?
- Datum 05.01.2006 - 13:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 05.01.2006 Nr.2
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren