Bekanntschaften Fußball berührt alle

Die ZEIT startet ein Online-Spiel, das alle vernetzen soll, die je Fußball gespielt haben. Welche Menschenkette verbindet etwa einen südafrikanischen Jugendtorwart mit seinem Idol aus Deutschland?

Wenn alles gut geht, werden wir in ein paar Wochen wissen, was Jens Lehmann, Nationaltorhüter, und Jaleel Johnson, Nachwuchstorhüter aus Südafrika, miteinander zu tun haben. Rein fußballerisch. Die beiden haben noch nie gegeneinander Fußball gespielt, auch nicht miteinander. Aber Jens Lehmann ist das große Vorbild des dreizehnjährigen Jaleel Johnson, in seinen eigenen Worten »der beste Torhüter aller Zeiten«. Der Mann, dem er gern näher kommen würde, sportlich und am besten sogar persönlich. Vielleicht können wir Jaleel helfen, denn die beiden sind über eine unsichtbare Kette miteinander verbunden. Jeder Mensch auf der Welt, der schon einmal Fußball gespielt hat, ist mit jedem anderen Menschen, der schon einmal Fußball gespielt hat, vernetzt.

Wie kann das sein? Das hat etwas mit einer Theorie zu tun, die Mathematiker und Sozialwissenschaftler als »Small World«-Phänomen kennen: Es besagt, dass zwei beliebige Bewohner der Erde nicht mehr als sechs gemeinsame Freunde oder Bekannte voneinander entfernt sind; ein Konzept, das vor ein paar Jahren durch den Film Six Degrees Of Separation bekannt geworden ist.

Anzeige

Wir haben versucht, diese Idee auf Fußball zu übertragen. Wenn man annimmt, dass jeder Mensch in seinem Leben mit durchschnittlich fünfzig anderen Leuten Fußball gespielt hat – am Strand, in der Schule, im Wohnzimmer, in einem ausverkauften Stadion –, von denen jeder wiederum mit fünfzig weiteren Leuten Fußball gespielt hat, dann wäre man in sechs Schritten (1 mal 50 mal 50 mal 50 mal 50 mal 50 mal 50) bei einer Zahl deutlicher höher als die Zahl der Weltbevölkerung: 15 Milliarden. Das heißt: Man wäre mit jedem Menschen auf der Welt verbunden.

Wir wollen in den nächsten Wochen versuchen, die Kette zu finden, die Jaleel Johnson mit Jens Lehmann verbindet. Die einzelnen Schritte werden wir auf www.zeit.de vorstellen. Unsere Kette wird um die halbe Welt führen und wahrscheinlich aus Kindern und Erwachsenen bestehen, aus Mädchen und Männern, Profis und Amateuren, Weltmeistern und Bolzplatzstars. Und sie wird aus Geschichten bestehen, die vom Fußballspielen handeln, also vom Gewinnen und Verlieren, vom Ehrgeiz und vom Spaß, von Traumtoren, die keiner gesehen hat, von WM-Spielen und vom Spielen, bis es dunkel wird (und man den Ball nicht mehr sieht).

Ganz am Anfang steht Jaleel Johnson, ein kleiner Junge, der in Belhar wohnt, irgendwo in den Cape Flats, der weiten Ebene vor Kapstadt, wo die Armen leben; ungefähr drei Millionen Menschen, überwiegend Schwarze und coloureds, Farbige wie Jaleel und seine Familie. Die Armut beginnt gleich hinter dem Stadion, in den Blechhütten und Häuschen, die so klein sind, dass sie, nach den Streichholzschachteln, matchbox houses genannt werden. Der Platz, auf dem Jaleel trainiert, sieht dagegen richtig proper aus: grüne, dichte Grasnarbe, sauber aufgestreute Linien, satte Lederbälle und, was für den Jungen das Wichtigste ist, Tore mit dichten Netzen.

Der 13-Jährige ist ein schlaksiges Bürschchen, eigentlich lächelt er immer. Er sieht in seinem schwarzen Trainingsanzug und den nagelneuen Fanghandschuhen nicht aus wie ein Kind aus ärmlichen Verhältnissen. Sein Vater, ein Facharbeiter in der Weinindustrie, hat sich in die farbige Mittelschicht hochgearbeitet, er war in seiner Jugend selbst einmal Torwart. Er will, dass es seinem Sohn noch besser geht und dass sein Sohn einmal ein noch besserer Torwart wird. Also fährt er ihn jeden Sonntag um halb zehn zum Training hierher in das Vygekral-Stadion.

