Irgendeiner hat immer etwas zu keckern. Muss heftig zilpen, schnarren, flöten. Irgendeiner darf seine Stimme immer für ein paar Momente bevorzugt zu Gehör bringen, sein kleines Solo im großen Morgenkonzert am Rio Negro. Irgendeiner aus den Familien der Sperlinge, Finken oder Drosseln. Doch dann fallen die Chachalacas ein, die eifrigsten Tratschhühner unter den Vögeln Brasiliens, und lärmen los. Sechs Uhr morgens, Schluss mit der Harmonie, höchste Zeit aufzustehen. Der Gärtner wässert die Bäume der Pousada Barra Mansa, aus der Küche dringt der Duft von Kaffee, und Djogo, dienstältester und erfahrenster Cowboy der Farm, bringt frische Milch und die Pferde für den ersten Ausritt. Der Tag fängt früh an im Pantanal. Und er beginnt mit einem blassblauen Himmel. Weit und breit kein Regen in Sicht. Die Schwimmblätter der Riesenseerose

Regen ist der Lebenssaft des Pantanal. Alljährlich von November bis März füllt er im Südwesten Brasiliens eine flache Riesenbadewanne von beinahe der Größe Rumäniens. Im April und Mai schieben sich gewaltige Wassermassen nach Süden, zum einzigen Abfluss, dem Rio Paraguay. Die Flüsse schwellen an, glucksend und brausend steigt das Wasser in den Senken, bis schließlich vier Fünftel des Gebietes "Land unter" sind. Ein amphibisches Paradies, aus dem einzelne Baumgruppen, Gestrüppinseln und Hügel ragen. Ab Juni verdunstet das Wasser oder fließt ab. Im Juli setzt die Trockenzeit ein, das große Sterben für Piranhas, Anakondas und Kaimane, die ihre erst versumpfenden, schließlich lehmig-rissigen Löcher nicht mehr rechtzeitig verlassen konnten.

"Im Jahr 1930", sagt Rubens, "war die Lage ähnlich wie heute. Das behauptet jedenfalls mein Vater." Da seien am Ende der Trockenzeit auch noch die letzten Wasserlöcher ausgetrocknet, und selbst der Spiegel des Rio Negro sei dermaßen gesunken, dass man stellenweise aussteigen und die Boote schieben musste. Ganz so wie jetzt eben. Er selbst, sagt der baumlange 55-jährige Verwalter der Fazenda Campo Grande, der zu einem kurzen Besuch herübergekommen ist, habe den Pantanal noch nie so trocken gesehen. Djogo, vier Jahre älter, gibt ihm Recht: "In den Sechzigern und frühen Siebzigern hat es insgesamt weniger geregnet. Aber so extrem war es nie."

"Nicht nur das Wetter hat sich verändert", ergänzt Djogo und blickt über die hitzeflirrende Ebene. Die gute alte Zeit! Er kennt eine Menge Geschichten aus der Epoche, als die riesigen Fazendas, die Viehfarmen, Ende des 19. Jahrhunderts entstanden. Auch seine eigenen Erinnerungen reichen weit zurück. Schon mit acht nahm er an seinem ersten Viehtrieb teil. 1200, 1300 Tiere wurden vier-, fünfmal im Jahr nach Campo Grande getrieben, wo sie vor dem Verkauf noch ein paar Wochen lang auf grünen Wiesen Fett ansetzen sollten. "Zwei Monate lang waren wir unterwegs, jeder trug auf seiner Position die volle Verantwortung, auch ich." Gedüngt oder zugefüttert wurde damals nie, "Eine Kuh – drei Hektar Land" galt als Schlüssel. Dank dieser extensiven Nutzung blieb die Natur des Pantanal erhalten, und die Rinderbarone sammelten trotzdem enorme Reichtümer an.

"Es waren gute Zeiten", erinnert sich Rubens. "Gezahlt wurde weniger als heute. Aber die Eigentümer fühlten sich für ihre Leute verantwortlich. Es gab Fleisch zu allen Mahlzeiten und große Feste an Feiertagen. Wer wollte, konnte sich auf der Farm einen Garten anlegen. Und ältere Arbeiter bekamen ein Häuschen für ihre letzten Jahre."

