Keine KameradenSeite 4/4

Ein zweiter Grund für die Entfesselung der Mordwut kam hinzu. Seit dem 5. Juni 1940, als die Wehrmacht begann, auf Paris zuzumarschieren, gingen die französische Armee und die wenigen verbliebenen britischen Verbände zu einer verzweifelten Taktik über. Sie bildeten getarnte Widerstandsnester, so genannte Igel. Sie ließen die deutschen Verbände passieren und beschossen sie dann überraschend von der Seite und von hinten. Um diese Stellungen zu nehmen, mussten die Deutschen zeitraubende und verlustreiche Nahkämpfe führen.

Der Zorn, den diese Angriffe auslösten, traf vor allem die schwarzen Gegner. Wenn weiße Franzosen oder britische Soldaten die Deutschen in mörderische Kämpfe Mann gegen Mann verwickelten, aus Bäumen schossen oder in Ruinen lauerten, galt dies als legitim. Nur wenn Schwarze daran beteiligt waren, sprachen die Wehrmachtberichte von heimtückischen Anschlägen.

Einmal mehr wird deutlich, dass die Tatsache, einem schwarzen Soldaten gegenüberzustehen, an und für sich schon einer Schmähung gleichkam. Der schwarze Soldat war kein Kamerad. Er war ein »wildes Tier«, das aus dem Hinterhalt zuschlägt – die »Bestie«, die vernichtet werden musste.

Je brutaler die Deutschen vorgingen, desto wütender wurde der Widerstand. Senegalschützen, welche schon erste Gerüchte über die Gräuel gehört hatten, leisteten erbitterten Widerstand, selbst als Paris am 14. Juni gefallen war und jede Stunde mit dem Einstellen der Kämpfe gerechnet wurde. Ihre Stellungen zu erstürmen kostete Hunderte von Verletzten und Toten, und deutsche Soldaten, die sich schon halb im Frieden wähnten und tagelang auf keinen Widerstand mehr gestoßen waren, kannten in ihrer Rache keine Grenzen. Zumal sie es hier nicht mit Weißen zu tun hatten, die in aussichtsloser Lage noch heldenhaft »um ihre Ehre« kämpften – dafür hätte man ein »ritterliches« Verständnis gehabt –, sondern um »unmenschliche, freche Neger«. »Eine so niedrige Rasse verdient es überhaupt nicht, gegen eine so zivilisierte Rasse wie die Deutschen Krieg zu führen«, zitiert der Kommandeur des 3. Bataillons des 16.RTS Lucien Maurice Carrat einen deutschen Offizier.

Die Nazifizierung der Truppe ist schon weit fortgeschritten

Die historische Literatur zum Westfeldzug bescheinigt der Wehrmacht im Allgemeinen ein »korrektes Verhalten« in Frankreich – das in scharfem Kontrast stehe zur deutschen Kriegführung »im Osten«. Dieses Bild ist nicht mehr aufrechtzuerhalten. Die Massaker zeigen, wie weit die Nazifizierung der Truppe bereits 1940 fortgeschritten war.

Allerdings funktionierte dieser Prozess noch nicht reibungslos. Oft wurden, wie beschrieben, schwarze Gefangene korrekt behandelt, manchmal führten deutsche Offiziere auf Betreiben französischer Kommandeure eine Erschießung nicht aus, in anderen Fällen kamen sogar Deutsche den Afrikanern zu Hilfe.

Als Hitler und die Führungsstellen der Wehrmacht und SS den Feldzug gegen die Sowjetunion vorbereiteten, versuchten sie von vornherein keinen Raum für solche Inkonsistenz zu lassen. Die Befehle für die Behandlung sowjetischer Kriegsgefangener schlossen Mord an bestimmten Gruppen und das Verhungernlassen von Millionen anderer Gefangener mit ein, und die Kommandeure und Soldaten der Wehrmacht zeigten immer seltener Skrupel, verbrecherische Befehle dieser Art auszuführen. So geriet das »Unternehmen Barbarossa« von Anfang an zu einem Vernichtungs- und Auslöschungskrieg. Die Massaker in Frankreich aber gehörten zu seiner mörderischen Ouvertüre.

Der Autor ist Professor für europäische Geschichte am Colby College in Maine (USA). Im März erscheint sein Buch zum Thema: »Hitler’s African Victims: The German Army Massacres of Black French Soldiers in 1940« (Cambridge University Press, New York; 212 S., Abb., $ 65,–; ISBN 0521857996)

 
Leser-Kommentare
  1. Danke für die Vorstellung dieser guten Siegerliteratur. Ich hasse auch meine Vorfahren, insbesondere meine Großväter, welche leider Deutsche sind und verspühre keinerlei Dankbarkeit für alles Gute, was mir durch Sie zu Teil wurde. Das in etwa ist die Erinnerungskultur, die dieser mongraphischen Darstellung folgen müßte.

    Wir sind ja heute mental zum Glück auf der Seite der Sieger. Nur wer sind diese Sieger eigentlich ? Ein Blick in die vergleichende Betrachtung offenbart, dass manche Deutsche zu Kriegsverbrechen fähig waren, aber die Gegner halt auch keinen moralischen Krieg geführt haben. Als Beispiel diene die Schrift
    Josef Werner, ”Karlsruhe 1945, Unter Hakenkreuz, Trikolore und Sternenbanner“, G. Braun, Karlsruhe 1985, (2) 1986
    Mich würde interessieren, ob der Author solche Abschäulichkeiten, wie die in Karlsruhe, Freudenstadt und Merzig auch untersucht oder ob hier nur gezeigt werden soll, dass "die Deutschen", welche ja auch nicht alle gleich sind, schlechter sind als "die Alliierten". Dazu gehört natürlich auch die Frage, ob es bei den Ethnien Unterschiede in der Kriegsführung gab und ob diese bewußt ausgenutzt wurde. Die farbigen Soldaten des 3. Marokkanischen Spahi-Regiments, welche die Kriegsverbrechen in Freudenstadt begangen haben,hatten vielleicht eine andere Auffassung, was man mit Ungläubigen machen kann, als es die Haager Landkriegsordnung vorsieht. Da sehe ich die Geistesverwandschaft der französichen Führung zu den Kriegsverbrechern in deutschem Namen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service