Feministin Bloß keinen Künstler
Die Schriftstellerin Elfriede Jelinek hat ihr Leben lang die Macht der Männer über die Frauen kritisiert. Wer waren die Männer in ihrem Leben?
Den Tod ihres Vaters, der am 22. Mai 1969 im Psychiatrischen Krankenhaus Baumgartner Höhe den Folgen einer Lungenentzündung erlegen war, schob Elfriede Jelinek beiseite, sie erlebte ihn kurzfristig sogar als Erleichterung. Ein Jahr lang hatte die Familie auf engstem Raum zusammengelebt: die dominante Mutter, der alzheimerkranke Vater, die schreibende Tochter mitten in einer Angstkrise. Nun hatte Jelinek wieder Luft zum Atmen. Die Trauer um den Vater sollte später mit großer Intensität wiederkehren. Doch einstweilen warf sich die 22-Jährige ins Leben.
An ihrer Seite hatte sie den Komponisten und Musikwissenschaftler Wilhelm Zobl. Er war ein schmaler Junge, drei Jahre jünger als sie, sie kannte ihn von der Innsbrucker Jugendkulturwoche. Zobl war wie Jelinek als Einzelkind in kleinbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen, er hatte wie seine Freundin Musik studiert und interessierte sich für Neue Musik; auch er war eine schillernde Figur. Wie sich nach seinem Tod 1991 herausstellte, hatte er seine Biografie ähnlich fantasievoll zusammengestellt wie Elfriede Jelinek die Identität Ottos in ihrem Romandebüt wir sind lockvögel baby ! . Zobl behauptete, jüdischer Abstammung zu sein, seine Kindheit habe er in Brasilien verbracht.
Jelinek mochte seine lärmende Radikalität, das Ungestüme und Lebendige. Jeden Samstagnachmittag holte er sie vom Orgelüben ab und nahm sie mit zu politischen Veranstaltungen. Selbst in Wien ging man seinerzeit nicht ohne Suhrkamp-Taschenbuch auf die Straße. Auch Elfriede Jelinek las die einschlägige Literatur, besuchte Teach-ins, Diskussionen und Vorträge. Sie gab sich maoistisch und anarchistisch und sog die Phrasen vom revolutionären Bewusstsein so begierig auf wie in ihrer Isolation die Slogans der Fernsehreklame.
Gemeinsam mit Zobl gab Jelinek das Buch Materialien zur Musiksoziologie heraus. In einem Essay analysierte sie Udo Jürgens Liedtexte als »religionssurrogat« und kam zu dem Schluss, dass Schlager und Faschismus einander bedingen. Jürgens arbeite an der »verewigung des herrschenden elends«, kritisierte sie. »udos zuhörer kommen jedenfalls nicht auf die idee selber was in die hand zu nehmen außer einen aktendeckel im büro.«
Eine Zeit lang steckte das Pärchen mit einem Maler zusammen, Zobls bestem Freund, der sich bis heute Aramis nennt. Die drei entwarfen 1969 rotwäsche, ein »Terrorstück mit Publikum«, das in einem Undergroundkeller bei Stuttgart aufgeführt werden sollte. Geplant war, auf der Bühne Gegenstände rot einzufärben und sich gegenseitig mit roter Farbe voll zu spritzen, aus Lautsprechern sollten Orgasmus-Geräusche dringen. Elfriede Jelinek wollte als »stumme Sängerin« auftreten und sich Männern im Publikum auf den Schoß setzen. Vorgesehen war zudem eine Kopulation auf dem Klavier, das anschließend zertrümmert würde. Zum Abschluss sollte Aramis Buttersäure in die Belüftungsschächte kippen und dem Publikum, das den Saal nicht verlassen durfte, durch »irrsinnig laute geräuschmontagen« die Unfreiheit des Handelns illustrieren. Das Stück kam nicht zur Aufführung. Erst fanden die drei keinen Raum, dann zerstritt sich Aramis mit Zobl und Jelinek, weil ihm die Ansichten der beiden zu radikal schienen.
