Hochschule Ein Pontifex in Berlin
Er ist der jüngste Präsident einer deutschen Universität. Der Theologe Christoph Markschies will die Humboldt-Universität zu neuen Höhen führen und eine Brücke zwischen den Natur- und Geisteswissenschaften bauen
Darf man das Tier auch streicheln?« Der Präsident darf, schließlich ist er seit wenigen Minuten sein Wohltäter. Um seine weltberühmte Tiersammlung zu erhalten, vergibt das Naturkunde-Museum der Humboldt-Universität private Patenschaften für seine Schätze. Ein anderer Wissenschaftler wäre vielleicht auf eine weise Eule als Patentier gekommen, ein anderer Hochschulrektor auf einen stolzen Adler. Christoph Markschies wählt einen Pinguin, genauer: den zu Deutsch Humboldt-Pinguin. Natürlich wegen des Namens. Aber auch ein gewisses Augenzwinkern wird dabei gewesen sein, geht dem Vogel doch jede Erhabenheit ab, was seine Sympathiewerte freilich keinesfalls schmälert.
Der neue Präsident der Berliner Humboldt-Universität, der an diesem Montag sein Amt antritt, hat mit dem lustigen Tier zweierlei gemein. Christoph Markschies ist von einer fast komödiantischen Heiterkeit. Wer ihn trifft, glaubt, er habe gerade im Lotto gewonnen oder zumindest einen sehr guten Witz gehört, den er nun unbedingt weitererzählen muss. Zum anderen genießt Markschies ein Wohlwollen, das fast verdächtig macht. Ob Studentenvertreter, Mitprofessor oder Akademiekollege – wen man auch fragt, nirgends ein kritisches Wort, nur Lob, ja Begeisterung.
Das gilt besonders an der Humboldt-Universität (HU) selbst. Ganze drei Gegenstimmen gab es im Konzil, als Markschies Anfang November zum neuen Präsidenten gewählt wurde. Manch ein sicher geglaubter Kandidat war hier früher schon durchgefallen. Der große Applaus, den die Mitglieder des höchsten Universitätsgremiums diesem Traumergebnis spendeten, galt auch ein bisschen ihnen selbst. Im Februar war der frisch wiedergewählte HU-Präsident Jürgen Mlynek völlig überraschend zur Helmholtz-Gemeinschaft gewechselt. Dem Schock über den Verlust des starken Mannes an der Spitze folgten eine verunglückte Suche nach einem Nachfolger mit einem Dutzend öffentlich gehandelter Kandidaten sowie Monate der Ungewissheit. All dies traf die Renommierhochschule ausgerechnet in der – nach den Turbulenzen der Wendezeit – wichtigsten Phase ihrer jüngeren Geschichte.
Nun hat Humboldt endlich wieder einen Präsidenten. Und was für einen. Am Ende könnte sich als Coup erweisen, was auf den ersten Blick allenfalls wie eine Notlösung aussah. Denn Christoph Markschies zählt gerade 43 Jahre, er lehrt seit nicht einmal vier Semestern an der Berliner Universität und hatte noch nie eine herausgehobene Leitungsposition inne. Zudem vertritt er ein Fach, das wie ein Synonym für weltabgewandte Wissenschaft erscheint und dessen Lehrstühle an vielen deutschen Universitäten gerade der Streichung zum Opfer fallen.
Christoph Markschies ist Patristiker, ein Kirchenhistoriker, der sich mit den Anfangszeiten des Christentums beschäftigt. Er hat über die »valentianische Gnosis« promoviert, schreibt Aufsätze über das »Bischofsamt im vierten Jahrhundert« oder den »Neufund einer byzantinischen Kirche im Gazastreifen«. Auch wer neben dem groß gewachsenen, leicht tapsigen Professor für evangelische Theologie steht und ihn mit hoher, sächselnder Stimme vergnügliche Anekdoten erzählen hört, denkt nicht sofort: Das muss der neue Unipräsident sein.
