Nahost Es gibt keinen Weg zurück
Ariel Scharon war nie ein Mann des Friedens. Trotzdem hat er mit dem Rückzug aus Gaza eine historische Wende eingeleitet.
Israel bangt um das Leben seines Premierministers. An Ariel Scharons Person haben sich die Geister immer radikal geschieden. Denn er war weder als Politiker noch gar als Militär ein Mann des Friedens. Seine 1989 in Englisch erschienene Autobiografie hat er mit der Selbstkennzeichnung Warrior (Krieger) überschrieben, und dennoch sind es heute vor allem das Friedenslager und die politischen Kräfte der Mäßigung und der Vernunft, die in Israel und in der ganzen Welt um seine Gesundheit, ja um sein Leben bangen.
Ariel Scharon war unerschütterlich
von der Notwendigkeit der militärischen Überlegenheit Israels überzeugt, weil er nur so das Überleben des Staates und der Nation gesichert sah. Er ist zuerst und vor allem immer Soldat gewesen, der durch die Kriege Israels um seine staatliche und nationale Existenz seit 1948 bis heute zutiefst geprägt wurde. Gleichwohl war und ist das Bild von Ariel Scharon ein extrem zwiespältiges. Sein militärischer Ruhm gründet auf die von ihm eigenmächtig befohlene Überquerung des Sueskanals im Jom-Kippur-Krieg 1973. Im krassen Gegensatz dazu steht seine Verantwortung als damaliger Verteidigungsminister Israels für den fatalen Libanonkrieg 1982 und die dadurch verursachten Tragödien. Er war der politische Ziehvater der territorialen Expansion und damit der israelischen Siedlungsbewegung. Und er glaubte niemals ernsthaft an die Möglichkeit eines Friedens mit den Palästinensern und schon gar nicht mit Jassir Arafat. Dennoch war es ebendieser »Krieger« und »Vater der Siedlungen«, der den Rückzug Israels aus Gaza gegen alle innenpolitischen Widerstände durchgesetzt hat. Und heute bangt die Welt um die Gesundheit von Ariel Scharon, weil mit ihm ganz wesentlich die Hoffnungen auf einen Fortschritt in den israelisch-palästinensischen Beziehungen verknüpft werden.
Ich bin Ariel Scharon während der fünf Jahre seiner bisherigen Amtszeit als Premierminister Israels viele Male begegnet, meistens in seinem Büro im Amt des Ministerpräsidenten und fast immer unter vier oder acht Augen. Die Gespräche mit ihm waren immer vertrauensvoll und gerade deshalb offen und direkt in der Sache. Und »die Sache« handelte meistens vom israelisch-palästinensischen, vom israelisch-arabischen Konflikt und der Entwicklung der gesamten Region. Operative Zusagen, die er mir gegenüber gemacht hatte, hat er immer eingehalten, wobei es alles andere als einfach war, eine Zusage von ihm zu erhalten. Und es ist erst wenige Wochen her, dass ich ihm in seinem Büro in einem Gespräch gegenüber gesessen habe. Selten hatte ich ihn dabei so entspannt, ja fast schon in heiterer Stimmung erlebt. Die Dinge liefen nicht schlecht für ihn. Der Gaza-Abzug war gelungen, die Anklage in einer Korruptionsaffäre gegen ihn war fallen gelassen worden, und er schien bereits innerlich zur Trennung von seiner Likud-Partei entschlossen zu sein, wenn die Parteimehrheit ihm nicht folgen würde. Aber gerade deshalb war ihm auch anzumerken, dass das Alter zunehmend seinen Tribut einforderte.
