Blind fürs Unerwartete
Wer sich konzentriert, übersieht große Veränderungen
Eine peinliche Situation: Bei einem Abendessen werden Sie von der Ihnen gegenübersitzenden, Ihnen sehr vertrauten Dame gebeten, doch einmal kurz die Augen zu schließen. Und jetzt sollen Sie Frisur, Bluse, Brille, Ohrringe beschreiben. Das gelingt Ihnen nicht so recht? Ein kleines Unbehagen macht sich breit? Und schon kommt er, der bittere Vorwurf, Sie würden vermutlich noch nicht einmal bemerken, wenn beim Augenöffnen plötzlich jemand anders dort säße.
Die schlechte Nachricht ist: Das kann sogar stimmen. Die gute: Es gibt dafür eine wissenschaftlich fundierte Ausrede. Das Phänomen, selbst größere Veränderungen in unserer Umgebung schlicht zu übersehen, wird als Veränderungsblindheit bezeichnet - auf Englisch: change blindness.
Voraussetzung für das absurde Versagen ist, dass unsere Aufmerksamkeit kurz abgelenkt wird - sei es, dass wir mal eben in die Speisekarte oder zur Seite schauen oder die Sicht für einen Augenblick verdeckt ist.
Auf diese Weise ausgetrickst, übersehen Versuchspersonen in einem Computerexperiment leicht, wenn in einer virtuellen Hafenszene ein Boot verschwindet oder plötzlich ein Baum im Landschaftspanorama fehlt.
Ob sich solche Effekte auch im Alltag finden lassen, hat ein amerikanisches Forscherteam um Daniel Simons und Daniel Levin schon 1998 untersucht. In der Studie fragte ein Experimentator ahnungslose Passanten nach dem Weg. Nach einer kurzen Unterhaltung trugen zwei weitere Versuchsmitarbeiter eine Tür zwischen den Gesprächspartnern hindurch. Während die Tür die Sicht des Passanten verdeckte, tauschten der Experimentator und einer der Türträger die Rollen. Der neue Experimentator tat anschließend, als sei nichts geschehen und hörte sich einfach die weitere Wegbeschreibung an.
Als die Passanten gefragt wurden, ob ihnen an dieser Szene etwas aufgefallen sei, gaben nur sieben von fünfzehn getesteten Personen an, den Tausch überhaupt bemerkt zu haben. Die Übrigen waren völlig überrascht, als sie hörten, dass sie es mit zwei verschiedenen Personen zu tun hatten.
Ob es nun an der geringen Aufmerksamkeit oder an der außergewöhnlichen und damit nicht erwartbaren Situation lag: Die Ergebnisse weisen deutlich darauf hin, dass man auch im Alltag außerhalb des Labors sehenden Auges blind sein kann.
- Datum 12.01.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 03/2006
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