»Immer der Jüngste zu sein ist eine herrliche Stellung«
Der zweite Blick auf den neuen Mann an Humboldts Spitze offenbart freilich eine ganz andere Person, einen preisgekrönten Spitzenwissenschaftler mit eindrucksvoller Bibliografie und internationalem Ruf; einen Wissenschaftsorganisator, dessen Ämterliste länger ist als die vieler Emeriti und der mit einer Neugier ausgestattet ist, die Fächergrenzen überschreitet. Christoph Markschies ist eine Art akademisches Wunderkind, einer, der fast immer der Jüngste war; in der ersten Grundschulklasse wie im Abiturjahrgang, als Professor in Jena, als Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften wie als Träger des Leibnizpreises, der höchsten wissenschaftlichen Anerkennung in Deutschland. »Der Jüngste zu sein ist eine herrliche Stellung«, schwärmt Markschies, dem der Karrierenutzen seines Alters durchaus bewusst ist. Man werde unterschätzt, dürfe Fragen stellen und Ratschläge annehmen. »Und niemand erwartet, dass man alles beim Alten belässt.«
Markschies wird die Startvorteile brauchen können, wenn er sich nun auch jüngster deutscher Universitätspräsident nennen darf. Denn Humboldt will nicht nur die bekannteste Universität des Landes sein, sondern auch die beste, die sich an den Oxfords und Berkeleys dieser Welt messen lassen kann. Ob dies gelingt, wird sich in seiner Präsidentschaft erweisen. Bereits in zwei Wochen muss ein wichtiges Etappenziel erreicht sein. Dann verkünden die Deutsche Forschungsgemeinschaft und der Wissenschaftsrat, welche Universitäten die erste Runde im so genannten Exzellenzwettbewerb überstanden haben. So verwundert es nicht, dass die Eliteinitiative bereits am Vormittag des ersten Amtstages auf der Tagesordnung steht – gleich nachdem Markschies die engsten Mitarbeiter begrüßt, den Schlüssel für den Präsidententresor entgegengenommen und dessen Inhalt inspiziert hat (Amtskette, Siegelstempel sowie ein altes Schreiben der Gauck-Behörde).
Mit zehn verschiedenen Vorschlägen hat sich Humboldt bei dem milliardenschweren Förderprogramm beworben. Darunter das Zukunftskonzept, mit dem Humboldt den Titel einer Spitzenhochschule erringen will. Markschies selbst hat einen Forschungsschwerpunkt mitkonzipiert, in dem Historiker und Theologen gemeinsam mit Ökonomen und Neurowissenschaftlern das Zusammenspiel von Zerstörung und Kreativität untersuchen wollen.
»Die Exzellenzinitiative wird die Zukunft aller beteiligten Hochschulen prägen«, prophezeit er. Auch ihm selbst wird sie viel abverlangen. Denn was wird aus der Humboldt-Universität, wenn sie wider Erwarten nicht in den akademischen Olymp aufgenommen wird – die Dauerkonkurrentin, die Freie Universität Berlin (FU), aber schon?
Aber auch wenn die HU mit einigen Anträgen punktet, hat Markschies ein Problem. Woher nimmt er das Geld, um die im Wettbewerb erfolgreichen Forschungsschwerpunkte auch nach Auslaufen der Fördergelder weiterzufinanzieren? Schon heute muss das Präsidium dafür Weichen im Haushalt stellen. Und wie motiviert er die anderen Wissenschaftler, die abgelehnt werden, ihre Ideen dennoch umzusetzen? Plötzlich wird es in der Universität Fachbereiche mit sehr viel Geld geben und andere, die weiter unter dem Spardiktat leben. Und manche Professuren wird er opfern müssen, um anderen zum Erblühen zu verhelfen.
