Theater Abschied vom Theaterlagerkampf

Bist du Realist oder Dekonstruktivist? Der junge Regiestar David Bösch findet solche Gegensätze absurd. Er vermeidet alle Raster.

Wer jetzt nicht aufpasst, kann sich rasch zwischen den Fronten verlaufen. Und versehentlich im falschen Schützengraben landen. Das deutsche Theater gerät in Bewegung, die alten Grenzverläufe im jahrelangen Generationenkampf verwischen sich. Die bewährten Freund-Feind-Schemata zerbröckeln.

Was ist passiert? Nichts Dramatisches – außer dass nach den Jungen immer die noch Jüngeren kommen. Und dass dieser Nachwuchs, der vehement aus den Regiestudiengängen der Theaterhochschulen auf die Bühnen drängt, mit den Lagerkämpfen und -krämpfen des vergangenen Jahrzehnts – hier das »neue« postdramatische, dort das »alte« literarisch-psychologische Theater – nichts mehr am Hut hat. Diese Jungen, alle in den Zwanzigern, halten nichts von Fraktionszwang. Sie wollen sich ihren eigenen Theaterkosmos zusammenbasteln, und das, bitte schön, ohne Vorgaben.

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Den Druck, unter dem die »Postdramatiker« noch standen, sich von der machtbewussten Vätergeneration der 68er abgrenzen zu müssen – diesen Druck kennen die Jungen nicht mehr. Umso unbefangener ihr Umgang mit der Tradition. »Unsere Vorgänger sagten noch: Nee, von dem guck ich mir bestimmt nichts an. Bei uns ist das anders: Wir wollen auch bei den Älteren was lernen.« Der das so frei und frank sagt, heißt David Bösch, Jahrgang 1978, hat 2004 sein Regiestudium an der Zürcher Hochschule für Musik und Theater abgeschlossen, trägt schulterlanges Haar und ist der Senkrechtstarter der jungen Regiegarde.

Branchentabus, Avantgarde-Dogmen – die lässt man nicht gelten. Entsprechend pragmatisch daher auch das Verhältnis der Jungen zum postdramatischen Theater. Zwar wollen sie, warum denn nicht, von dessen neuen Spielweisen und Texten profitieren, doch andrerseits ist ihnen nicht entgangen, wie rasch das »Neue« zum Mainstream verblasste, wie sehr es inzwischen zum coolen Aufsagetheater an der Rampe zu erstarren droht. Vielen ist alles ohnehin zu verkopft: Wie soll das Theater, fragen sie, bei solcher Distanz zu großen Geschichten und Gefühlen seine Zuschauer binden?

Für David Bösch, der jetzt mit Marivaux’ Streit am Zürcher Schauspiel schon seinen elften »eigenen Abend« bestritten hat, ist dies der entscheidende Punkt. Man dürfe die Emotionen nicht dem Film überlassen, sagt er; eine Arbeitsteilung zwischen Theater und Kino, die das eine Medium der Reflexion, das andere dem Sentiment zuschlägt, findet er absurd. Er jedenfalls glaubt nicht an Konzept und Reißbrett – sinnlich, direkt, spielerisch, emotional unmittelbar soll sein Theater sein. Und nicht nur die Insider will er erreichen, sondern ein breites Publikum – er ist stolz, wenn seine Shakespeare-Abende auch viele Hauptschüler anziehen.

Wer sich mit Bösch übers Theater unterhält, kommt aus dem Staunen nicht heraus. Fast alles, was vor kurzem noch für die meisten seiner jungen Kollegen absolute Reizvokabel war, ist bei ihm positiv konnotiert. Identifikation, Einfühlung, Katharsis: alles wichtig! Pathos, hoher Ton: nein, keine Berührungsangst! Sein stärkster Impuls beim Inszenieren? »Die Neugier auf Menschen.«

Junger Regisseur mit alten Tugenden: So titelte ein Kritiker im Sommer 2004 über Bösch, dessen Inszenierung von Simon Stephens’ Sozialdrama Port bei den Salzburger Festspielen gefeiert wurde. Ein solches Etikett hätte früher einen jungen Theatermenschen schlaflose Nächte gekostet und zu heftigen provokativen Gesten angestachelt. Bösch aber findet es »toll«. Ja, sagt er, in gewisser Weise sei er altmodisch. Professionelles Handwerk sei unerlässlich, genaueste Vorarbeit in den Proben: »Ich bin ein Perfektionist.«

Schon seine Arbeiten an der Hochschule (Frühlings Erwachen und Leonce und Lena – a better day) weckten Neugier, erhielten Auszeichnungen. Beim »Körber Studio Junge Regie« 2003 in Hamburg, dem Wettbewerb der deutschsprachigen Regieschulen, bekam er mit Jessica Goldbergs Fluchtpunkt den ersten Preis. Thalia-Intendant Ulrich Khuon wurde sein Förderer; er ermöglichte, als Koproduzent, das Salzburg-Projekt Port.

Bösch liebt seine Spieler, und er hat einen genauen Blick für sie

Danach ging es Schlag auf Schlag, der Jubel der Kritik ist einhellig. In Bochum kommt Romeo und Julia (2004), eine witzige, tempo- und effektstarke, anrührende Aufführung, beim jungen Publikum derart gut an, dass man sie kurzerhand auf die große Bühne verpflanzen muss. Intendant Matthias Hartmann nimmt sie mit nach Zürich, an seine neue Arbeitsstelle, und auch hier kommen ihre Qualitäten voll zur Geltung: Sie versprüht Leidenschaft und heutiges Lebensgefühl. Bösch schöpft – ohne zu »zitieren«, wie er betont, denn es ist ihm selbstverständlich – aus einem medialen Bildervorrat (Pop, Comic, Film, Werbung), in dem gerade Jugendliche ihre Ängste und Träume wiedererkennen und von dem sich ältere Besucher keineswegs ausgesperrt fühlen müssen: Die vitale Körperlichkeit des Spiels wirkt unbedingt ansteckend. Der einzige Mangel: Bösch hat zu viele, nicht zu wenige Einfälle. Das Drama leidet stellenweise an Hyperaktivität, tendiert dann zu geschäftigem Leerlauf. Mehr Stille täte gut.

Wiederum viel Lob, aber erstmals auch herbe Kritik (»Theater für Bravo-Leser«) gibt es bei Böschs zweitem großem Shakespeare-Abend, dem Sommernachtstraum, den er zu Anselm Webers Neubeginn am Schauspiel Essen im vergangenen Herbst beisteuert. Ihm selbst ist es »die wichtigste Arbeit« seiner bisherigen Laufbahn. Auch hier dominieren Sinnlichkeit und Spiellust, auch hier greift Bösch tief hinein ins volle Medienleben – im Geisterwald paradieren die Monster des Teenie-Horrorkinos. Weiter vorgewagt als bisher hat der Regisseur sich jedoch in der Ausdeutung einer zentralen Figur: Für Puck, einen Pummel mit Wollmütze, Lederhosen und ungewisser sexueller Identität, erfindet er eine tragikomische Pubertäts- und Liebesgeschichte; erst am Ende darf Puck Frau sein und zufrieden mit sich.

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