Seit dem Junikrieg 1967 hatte sich für Israel ein lange verdrängtes, gewaltiges Problem aufgebaut, das dringend der Lösung bedarf. Denn wenn Israel auf dem Hintergrund der jüdischen Verfolgungsgeschichte in der Diaspora der jüdische Nationalstaat bleiben soll, so darf es auf keinen Fall zu einem binationalen Staat mit einer durch ihre höhere Geburtenrate zahlenmäßig erstarkenden arabisch-palästinensischen Bevölkerung werden, zumal absehbar war und ist, dass dann in einigen Jahren die Palästinenser die Bevölkerungsmehrheit zwischen Jordangraben und dem Mittelmeer stellen werden. Die Palästinenser andererseits waren und sind weder als Volk noch mit ihren legitimen Rechten durch Israel dauerhaft zu ignorieren, denn sie gehören seit dem Beginn der jüdischen Nationalbewegung und definitiv seit der Staatsgründung zur Realität Israels, ja sind, ob dies gefällt oder nicht, sogar ein definierender Faktor der israelischen Realität und Geschichte. Und selbstverständlich gilt dies ebenso umgekehrt, das heißt, Israel ist ein definierender Faktor in der palästinensischen Wirklichkeit. Gerade in dieser existenziellen Abhängigkeit der beiden Konfliktparteien voneinander kann für die Zukunft die große Chance zum Ausgleich und damit zum Frieden liegen, aber es ist leider zu befürchten, dass es bis dahin noch eine schwer abschätzbare Zeit dauern wird.
Die territoriale Expansion Israels seit 1967 war eben ohne eine Veränderung seiner demografischen Zusammensetzung zu seinen Lasten nicht zu bekommen. Dadurch wird aber perspektivisch nicht nur der jüdische Charakter Israels infrage gestellt, sondern auch die israelische Demokratie gefährdet, denn eine Minderheit müsste dann in nicht allzu ferner Zukunft über eine Mehrheit herrschen. Für die Parteien der israelischen Rechten und auch für Ariel Scharon waren die Verhandlungen mit den Palästinenern in Oslo und Camp David über viele Jahre nicht hinnehmbar und deshalb Anathema. »Kein Zurück zu Oslo!« hieß eine der zentralen Aussagen während der ersten Jahre von Scharons Amtszeit als Premierminister. Und die zweite Aussage lautete: »Keine Verhandlungen unter Terror!«
Einmal an die Macht gekommen, vollzog der vernünftige Teil der israelischen Rechten in der strategischen Analyse nach, was die israelische Linke bereits seit längerem realisiert hatte: die Notwendigkeit eines unabhängigen, lebensfähigen palästinensischen Staates, um so der absehbaren Erosion der eigenen Mehrheit in Israel zu entgehen. Die Linke war allerdings bei der politischen Umsetzung ihrer richtigen Analyse gescheitert, an sich selbst, am palästinensischen Terror und nicht zuletzt an Jassir Arafat.
Mehr und mehr wurde diesen vernünftigen Teilen des Likud und der israelischen Rechten klar, dass Israel eine strategische Grundsatzentscheidung treffen musste, die gerade für die nationale Rechte extrem schmerzhaft sein würde: ein binationales Israel oder ein palästinensischer Staat. Ariel Scharons Verwandlung von einem der umstrittensten Politiker seines Landes zu einem Staatsmann und zur zentralen Figur der nahöstlichen Politik hing genau von der Beantwortung dieser Alternative ab, nämlich von seinem (mit vielen Wenn und Aber und Hintertüren versehenen) grundsätzlichen Ja zu einem palästinensischen Staat.
- Datum 31.07.2006 - 05:44 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 12.01.2006 Nr.3
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Ob er schon sei nArbeits-Visum für die US beantragt hat und das für Ehefrau(5) Miu?
Fischer hätte sich bei seinen Gedanken um den Nahost-Frieden lieber über das Vakuum an Persönlichkeiten auf der arabischen Seite auslassen sollen. Einen Ariel Sharon, der konsequent nach "Menachem Begins Law": Nur der Starke kann sich Schwäche leisten, verfahren ist als er Gaza räumte, sucht man in Ägypten, Syrien, Saudi Arabien vergeblich. Hier liegen die Dramen oder die Lösungen der Nahost-Zukunft. Wer nur von den Israelis Einsicht, Vernunft und Verzicht verfolgt, der wird den ehemaligen englischen ASussenminister George Brown wohl kaum Lügen strafen. Der sagte 1969: "For the Middle East I can't see any solutions only consequences." Aber als ehemaliger Pflastersteine-Werfer hat Fischer wohl klammheimlich doch mehr Sympathien für die Palästinenser als für die Juden.
Der Fall Israel ist ein klassischer Fall strategischer Überdehnung.