»Das ist meine Kirche«, sagt Jaleel und grinst. Der Pfarrer wäre dann Farouk Abrahams. Er ist der Gründer der Goal Keeper Academy in Athlone, einer Einrichtung, die er für einzigartig hält: Eine Schule nur für Torhüter. Zwei Dutzend junge Goalies bildet er zurzeit aus. Der Chefcoach meint, dass Jaleel zu den Allerbesten gehört. »Der hat das Zeug zur internationalen Klasse. Die Proficlubs haben schon jetzt ein Auge auf ihn geworfen.«

Ob man ihn einmal testen dürfe?

Ja, natürlich, go on. Ein paar Freistöße von der 16-Meter-Linie, und schon beim zweiten gehaltenen Flachschuss steht fest: Der hat’s drauf. Einfach unglaublich, wie Jaleel den Ball aus der langen Ecke pflückt, souverän, sicher, den Körper elegant durchgebogen. Nur die hohen Bälle, die mag der Jungstar nicht. Weil er mit seinen 140 Zentimetern dafür noch etwas zu kurz ist. Das wurmt ihn. »Wenn ich Tore kassiere, dann sind es immer hohe Bälle.« Manchmal beschleicht ihn deswegen sogar eine Art Wachstumsangst. Er denkt dann, dass er nicht groß genug wird. Aber der ärgerliche Luftraum zwischen seinem Scheitel und der Querlatte wird jeden Monat kleiner.

Außerdem spielt Jaleel schon in der U-13-Jugend von Santos, einem der beiden Erstliga-Klubs aus Kapstadt. In der letzten Meisterschaft sind sie Zweiter geworden. »Weil wir ein Spiel verloren haben, bei dem ich nicht dabei war.« Verletzungspech. In der Provinzauswahl stand er auch schon zwischen den Pfosten. In diesem Jahr wurde er sogar in die Jugendnationalelf berufen.

Jetzt muss Jaleel aber schnell eine Trainingseinheit hinlegen. Er flitzt hinüber zum anderen Strafraum, auf seinem Rücken prangt in goldenen Sticklettern die Nummer eins und darunter »Goal Keeper Academy«. Mit Torhütern ist es so eine Sache in Afrika. Keiner will hinten rumhängen, alle wollen mit dem Ball zaubern und Tore schießen. Deshalb stehen bei Weltklasseteams wie dem aus Nigeria manchmal nur Fliegenfänger im Kasten. Warum aber will Jaleel nicht zaubern und Traumtore schießen, sondern dieselben nur verhindern? »Fangen ist einfach am allerschönsten.« Und Jaleel findet eben, dass Jens Lehmann das am allerbesten kann.

Womit wir beim deutschen Torhüterstreit wären. Denn was ist mit Kahn? »Kahn ist super, ich bewundere ihn«, erklärt Jaleel, »aber er ist immer so schlecht drauf und bringt die ganze Mannschaft durcheinander.« Und sein Trainer hat ihm beigebracht: »Never be cross with your team. Sei nie sauer auf deine Mannschaft.«

2010, wenn die Fußball-WM in Südafrika ausgetragen wird, kommt zwar noch zu früh für ihn, da macht er sich keine Illusionen. »Da werde ich noch zu wenig Erfahrung haben«, sagt er, und es klingt, als spräche schon der Profi, der er einmal werden will. Sein Traum: Torhüter bei Arsenal. Da, wo Lehmann ist. In den nächsten Wochen werden wir versuchen, die Kette zu finden, die die beiden schon jetzt verbindet.

Denn Fußball berührt alle. Auch Sie können mitmachen und sich eintragen in das weltweite Netz aus Leuten, die miteinander Fußball gespielt haben. Wie viele Schritte sind Sie von Franz Beckenbauer entfernt? Sind Sie vielleicht näher dran an Pelé, als Sie glauben? Welche Fußballer liegen zwischen Ihnen und alten Freunden (mit denen Sie aber nie Fußball gespielt haben)? Wie weit sind Sie entfernt von Afrika? Können Sie Jaleel helfen, die Kette zu Lehmann zu schließen?

Hier im Internet steht seit einigen Tagen ein Spiel, welches die ZEIT als Kooperationspartner mitentwickelt hat.

Es ist ein Sonderprojekt des von André Heller initiierten Fußball-Globus und somit auch Teil des Kunst- und Kulturprogramms zur Fußball-WM. Auf www.netz2006.de kann man dort eintragen, mit wem man wann Fußball gespielt hat – und sich so einfügen in ein weltumspannendes Fußballnetzwerk.

Absolut jedes Spiel zählt: die Schlammschlacht in der Amateuroberliga Ende der siebziger Jahre genauso wie das Match gegen die eigene Tochter im Park oder jener heiße Pokalfight im Wohnzimmer, damals mit zehn, mit einem Ball, der genau genommen gar kein Fußball war.

Heike Faller und Bartholomäus Grill

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service