Der bisherige Präsident, Jürgen Mlynek, hat Humboldt auf Exzellenz getrimmt, Drittmittel eingefordert, ein straffes, mitunter technokratisches Regiment gefahren. Ohne ihn stünde Humboldt heute weit schlechter da. Christoph Markschies wird mehr mit wissenschaftlichen Ideen begeistern müssen, die Hochschule zusammenhalten und auch einmal trösten müssen. Als ordinierter Theologe – »Eigentlich wollte ich immer Pfarrer werden« – ist er für diese Aufgaben gewappnet. Er tauft und schließt Ehen, einmal im Monat predigt er im Berliner Dom. Das Vikariat absolvierte er neben seiner Tübinger Assistentenzeit in einer schwäbischen Kleinstadt. Dort lernte der Professorensohn, dessen Vater in Berlin deutsche Literatur lehrte, »dass es auch einen Wert hat, Trecker fahren zu können, und dass die vorletzten Dinge nicht die letzten sind«, erinnert er sich.
»Gemeinsamkeit« war das am häufigsten gebrauchte Wort in der Dankesrede nach seiner Wahl. Günter Stock, der Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, nannte Markschies einen Pontifex, einen Brückenbauer. Als eine der ersten Amtshandlungen hat er eine Präsidentensprechstunde für Studenten eingerichtet (»abgekupfert in Harvard«). Und es hat fast etwas Rührendes, wenn er auf dem Weg zum Essen jeden, dem er auf den langen Unifluren begegnet, mit einem Neujahrswunsch oder zumindest Kopfnicken begrüßt, als würde er ihn persönlich kennen.
Alle zwei Wochen schreibt er in der Zeitung über vergessene Wörter
Wer jedoch meint, Christoph Markschies werde sich auf die Rolle eines sanften Vermittlers beschränken, wird sich täuschen. »Gute Fotos von mir zeigen zwei Gesichtshälften, eine freundliche, eine strenge«, sagt er. Beide seien ihm wichtig. Der Neue möchte wie sein Vorgänger ein energischer Präsident sein. Das gilt vor allem für die Berufungen neuer Professoren, die in den nächsten Jahren altersbedingt viele dutzend Male anstehen werden.
»Was muss ich tun, damit Sie nach Berlin kommen?«, wurde Christoph Markschies von Jürgen Mlynek gefragt, als er in Heidelberg lehrte und eigentlich nicht daran dachte, in die Hauptstadt zu wechseln. Am Ende tat er es doch. Diese aktive Rekrutierung hat Markschies beeindruckt. Er will sie ausbauen, durchaus im Zusammenspiel mit der Freien Universität, wie es Hochschulen im Ausland vormachen. »Wenn wir nobelpreisträchtige Leute nach Berlin locken wollen, müssen die Universitäten sich abstimmen«, sagt er. »Eine Hochschule allein kann das nicht bezahlen.«
Zudem verspricht Markschies – bei deutschen Unipräsidenten unüblich –, vor der Berufungsentscheidung von jedem Kandidaten in der engeren Wahl die wichtigste Forschungsarbeit zu lesen. Auch von einem theoretischen Mathematiker? »Auch von dem.« Dafür studiert er neuerdings fleißig Nature und Science.
Natürlich wird der Kirchenhistoriker ein eingefleischter Geisteswissenschaftler bleiben. Schon in frühen Jahren lernte er Latein, Griechisch und Hebräisch. In mehr als einem halben Dutzend Sprachen kann er sich verständigen. Unter dem Titel Wertsachen schreibt Markschies alle zwei Wochen im Tagesspiegel eine Kolumne über vergessene Wörter. Am vergangenen Montag widmete er sich der »Contenance«. Fast entsetzt stellt er fest, dass es in seinem neuen Amtszimmer kein einziges Regal gibt, wo man ein Buch abstellen kann.