Bis der Rindfleischpreis verfiel und auch im Pantanal persönliche Gier und hartes wirtschaftliches Konkurrenzdenken um sich griffen. "Ich habe das immer abgelehnt", sagt Rubens, "aber was mache ich jetzt? Holze gerade ein paar Hektar ab und säe Gras, Gras aus Afrika, das widerstandsfähiger und ergiebiger ist als das bei uns. Entweder man produziert mehr Fleisch und billiger. Oder man geht unter." Kam ein Rinderzüchter vor 25 Jahren mit einer Farm von 3500 Hektar noch einigermaßen über die Runden, braucht er heute dazu schon 15000 Hektar. Die Folge: Bäume fallen, die Großen fressen die Kleinen. Und auch die Pläne, in den Randgebieten eine riesige Zuckerrohrindustrie anzusiedeln, sind wohl nur vorübergehend in die Schubladen verbannt. "Der Tourismus könnte uns Luft verschaffen", sind sich die sonnengegerbten Raubeine einig. Auch wenn sie persönlich sich schwer tun, übergewichtigen Damen in Khakishorts aufs Pferd zu helfen.

Den ersten Anstoß für Tourismus gab das Fernsehen. Von März bis Dezember 1990 lief die Telenovela Pantanal, eine Soap mit aufbrausenden Lockenköpfen, glutäugigen Schönheiten und gefühlvollen Liedern, in denen die Liebe zum Vieh, zu den Frauen und zum Land beschworen wurde. Und ganz plötzlich galt es in Brasilien als schick, die abgelegene Region zu besuchen oder, besser noch, gleich ein Stück davon zu erstehen.

In den folgenden Jahren entstanden Touristenquartiere ganz unterschiedlichen Stils. Edle Resorts etwa, wie das Refúgio Ecológico Caiman 240 Kilometer östlich von Campo Grande, der Hauptstadt der Region: Jede der vier Lodges hat einen eigenen Pool, und den Gast erwartet ein straff durchorganisiertes Ausflugsprogramm. 27000 Stück Vieh gehören zur 55000 Hektar großen Ranch, rund 300 Leute leben im angeschlossenen Dorf. An den Cowboy Days kann sich der Besucher selbst in den Sattel schwingen und beim Markieren der hellgrauen, knochigen Rinder dabei sein, und zweimal die Woche beim Churrasco grillen die peao s , die Landarbeiter, mächtige Fleischbrocken am Spieß, gehen von Tisch zu Tisch und säbeln so lange knusprig-saftige Filetstreifen auf die Teller, bis der Besucher aufgibt.

Die Fazenda Rio Negro, 180 Kilometer nordöstlich von Campo Grande gelegen, hält es eher mit der Wissenschaft. 1999 kaufte die Naturschutzorganisation Conservation International die alte Farm, richtete in den Pferdeställen geräumige Zimmer ein und steckt die Gewinne in Projekte zur Erforschung und zum Schutz des Pantanal. Rio Negro ist aber auch das Anwesen, auf dem die Telenovela spielte, und es hat sich seitdem nicht allzu sehr verändert. Die hölzerne Fassade des Herrenhauses aus dem Jahr 1920 ist gut erhalten, es gibt immer noch wie im Fernsehen den Teich vor dem Haus und die Kapelle.

Im benachbarten Recanto Barra Mansa, etwa eine Stunde Jeepfahrt entfernt, finden nur 16 Gäste Platz, das Programm wird ganz auf ihre Wünsche zugeschnitten – was vor allem Sportfischer schätzen. Die Köchinnen tischen Spezialitäten der Region auf: Huhn in brauner Biersoße, Piranhasuppe, Kürbis, gefüllt mit sonnengetrocknetem Fleisch. Oder Jabuticaba, eine Frucht, die schmeckt wie Pflaume und Litschi zugleich. Und Bocaiùva, der Kaugummi des Pantaneiro, die fasrigen Früchte einer Palme, die den Mund anfetten wie ein Stück süßer Butter.