Peter Sellars ist von der Stadt Wien beauftragt worden, im kommenden Herbst ein großes Festival zum Mozartjahr auszurichten. Es trägt den Namen New Crowned Hope, nach der Freimaurerloge Zur neugekrönten Hoffnung, der Mozart einst angehörte. Bei diesem Festival sollen keine Mozart-Werke erklingen, sondern Künstler aus allen Teilen der Welt und aus unterschiedlichsten Kunstsparten sind eingeladen, Mozarts Ideen in die Gegenwart fortzuschreiben.

DIE ZEIT: Herr Sellars, worin besteht für Sie Mozarts überzeitliche Botschaft?

Peter Sellars: Mozart war einer der klügsten und gebildetsten Köpfe seiner Zeit. Ein Intellektueller an der Spitze einer Generation, die ein Europa ohne Könige vor Augen hatte. Diese Generation hat die Vision von einem neuen Europa ohne autokratische Herrschaft zum Leben erweckt, bewusst und wagemutig. Die Freimaurerkreise, in denen sich Mozart bewegte, waren an der Französischen und der amerikanischen Revolution beteiligt. Mozart hat in seinem letzten Jahr zwei Stücke für Glasharmonika geschrieben – das Instrument, das Benjamin Franklin erfunden hat! Er war in dieser Bewegung keine Randfigur, sondern sehr aktiv.

ZEIT: Aber lange Zeit wurde er als apolitischer Musiker angesehen. Noch im Mozart-Buch von Wolfgang Hildesheimer heißt es: "Die Französische Revolution hat Mozart niemals kommentiert. Das Zeitgeschehen hat, soweit wir feststellen können, die Ebene seines Bewusstseins nie erreicht."

Sellars: Wie jeder weiß, hat die Geheimpolizei in Wien damals die Briefe abgefangen und gelesen. Man musste vorsichtig sein. Aber wenn man schaut, mit wem Mozart in Kontakt stand, wird völlig klar, dass er an den politischen Diskussionen beteiligt war. Man muss sich doch nur die Opern angucken, das Politische steckt doch in jedem Werk drin. Es ist nicht nur ein Interesse, es ist eine Obsession. Mozart kommt immer wieder darauf zurück. Denken Sie an die Oper La Clemenza di Tito aus seinem letztem Lebensjahr. Da gibt es dieses steife Metastasio-Libretto, ein Barockopernklischee, und das verwandelt Mozart innerhalb von zwei Wochen in etwas völlig anderes. Phänomenal! Man kann sehen, was in seinem Kopf vorging. Am Ende tritt der Herrscher Titus zurück und erkennt, dass nur eine neue Generation die Konflikte lösen kann und dass es Wichtigeres gibt, als seinen eigenen Ruhm zu mehren. Mozart legt auch Sarastro in der Zauberflöte nahe, abzudanken, genauso wie der Königin der Nacht. Immer mit der Geste: Leute, ihr wart zu lange am Drücker, und jetzt ist es Zeit zurückzutreten. Man kann dieses Anliegen insbesondere in Mozarts letztem Lebensjahr nicht übersehen. Die alten Herrscher treten ab, es kommt eine neue Generation.

ZEIT: Die Sarastro-Arie In diesen heil’gen Hallen kennt man der Rache nicht mit ihrem humanistischen Pathos ist also Ausdruck eines verknöcherten Systems?