Jelinek zog in eine Männerwohngemeinschaft
Im November 1969 organisierte die österreichische Jungarbeiterbewegung, die den Konservativen nahe stand, eine Jugendmesse, den »Twen-Shop«. Musik, Kleidung und andere Konsumgüter sollten dort präsentiert werden. Die Wiener Studentenbewegung rüstete sich zum Protest. Man plante Demonstrationen, baute Info-Stände und schrieb Transparente. Elfriede Jelinek machte mit und tippte ein Flugblatt: »Zerschlagen wir den Twen-Shop«, beginnt es, »denn wir haben kapiert: eine Gesellschaft die uns nur nach ihren Marktgesetzen beurteilt die scheißt auf unsere Hobbies, auf unsere Musik, unsere Mode. Die will unser Geld und sonst nichts.« Und Sie schloss: »Kotzen wir ihnen hin auf ihre Schallplatten, ihre Disc-Jockeys, ihre Supermode, ihre alkoholfreien Getränke etc.«
Im selben Jahr hatte sie ihre erste Lesung im Ausland. Jelinek fuhr nach München, um aus ihrem Gedichtband Lisas Schatten zu lesen. Sie sollte als Vorprogramm zur legendären Gruppe Amon Düül II auftreten, der aus einer Münchner Kommune hervorgegangenen und gerade mit ihrem Album Phallus Dei bekannt gewordenen Krautrockband. Das Publikum wollte Musik hören, es war laut, als Elfriede Jelinek auf die Bühne kam. Irgendwann rief sie »Scheiße!« ins Mikrofon und verschaffte sich so Gehör.
Erste Schritte weg von zu Hause führten sie in eine Wohngemeinschaft; eine reine Männer-WG in der Berggasse unweit des Hauses, in dem einst Sigmund Freud gewohnt und ordiniert hatte. Sie entsprach allen Klischees studentischen Zusammenlebens. In der Badewanne stapelte sich das schmutzige Geschirr, im größten Zimmer wurden Flugblätter und eine Zeitschrift produziert, herausgegeben vom Schriftsteller Robert Schindel und seinem Mitbewohner Leander Kaiser.
Kaiser, heute Maler, damals Anfang zwanzig und überzeugter Marxist, war stadtbekannt und imponierte ihr durch eine gewisse Verwegenheit. Er hatte in der Zeitschrift der sozialistischen Mittelschüler einen Text über Die Kirche und die Sexualität veröffentlicht und mit einem Bildausschnitt aus einem Aufklärungsfilm von Oswalt Kolle illustriert, auf dem ein Pärchen beim Sex zu sehen war. Die Staatsanwaltschaft hatte gegen ihn ein Verfahren wegen Verstoßes gegen das Pornografiegesetz, das »Schmutz- und Schundgesetz«, wie es in Österreich hieß, eingeleitet. Elfriede Jelinek freundete sich mit Leander Kaiser an, bald war sie öfter in der Berggasse als zu Hause bei ihrer Mutter.
- Datum 05.12.2008 - 11:05 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 05.01.2006 Nr.3
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Wintermorgen.
Sagt der Informatik-, Physik- und Deutschlehrer (welche Gnade, diese Fächer-Kombi!) vor seinem Lieblingskurs: „Ich habe einen Vorschlag. Draußen steht ein Ehepaar; sie haben an der Zufahrt zur Aula eine Panne erlitten.
Nun! Der Hausmeister hat ihnen gehelft." (Alles lacht...!). "Äh, ja, stimmt wirklch, der Wagen wurde abgeschleppt zu Motor-ALDI." (Gackern in der KLasse.) "Jetzt trinken sie gerade in der Mensa einen Kaffe. Da haben sie noch Zeit bis zur großen Pause."
"Äh? Wie, äh, was?"
In der Klasse schauen sich viele um.
"Wer ist denn das? - Ja, da kann doch nur eine Überraschung drin sticken." - "Äh, stecken!" - "Aber Weihnachtsmann, der ist es doch nicht mehr?"
