lebenszeichen Chance 2006

Harald Martenstein hat auch eine Neujahrsbotschaft

Das Wichtigste beim Schreiben besteht meiner Ansicht nach darin, dass man locker bleibt, während man in Wirklichkeit von Ehrgeiz zerfressen ist. Den Ehrgeiz braucht man als Motor, aber man unterdrückt ihn, weil er, wie jede Form von Hunger oder Gier, Präzision verhindert und Verkrampfungen hervorruft. Schreiben funktioniert also am besten, wenn man sich selbst betrügt. Das ist mein Job.

Angela Merkel schreibt in ihrer Neujahrsbotschaft: »Deutschland steckt voller Chancen. Wir brauchen die Bereitschaft für Veränderungen. Überraschen wir uns damit, was möglich ist.« Was sich im letzten Jahr in unserer Gegend verändert hat, was möglich wurde: Es gibt plötzlich doppelt so viele Fußpflegerinnen. Jeder vierte Laden: Pediküre. Ich nehme an, es sind Ich-AGs. Für Füße steckt Charlottenburg jedenfalls voller Chancen. Gleichzeitig stehen immer mehr Wohnungen leer. Überraschen wir uns mit der Möglichkeit, dass es in Charlottenburg bald mehr Fußpflegerinnen geben wird als Füße. Wenn man die Namen an den neuen Geschäften studiert, stellt man fest, dass Fußpflegerinnen meistens Deutsche sind, Deutsche mit der Bereitschaft zu Veränderungen. Es scheint ihnen aber wenig zu nützen, because: Angebot und Nachfrage. Die hauptberuflichen Verändererinnen dagegen, also die Änderungsschneidereibetreiberinnen, von denen es auch immer mehr gibt, kommen alle aus Polen oder Asien. Eine deutsche Frau näht nicht. Die dritte Branche, die in der Gegend boomt, sind die Bordelle. Das sind interessanterweise alles drei weitgehend Frauenberufe. Ich frage mich, was die arbeitslosen Männer tun, ignorieren die alle politischen Appelle und lassen sich einfach treiben? Zwischen den Jahren packte mich also inmitten von Fußpflegerinnen-Ich-AGs eine Depression, die mit Fieber einherging. Außerdem hatte mir die Redaktion einen ellenlangen Leserbrief geschickt, in dem ein neunmalkluger Schnösel zu beweisen versucht, dass ich immer das Gleiche schreibe. Er hat sich unglaubliche Mühe gegeben, die Struktur der Kolumne analysiert, Leitmotive herausgearbeitet, subkutane Themenstränge beschrieben, den Leserbrief kann er ohne weiteres als Magisterarbeit einreichen. Außerdem ist dieser Typ von einem ans Manische grenzenden Hass auf mich besessen, das ging aus dem Brief klar hervor. Ich bekam ein bisschen Angst, nicht vor dem Typ, sondern vor der Zukunft. Irgendwann kommt die Krise, und mein Hirn wird sein wie ein Fußpflegesalon, in den keiner hineingeht. Zum Teil stimmt es schon heute, jeder Autor bringt seine Töne auf immer dem gleichen Instrument zustande, nämlich sich selbst, und ein Tango bleibt immer ein Tango. Am meisten ärgerte mich die Tatsache, dass ich mich ärgerte.

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Wenn mir eines Tages wirklich nichts mehr einfällt, mache ich es wie Hemingway, ich putze mein Gewehr, und plötzlich löst sich ein Schuss. Bis dahin ist noch ein bisschen Zeit, Baby, Hemingway war über sechzig und hatte vierzig Jahre lang Texte fabriziert, die man gut finden kann, da habe ich noch was vor mir. Deutschland steckt voller Chancen.

 
Leser-Kommentare
    • Ewaldo
    • 06.01.2006 um 19:21 Uhr

    Ihrer Devise locker bleiben ist absolut nichts hinzu zu fügen.
    Doch die Auseinandersetzung mit dem ellenlangen Leserbrief, dessen Verfasser ich weder kenne noch den Inhalt desselben klingt ehr wie Aug um Aug Zahn um Zahn, also nach harter Abrechnung. Dazu die verbale Stigmatisierung des dummfrechen jungen Schreibers wie ich annehme. Eleganter umschrieben wäre als Neujahrsbotschaft lockerer gewesen. Über Weihnachten liegt doch "Liebe in der Luft".
    In diesem Sinne auf ein lockeres 2006 und mit freundlichen Grüßen Ewaldo

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  • Serie Lebenszeichen
  • Quelle (c) DIE ZEIT 05.01.2006 Nr.2
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  • Schlagworte Angela Merkel | Ich-AG | Tango | Polen | Bordell | Charlottenburg | Asien
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