Sellars: Wenn Sie Musik hören wollen, die Ihnen ganz nahe geht, legen Sie dann In diesen heil’gen Hallen auf oder Paminas g-Moll-Arie Ach ich fühl’s? Für mich hat die Sarastro-Arie etwas Bedrückendes. Es ist wie so oft bei Herrschern: Wenn sie mal eine neue Idee haben, wiederholen sie sie einfach nur, ohne sie weiterzuentwickeln. Sarastro hat dieser jungen Frau Pamina ja nicht wirklich etwas anzubieten. Seine Frauenfeindlichkeit, die Prügelstrafe, die er über Monostatos verhängt – das ist doch kein positives Bild, das Mozart von der Figur zeichnet. Mozart hat das Sklavenhaltertum, das Sarastro repräsentiert, sein ganzes Leben lang angeprangert. Im Juli werde ich hier in Wien die Zaide inszenieren, die er mit 23 Jahren geschrieben hat. Diese Oper war Mozarts erstes Zeichen gegen die Sklaverei. Mit der Botschaft: Die Leute, von denen ihr behauptet, sie seien keine Menschen, sind sehr wohl Menschen, und ich werde jetzt die unglaublichste Musik für sie schreiben. Ich werde zeigen, dass die Fantasie des menschlichen Geistes alle Grenzen der Form überfliegen kann. Die Form muss deshalb neu überdacht und neu erfunden werden. Am Ende steht eine Geste der Vergebung. Das ist der Mozart von 1781, und in seinem Todesjahr 1791 schreibt er immer noch über diese Themen.

ZEIT: Vergebung, Versöhnung, Verwandlung – sind das die Stichworte, die Sie von Mozarts Werken auf Ihr Festival übertragen wollen?

Sellars: Mozart ist immer wieder enttäuscht und verletzt worden, aber er hat sich eine bewunderswerte Hoffnung und Generosität bewahrt. Das ist Thema in den Opern: Jemand wird zutiefst verletzt, und alles, was er zunächst will, ist, das heimzuzahlen. Aber dann entdeckt er in sich die Fähigkeit, dem anderen mit einem Akt der Großzügigkeit zu begegnen. Dieser Akt der Güte bedeutet nicht: nett sein. Er beinhaltet Wut, Furor und Angst, die sich in aktive Liebe verwandeln. Das alles geschieht mit einer unglaublichen Spannung. Auch im Prinzip der Sonatenhauptsatzform schlägt sich dieses Moment des Versöhnung nieder. Du hast das Thema A, das wunderschön ist oder in welcher Stimmung auch immer daherkommt. Dann erscheint Thema B, und plötzlich muss sich das Thema A neu definieren und neu erfinden, um das Thema B zu integrieren. Das Ergebnis ist eine neue Entwicklung, die weder A noch B ist und die sich weder A noch B haben vorstellen können. Das ist soziale Integration in Form von musikalischer Sprache! Und es ist der Kern von Mozarts Denken: Versöhnung von sich ausschließenden Kräften. Die andere Sache, die man in nahezu jedem Werk findet, ist die Tanzmusik. Die körperliche Energie, die von Mozart ausging, die Lebensenergie, der Zwang, sich bewegen zu müssen. Alles ist in Bewegung, alles ist im Wandel. Alles kann sich ohne Vorwarnung urplötzlich in etwas anderes verwandeln.

ZEIT: Übertreiben Sie da nicht etwas mit den versöhnenden Kräften bei Mozart? Die Opern gehen doch nicht wirklich gut aus. Wo ist zum Beispiel der positive Schluss in Così fan tutte? Da bleiben nach dem scheinbar koketten Partnertausch nur noch desolate Gefühlsverwirrung und ein Scherbenhaufen der Beziehungen.

Sellars: Dieser Augenblick ist in der Tat grausam und furchteinflößend. Er ist der Grund, warum die Tragödie existiert und bei den Griechen so einen hohen Stellenwert hatte. Es geht nicht um das glückliche Ende. Diese Vorstellung ist doch nur ein selbstbezogener bürgerlicher Tagtraum. Man ist auf der Welt, um sich größeren Fragen zu stellen. Es geht um die Frage des Menschseins in der Krise. Wie verhält man sich, wenn nichts mehr auf einem guten Weg ist, wenn man in einer schrecklichen Situation geprüft wird? Wächst du dann, oder schrumpfst du? Hast du Courage oder Angst? Das sind die Fragen, die in der griechischen Tragödie behandelt werden bei Euripides, Sophokles, aber auch bei Shakespeare und Mozart. Da geht es natürlich nie um das gute Ende. Es ist beeindruckend, wie Leute in aussichtslosen Situationen charakterstark bleiben. Das trifft auch auf Mozart in seinen letzten Lebensjahren zu. Das Leben war zu dieser Zeit wirklich schwer für ihn geworden. Aber er blieb ein Mann der generösen Gesten. Als er Così schrieb, war seine Ehe mit Constanze mühsam, er hat ihr manchmal drei Briefe am Tag geschrieben. Die liebenswertesten Briefe, die man sich nur vorstellen kann. Man hat jemanden vor sich, der sich in einer katastrophalen Beziehung befindet und mit allen erdenklichen Mitteln versucht, sie zu retten.