"Rein damit!" - "Immer rein in unsere warme Stube!" - "Gründen wir einen Seniorentreff, ja, jawoll!"
Die Besucher werden hereingebeten. Und vorgestellt.
Die Kurs-Prima tuschelt: "Äh, habe ich richtig gehört? Elfriede - hat der gesagt? Dann ist das doch die, die die Nobel-Lösegeldsumme abgeschleppt hat...!" - "Meinste?" - "Claro!" "Jaui, kuck deren Wuchttolle doch mal an!" "So watt hatten die Mädli in den 50er zur Kommunion aufgetürmt gekriegt!" "Wau!" - "Gnau!"
"Da lies mal!"
Erna schiebt ein Taschenbuch rüber. Da, da steht was von der Elfriede!"
Otto Mops liest ab: "Genau, Jau, der letzte Satz, hier steht: 'Auf jeden Fall kann's nicht schaden, wenn ihr die Tür aufmacht!'"
"Wau, und jetzt ist sie da angekommen, in ihrer Schulstube!"
"Versteh ich nicht! Watt meinste, Erna?"
"Passa-auf! Dat test ich aus!"
Sie erhebt. Der Lehrer nimmt sie sofort dran. "Gnä' Frau. Meine Lieblingsschülerin -"
"Frau Jell -! (Sie kuckt auf den Titel, knickt das Tabu; den Autorinnenanmen. "Äh, Jellinäckisch!"
"Na, Erna, bitte - äh, sehr!"
"Ja, ich wollte Ihnen eine Frage stellen. Sie schreiben hier ja: 'Oft muss Franz Sätze aufschreiben für die Schule...!'"
Haben Sie auch solche Sätze geschrieben, - äh - gmeint, wie sie beim Studienrat der Physik und Literatur - unserem Herrn Kolle - stehen - äh, in seinen Klausurtexten?
"Heute sprechen wir über Gegenstände, welche sich bei Wärme ausdehnen und bei Kälte zusammenziehen. Kann mir jemand ein Beispiel nennen?“
Da antwortete Fritzchen: „Herr Kolle, haben wir jetzt Physik oder Sexualkunde?“
*
Es schellte...
"Äh, die Aufgabenstellung! Die will ich Ihnen noch vorlesen - "
"Schluss jetzt! Anna! - Äh, Gerdi! Äh, Petra!"
Da kommt die Erna nach vorne, schwenkt ihr Tabüchlein und bittet die Besucherin:
"Würden Sie das Bändchen bitte hier, genau hier, signieren -?
Sie zeigt auf die Zeile: 'Der Hamster ist das liebe Mädchen, das in vielen Geschichten vorkommt. Bloß, es ist unheimlich liebebedürftig!'
"Wie? Was? Das soll da stehen?"
Die Dichterin beugt sich über die Seite 115.
"Ja, äh, so liest der Hamster-Kolle mir das immer vor -"
Was hat Frau Jellinek nur verbrochen, dass nun ausgerechnet
solche Steinewerfer über, man höre und staune,
die Männer im Leben der Laureatin Auskunft geben.
Ausser Vorurteilen und einer Menge Klischees über vergangene
aufregende Zeiten im Geschlechterkampf, erfahren wir über die Personen und ihre Persönlichkeiten wenig. - Das ist schade. Nicht deshalb, weil man vielleicht über die Männer der Jellinek nicht allzu viel schreiben kann, wenn man eigentlch nichts weiß. Sondern weil aus der Farce nichts wirklich Aufdeckendes, Aufhellendes hervorgeht. Nur der Drang wird spürbar, einer unsympathisch eingeschätzten Schriftstellerin möglichst viel Häme entgegen zu bringen.
Das mag privat, Aug´ in Aug´, noch angehen, aber als veröffentlichter Text bedient solcherart Tun nur biedere Instinkte. - Dann doch lieber "Lust" lesen oder ´mal wieder
ins Theater gehen.
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