Tsunamis, Klimawandel, Seuchen, Unterernährung – das Katastrophenpotenzial der Erde scheint erdrückend. Fast könnte man angesichts der Liste globaler Probleme verzweifeln. Eine »völlig neue Dimension« hätten im Jahr 2005 die Zerstörungen durch Naturkatastrophen erreicht, meldet die Münchener Rückversicherung: Mehr als 100000 Tote und volkswirtschaftliche Schäden von über 200 Milliarden Dollar. Und da sind die Aidstoten, die Kriegsopfer und verhungernden Kinder noch gar nicht eingerechnet. Wo soll man da anfangen? Wie all diese Herausforderungen bewältigen? Bjørn Lomborg glaubt zu wissen, was zu tun ist: Die Menschheit muss Prioritäten setzen. BILD

» Wir können nicht alle Übel unserer Zeit auf einmal bekämpfen «, formuliert der dänische Statistiker seine Überzeugung. »Unsere Ressourcen sind beschränkt, und wir können jeden Euro nur einmal ausgeben. Deshalb haben wir die moralische Verpflichtung, das Geld so zu investieren, dass es möglichst viel Gutes bewirkt.« Und er weiß auch gleich, wie dies zu erreichen ist: Man versammele einfach die klügsten Experten des Globus, lasse sie fünf Tage lang miteinander streiten und am Ende über eine Rangfolge unserer drängendsten Probleme abstimmen.

Klingt logisch. Fragt sich nur, ob Bjørn Lomborg dafür der rechte Mann ist. Denn an kaum einem Forscher scheiden sich die Geister so wie an dem 41jährigen Dänen. Für die einen ist er der »Martin Luther der Umweltbewegung« (Time), für die anderen ein »ökologischer Revisionist« und Handlanger der Industrie. Umweltschützer haben ihm schon Torten ins Gesicht geworfen, Forscher verklagten ihn vor dem Dänischen Komitee für Wissenschaftliche Unredlichkeit. Und ausgerechnet der weltweit bestgehasste Ökokritiker will sich nun zum Retter des Globus aufschwingen?

Wer Bjørn Lomborg in Kopenhagen besucht, trifft einen entspannten Menschen, dem all der Streit um seine Person nichts anzuhaben scheint. Ein grellorangefarbenes T-Shirt unterstreicht das fröhliche Naturell des groß gewachsenen, blonden Dänen, der von einer durch und durch optimistischen Weltsicht durchdrungen scheint. Schon in seinem Bestseller The sceptical environmentalist (deutsche Fassung: Apokalypse No!) ist er 2001 gegen die angebliche Schwarzmalerei der Umweltorganisationen und ihre »Litanei« vom ökologischen Untergang zu Felde gezogen. Nun schwärmt er in perfektem amerikanischen Englisch von seiner neuesten Idee und wirkt dabei so gut gelaunt wie ein Unternehmer, dessen Aktien unaufhörlich steigen.

»Wir haben es geschafft, in Kopenhagen einige der besten Ökonomen zusammenzubringen, um eine Prioritätenliste der drängendsten Probleme weltweit zu erstellen. Sagenhaft! Das muss man sich mal vorstellen, dass Ökonomen sich auf etwas einigen! Noch dazu einige der besten Ökonomen der Welt, noch dazu über die wichtigsten globalen Probleme. Das ist großartig. Aber das ist erst der Anfang. Nun müssen wir diese Prioritätenliste bekannt machen und dafür sorgen, dass sie benutzt wird.« So sprudelt Lomborgs Erfolgsbilanz aus ihm heraus.

Tatsächlich ist es dem Umweltskeptiker gelungen, das in Dänemark häufig benutzte Instrument der Konsenskonferenzen auf ein internationales Niveau zu heben. Auf seine Initiative hin trafen sich im Sommer 2004 acht hochkarätige Ökonomen – inklusive dreier Nobelpreisträger – in Kopenhagen, um Empfehlungen für eine effektive Umweltpolitik zu formulieren. Die Koryphäen sollten sich vorstellen, die Weltgemeinschaft habe für die nächsten vier Jahre 50 Milliarden Dollar zur Linderung von Notlagen zur Verfügung. In einer viertägigen Konferenz mussten sie entscheiden, wie dieses Geld am besten anzulegen sei. Dass seither über die Relevanz dieser Rangliste gestritten wird, kann nicht verwundern.