MozartEin Mann wie Schießpulver

Vorsichtig auspacken! Bis heute wirbelt das Genie unsere musikalischen Begriffe durcheinander von 

Jeder kennt das berühmte Bild, auf dem Mozart einen roten Rock mit goldener Bordüre trägt und sich mit einem merkwürdig leeren Blick dem Betrachter zuwendet. Das Porträt prangt auf jedem zweiten Mozart-Buchtitel und ziert nahezu jeden Mozart-Prospekt. Immer wieder wird es gedruckt, weil es als Mozart-Logo so gut funktioniert. Ein flüchtiger Blick genügt: Es ist Mozart. Aber ist er es wirklich? Die Urheberin des Bildes, Barbara Krafft, hat Mozart nie gesehen. Er war schon 28 Jahre tot, als sie das Porträt nach einem anderen Gemälde anfertigte. Ihre Vorlage war Johann Nepomuk Della Croces Bild der Familie Mozart von 1780, auf dem die Hauptperson nicht besonders gut getroffen ist. Der Mozart, den jeder sofort als Mozart erkennt, ist also nur das unbefriedigende Abbild von einem unbefriedigenden Abbild.

Geht es uns nicht ständig so, wenn wir diesen rätselhaften Menschen, dessen Geburtstag sich am 27. Januar zum 250. Mal jährt, in den Blick nehmen wollen? Man trifft auf verzerrte Ausschnitte, Übermalungen, Mehrfachbelichtungen. Man verläuft sich unweigerlich im Spiegelkabinett der Mozart-Imaginationen: Mozart ist ein Einfach-Schwieriger. Ist ein Kind-Gott-Engel-Mensch. Ist ein Witz-Ernst-Nacht-Sonnen-Künstler. Ist ein Bewahrer-Vollender-Erneuerer. Ist ein Salzburger-Wiener-Deutscher-Europäer. Aber auch eine solche, alle Widersprüche integrierende Vorstellung von Mozart als einer sich kompliziert aufsplitternden Künstlerfigur erzählt mehr über den Betrachter und dessen Zeit als über den Betrachteten. Sie wird ihm genauso wenig gerecht wie alle anderen. Mozart war kein dialektisch in sich selbst verknoteter Eierkopf. Seine künstlerischen Absichten hat er mit großer Geradlinigkeit verfolgt, und seine Musik ist von bestechender Klarheit. Wie man es auch dreht und wendet, das Dilemma bleibt bei allen Zuschreibungen gleich: »Gemeint und geschissen ist zweyerlei« (Mozart).

Wir tragen so viele Mozart-Bilder mit uns herum, weil so viel aus seinem Leben bekannt ist. Es gibt kaum einen anderen Komponisten, von dem so umfangreiche biografische Zeugnisse aus erster Hand existieren. Sie sind voll von wunderbar sprechenden Details: Wir lesen in den Dokumenten, dass Mozart als Knirps mit Kreide Zahlen auf Tische, Sessel, Wände und Fußböden geschrieben hat, weil er unbedingt das Rechnen lernen wollte. Dass er ein notorischer Unruhegeist war, der seine Hände nie ruhig halten konnte und immer auf irgendetwas herumtrommeln musste. Dass er sich für einen Faschingsball als indischer Philosoph verkleidet und in dieser Kostümierung Pamphlete gegen die Aristokratie verteilt hat. Dass er in den letzten fünf Lebensjahren ein eigenes Pferd besaß und jeden Morgen ausritt. Dass er auf dem Sterbebett kurz vor seinem Tod mit dem Mund die Pauken in seinem Requiem habe ausdrücken wollen.

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In seinen Briefen erscheint er als anarchischer Zotenreißer (»…ich lass bei meiner Ehr einen krachen! doch sie lachen – – victoria! – – unsre arsch sollen die friedenszeichen seyn!«) und als ein vom Schicksal schwer Geschlagener (»Trauern Sie mit mir mein Freund! Dies war der traurigste Tag in meinem Leben. Dies schreibe ich um 2 Uhr nachts. Ich muss es Ihnen doch sagen, meine Mutter, meine liebe Mutter, ist nicht mehr!«). Er trumpft auf mit dem Selbstbewusstsein des Genies (»Ich bin ein Mensch von superieuren Talent!«) und gibt Auskunft über seine depressiven Phasen (»Ich kann Dir meine Empfindung nicht erklären, es ist eine gewisse Leere, die mir halt wehe tut, ein gewisses Sehnen, welches nie befriedigt wird, folglich nie aufhört«).

Die Briefe geben dem Leser das Gefühl, in den intimsten Momenten in Mozarts Nähe zu sein. Aber durch sie wird sein Leben trotzdem nicht zu einem offenen Buch, in dem man einfach so lesen kann. Mozart ist ein Theaterverrückter, ein Mann der wirkungsvoll inszenierten Auftritte und der (selbst)ironischen Gesten, ein raffinierter Spieler mit adaptierten Tonfällen – auch in seinen Briefen. Wolfgang Hildesheimer etwa hat aus den deprimierenden Bettelbriefen, die Mozart an seinen Mäzen Michael Puchberg schrieb, das künstliche Verzweiflungspathos der Opera seria herausgehört. In den Beschwichtigungsbriefen an den Vater scheint der Sohn oft nur das zu schreiben, was der in der Ferne grollende Alte hören will. Und ob Mozarts Süßholzraspeleien in den späten Briefen an Constanze Ausdruck einer erfüllten Liebe sind oder angestrengte Rettungsversuche einer kriselnden Beziehung, muss letztlich offen bleiben. Mozart sei auch als Briefeschreiber der Regisseur seiner selbst gewesen, meinte der Musikwissenschaftler Carl Dahlhaus. In den Rollen, die er spiele, sei er authentisch. Aber wer jenseits davon nach dem »eigentlichen Wesen« suche, greife ins Leere.

Diesen Griff ins Leere kennt jeder, der sich mit Mozart beschäftigt. Man hat ständig das Gefühl, dass er gerade mit wehenden Rockschößen um die Ecke gebogen ist. Man kommt nicht nach. Sein Lebenstempo, sein Arbeitstempo, sein Denktempo waren einfach zu groß. Er komponierte Opernakte in einer Zeit, in der andere es kaum geschafft hätten, die Noten abzuschreiben, und nebenbei führte er noch einen regen Briefverkehr, organisierte Aufführungen oder schlug sich mit eitlen Sängern herum.

Leserkommentare
    • iceman
    • 07. Januar 2006 13:13 Uhr

    ... über unsere Zeit, könnte er sein Porträt von Fetting sehen!

    • kb26919
    • 08. Januar 2006 14:47 Uhr

    Habe keine Ahnung von Musik aber ich bin ueber die Jahre ziemlich nahtlos von den 'Stones' auf Mozart umgestiegen und weiss was meiner Seele wirklich gut tut.....selbst Stuecke,die ich schon x-mal gehoert habe sind immer wieder
    wunderbar.Stress abbauen mit Mozart! Ich kann es nur empfehlen.

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