Dennoch ist Markschies die Verbindung zu den Naturwissenschaften – schon aus Eigeninteresse der Geisteswissenschaften – so wichtig, dass er daraus einen Schwerpunkt seiner Arbeit machen will. Eine neue »Fakultät für Lebenswissenschaften« möchte er gründen, in dem sich Biologen und Mediziner wie Theologen und Ethnologen zusammenforschen. Er selbst befasste sich wissenschaftlich zuletzt mit dem antiken Heilschlaf, wofür er sich bei der modernen Schlafforschung kundig machte. Seine Antrittsvorlesung an der Humboldt-Universität hielt er nicht in der theologischen Fakultät, sondern programmatisch in der Charité bei den Medizinern.
Am 6. Februar wird Christoph Markschies seine Inaugurationsrede als HU-Präsident halten. Thema werden die großen deutschen Wissenschaftsreformer sein. Zwei Männer werden dabei eine besondere Rolle spielen. Friedrich Schleiermacher, der die geistigen Fundamente der Humboldtschen Universitätserneuerung konzipierte und Adolf von Harnack, der Begründer der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, die heute Max-Planck-Gesellschaft heißt. Beide lehrten und forschten in Berlin, beide waren Theologen. Adolf von Harnack hatte ein besonderes Spezialgebiet: Er war Patristiker.
Der Mensch...
Christoph Markschies ist Professor für alte Kirchengeschichte (Patristik). Nach Stationen in Tübingen, Jena und Heidelberg lehrt er seit 2004 an der Berliner Humboldt-Universität. Dabei versteht sich der 43-jährige Markschies durchaus auf die öffentliche Darstellung seines Fachs. Er hat mehrere populärwissenschaftliche Bücher geschrieben (»Warum Gott sterben musste«) und mischt sich gern in Alltagsfragen ein.
...und seine Idee
Als neuer Präsident der Humboldt-Universität hat Christoph Markschies ehrgeizige Pläne. Er will sich aktiv in die Berufung neuer Professoren einmischen sowie die Geistes- und Naturwissenschaften in einer neuen Fakultät für Lebenswissenschaften zusammenführen. Zugleich möchte der Theologe die Universität stärker als Ort gesellschaftlicher und politischer Debatten nutzen.
- Datum 05.01.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 05.01.2006 Nr.2
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die humboldt-uni moechte elite-uni werden. schlimm genug, diesen ausdruck zu verwenden. aber dazu braucht sie jedoch nicht nur elite-studenten, sondern auch elite-dozenten und elite-bedingungen. das problem: es mangelt an allem.
so gibt es dozenten, die jedes noch so interessante thema zu einer gaehn-orgie daniedertrampeln koennen. gebaeude, die kalt und verranzt sind. kommt ein auslaender nach berlin und studiert z.b. philosophie, so ist er in einem haus untergebracht, das eher an die dritte welt als an eine fuehrende industrienation - geschweige denn elite-uni - erinnert. deutschland - das land der goldenen stolprigen fußboeden.
das imma-buero ist unfreundlich + telefonisch so gut wie nie zu erreichen. die pruefungsstellen sind noch viel unfreundlicher und haben zeit...jede menge zeit. scheine abholen? ja, aber nur mit termin, um einen termin zu machen. da gibt es pflichtkurse, für die es nur 20 plaetze gibt - für 75 studenten. dann dauert das studium wieder ein semester laenger. oder auch zwei. hoehere imma-gebuehren als strafe fuers unverschulden verstehen sich von selbst. und statt eines campus gibt es weit verstreute standorte - was das studieren und einhalten von seminar-zeiten nicht gerade einfacher macht.
die humboldt-uni ist gleich einer behoerde, deren vielzahl fragwuerdiger mitarbeiter - egal wie inkompetent - nicht entfernt werden (kann). man hat sich ueber die jahre so eingerichtet. da kann man hin- und her-umstrukturieren, die gleichen flachzangen werden beschaeftigt sein - und aendern wird daran keine struktur irgendetwas.
aber es gibt auch sieger: oxford wird auf seinen platz nr. eins noch sehr lange allein sein.
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