Daß Fischer die Demografiefrage so stark betont ist kein Wunder, denn das ist nicht länger zu übersehen (bzw. nicht länger zu ignorieren).
Israel wird sich auflösen wie ein Zuckerwürfel im arabischen Meer. Zu blumig formuliert? Nein, leider die Realität.
Selbst eine Friedenspolitik à la Perez hätte daran nichts geändert.
Aber: Eine solche Friedenspolitik hätte (vielleicht) verhindern können, daß die künftigen innerstaatlichen Konflikte sich auf eine Art und Weise vollziehen, wie sich das wohl niemand wünscht.
Eine Konfrontation wie zwischen Hutus und Tutsis wird es hoffentlich nicht geben, aber es wird hart.
Scharons Politik hat deshalb, und das war von Anfang klar, nur den langfristigen Interessen Israels geschadet.
Als personifizierte Hassfigur hat er im arabischen Raum friedliches künftiges Miteinander erschwert, zumal die Araber sehr geschichtsbewußt und kulturresistent sind - da ist ein Zusammenwachsen selbst unter günstigsten Umständen immer schwer.
Denkt da einer zufällig an Entwicklungen in westeuropäischen Staaten? Klar!
Und ich wünsche Joschka Fischer, daß er 100 Jahre alt wird.
Dann kann er uns, nach seiner x-ten politischen Häutung, in wohlweisen ZEIT-Kommentaren erklären, warum auch im Westen die Sonne morgends aufgeht.
Nicht vergessen ist jedenfalls, daß die Grünen 1995 bis zum Umfallen gegen die Drittstaatenregelung gekämpft haben.
Von ihrem Multi-Kulti-Schmus, der Visa-Affäre, der Türkei-Frage oder dem ungenügenden Schutz des deutschen Arbeitsmarktes bei der EU-Erweiterung einmal ganz abgesehen.
Vielleicht wäre es deshalb besser, Fischer schwiege, anstatt alle zehn Jahre lang die neueste Upgrade-Version seiner politischen Denke abzusondern.
Dieser link führt zu einer ausführlichen Dokumentation über Sharons Rolle bei den Massakern von Sabra und Chatila. Unter anderem zwei BBC-Videos mit aussagekräftigen Interviews.
http://www.arendt-art.de/...
1) Sharon ist ein Lügner und 2) "persönlich Verantwortlich" für die Massaker sogar laut israelischer Untersuchungskommision.
Zuerst ein Zeitzeuge über Sharons Charakter:
Der Journalist Robert Fisk, laut NY Times "Britanniens berühmtester Auslandkorrespondent"
http://en.wikipedia.org/w...
und selbst in Beirut vor Ort schildert folgendes:
(Der damalige Verteidigungsminister Sharon bestritt gegenüber Regans Abgesandten telefonisch jegliches Bombardement von Beirut worauf dieser den Telefonhörer aus dem Fenster hielt, damit der Explosionslärm gut hörbar wurde)
"Before the massacres of 1982, Philip Habib was President Reagan's special representative, his envoy to Beirut increasingly horrified by the ferocity of Sharon's assault on the city. Not long before he died, I asked Habib why he didn't stop the bloodshed. "I could see it," he said. "I told the Israelis they were destroying the city, that they were firing non-stop. They just said they weren't. They said they werent doing that. I called Sharon on the phone. He said it wasnt true. That damned man said to me on the phone that what I saw happening wasn't happening. So I held the telephone out of the window so he could hear the explosions. Then he said to me: 'What kind of conversation is this where you hold a telephone out of a window?'""
Klarer kann man nicht beim Lügen ertappt werden.
http://www.informationcle...
Diese Quelle beinhaltet Fisks Report der damaligen Massaker vorsicht anschaulich und detalliert! Er unterstreicht auch eindeutig Sharons persönliche Verantwortung.
"Sharon's involvement in the 1982 Sabra and Chatila massacres continues to fester around the man who, according to Israel's 1993 Kahan commission report, bore "personal responsibility" for the Phalangist slaughter."
Hier der Untersuchungsbericht:
Kahan report: http://www.mideastweb.org...