Così fan tutte ist Mozarts King Lear. Die dunkelste Phase, der point of no return. Er weiß nicht, wie es weitergehen soll. Aber wie bei Shakespeare nach King Lear gibt es auch bei Mozart eine letzte Schaffensphase, in der er Dramen schreibt, die nicht tragisch enden. Mozart gestattete sich nach der Così ein Jahr des Schweigens. Er stellte das Komponieren ein. Und dann taucht zu Beginn seines letzten Lebensjahres dieses Lied auf: Komm, lieber Mai, und mache die Bäume wieder grün, KV 596. Es steht für die Idee, dass das Leben nicht im Winter endet. Die Melodie wird auch im letzten Satz des Klavierkonzerts KV 595 aufgegriffen. Mozart fängt noch einmal neu an und schreibt dann diese unglaublichen Musiken: das Klavierkonzert, das Klarinettenkonzert, Die Z auberflöte, La Clemenza di Tito. Werke, in denen eine neue Form von Hoffnung zum Ausdruck kommt. Du guckst dich um, suchst nach Veränderung und siehst nur Eis. Und es scheint, als würde dieses Eis für immer bleiben. Aber: Der Frühling kommt! Dafür steht das Liedchen Komm, lieber Mai, und mache. Darin steckt auch etwas eminent Politisches: Die Erinnerung an die Alternative wird wach gehalten, sogar im frostigen Januar. Die Utopie spricht aus Mozarts Musik.

ZEIT: Klingt das jetzt nicht wieder ein bisschen nach Mozart, der Heile-Welt-Ikone, dem Heilsbringer aus dem Himmel?

Sellars: Nein, natürlich nicht. Für mich ist doch dieses verniedlichende Mozart-Bild, dass er schöne Musik für schöne Anlässe geschrieben hat, ein Albtraum. Mir geht es um das Gegenteil. Ich politisiere Mozart. Ich sage: Diese Musik transportiert Inhalte, die weit über das allgemein Angenommene hinausgehen. Das ist der Grund, warum ich Künstler aus Kambodscha, Argentinien, Indonesien, Kongo, Samoa, Thailand und vielen anderen Ländern eingeladen habe. Ich will ja gerade deutlich machen, dass es um die Themen, um die damals gekämpft wurde, heute noch genauso geht. Heute, wo die eine Hälfte der Welt so unglaublich wohlhabend ist und die andere so schockierend arm. In fünfzig Jahren werden die Menschen auf unsere Generation schauen und fragen: Was haben die damals eigentlich gedacht? Ist das nicht ein Tiefpunkt in der Geschichte der Menschheit, dass solche Verhältnisse nicht infrage gestellt wurden? Mozart hat das in jedem seiner Stücke getan. Er hat das Gesangsensemble in der Oper erfunden: Quartette, Sextette, in denen die niederen Menschen neben den höhergestellten gleichberechtigt stehen. Mit der egalitären Idee, dass man sich die Welt – über alle Privilegien hinweg – teilen muss. Das bleibt unglaublich frisch und herausfordernd. Ich will Künstler auf unserem Festival präsentieren, die sich um genau die Dinge kümmern, um die sich Mozart in seiner Zeit gekümmert hat.