Und ich übe ein wenig Sarkasmus - anhand der gelesenen Kommentare und vor allem anhand der Tatsache, dass ich über die Kommentare sehen wollte, ob es eine Lösung gibt, die auch unser Denken beeinflussen könnte; eine Lösung, einen Ansatz aus der Vielzahl der Zuschriften.
Der Sarkasmus:
1. Wie es gewesen sein kann - habe ich gelesen; kann.
2. Wie es wahrscheinlich ist - habe ich gelesen; wahrscheinlich.
Bis hierher also einseitig.
3. Habe ich nicht gelesen, wie alle Da-Nach-Richter gehandelt oder besser: Gefühlt hätten, wenn sie in der Haut und somit auch Geschichte der Handelnden (heute Be- oder Verurteilten) oder Unlerlassenden...(heute Be- oder Verurteilten) also in der Haut unmittelbar Beteiligter gerichtet, beurteilt, wenn möglich gehandelt hätten.
Das Kunststück der Delegation von Verantwortung in einer Demokratie besteht wohl darin, dass der einzelne Politiker auch wirklich jedes einzelne Schicksal Mensch berücksichtigen soll.
Aber niemals kann! Und auch nicht muss. Das macht einsam - aber genau das weiß ein Politiker wahrscheinlich auch und lässt ihn "grau" werden.
Meine Empfehlung aus der relativen Kenntnis der Entwicklung von Konflikten: Zuerst die persönliche Sichtweise weglassen (können) und dann auch noch sagen können, dass meine Meinung etwas an Wert hat, weil diese niemanden diskreditiert, verurteilt...
Vielleicht ist unsere Streitkultur deshalb so kompliziert, weil wir zu viel zu wissen glauben.
Und daher möchte ich meinen Beitrag insgesamt als Frage betrachtet "wissen".
Fast hatte ich vergessen vdh zu sagen, dass wenn in der menschlichen Geschichte keine Pflastersteine geflogen wären, das Mittelalter unüberwundbar gewesen wäre.
Das gilt auch für die 68er Szene die noch immer in der Evolution steckt und noch lange nicht vorbei ist, nur verzögert sich die Geburt ein Bisschen weil die Gestrigen meinen sie hätten die Wahrheit für sich gepachtet.
Es ist aber so dass die Bibel uns lehrt nie zurückzudrehn sonst erstarrt man zur Salzsäule!
Immerhin, der Fischer erklärt uns wenigstens, warum alles so ist, wie es ist. Das ist doch schon etwas.
Kann man sich vorstellen, dass Israel sich "im arabischen Meer auflösen" wird? Nein, es läuft auf strikte Separation hinaus.
Folgenden Satz kann icvh nicht unwidersprochen stehen lassen, er ist eines deutschen Ex-Außenministers unwürdig:
"Im krassen Gegensatz dazu steht seine Verantwortung als damaliger Verteidigungsminister Israels für den fatalen Libanonkrieg 1982 und die dadurch verursachten Tragödien."
Das ist schlicht falsch.
Richtig ist:
Der Bürgerkrieg uind die bis heute währende Zerstörung dises einstmals lebenswertesten Teils Arabiens kann nicht Scharon oder Israel zugeschrieben werden.
Der libanesische Bürgerkrieg war schon seit Jahren im Gang, bevor Israel eingriff. Sein Beginn lag in gewissem Sinn in Jordanien, wo König Hussein im September 1970 viele tausend Palästinenser abschlachten ließ, die seine Monarchie und den Staat bedrohten. Er vertrieb Arafat und seine Getreuen in den Libanon, wo die PLO und andere palästinensische Kampfgruppen in wenigen Jahren persönliche Kolonialgebiete aufbauten. Dadurch begannen sich in der labilen libanesischen Gesellschaft die Gewichte zu verschieben; ein Bürgerkrieg brach aus. In dieses Chaos zog die israelische Armee ein. Kein einziger israelischer Soldat hat an den Massakern von Sabra und Schatila teilgenommen, ebenso wenig gab es einen israelischen Befehl für diese Morde, aber weil der israelische Verteidigungsminister - Scharon - von den Absichten der christlichen (!) Milizen hätte wissen müssen (und vermutlich davon wusste), wird er nun von der öffentlichen Meinung für Sabra und Schatila persönlich verantwortlich gemacht.
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