Den Tod ihres Vaters, der am 22. Mai 1969 im Psychiatrischen Krankenhaus Baumgartner Höhe den Folgen einer Lungenentzündung erlegen war, schob Elfriede Jelinek beiseite, sie erlebte ihn kurzfristig sogar als Erleichterung. Ein Jahr lang hatte die Familie auf engstem Raum zusammengelebt: die dominante Mutter, der alzheimerkranke Vater, die schreibende Tochter mitten in einer Angstkrise. Nun hatte Jelinek wieder Luft zum Atmen. Die Trauer um den Vater sollte später mit großer Intensität wiederkehren. Doch einstweilen warf sich die 22-Jährige ins Leben. Elfriede Jelinek, Literaturnobelpreisträgerin, galt nach ihrem Bestseller "Lust" (1989), der sich mit Sex und Gewalt auseinander setzte, als Radikalfeministin. In diesem Oktober wird Elfriede Jelinek 60 Jahre alt BILD

An ihrer Seite hatte sie den Komponisten und Musikwissenschaftler Wilhelm Zobl. Er war ein schmaler Junge, drei Jahre jünger als sie, sie kannte ihn von der Innsbrucker Jugendkulturwoche. Zobl war wie Jelinek als Einzelkind in kleinbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen, er hatte wie seine Freundin Musik studiert und interessierte sich für Neue Musik; auch er war eine schillernde Figur. Wie sich nach seinem Tod 1991 herausstellte, hatte er seine Biografie ähnlich fantasievoll zusammengestellt wie Elfriede Jelinek die Identität Ottos in ihrem Romandebüt wir sind lockvögel baby ! . Zobl behauptete, jüdischer Abstammung zu sein, seine Kindheit habe er in Brasilien verbracht.

Jelinek mochte seine lärmende Radikalität, das Ungestüme und Lebendige. Jeden Samstagnachmittag holte er sie vom Orgelüben ab und nahm sie mit zu politischen Veranstaltungen. Selbst in Wien ging man seinerzeit nicht ohne Suhrkamp-Taschenbuch auf die Straße. Auch Elfriede Jelinek las die einschlägige Literatur, besuchte Teach-ins, Diskussionen und Vorträge. Sie gab sich maoistisch und anarchistisch und sog die Phrasen vom revolutionären Bewusstsein so begierig auf wie in ihrer Isolation die Slogans der Fernsehreklame.

Gemeinsam mit Zobl gab Jelinek das Buch Materialien zur Musiksoziologie heraus. In einem Essay analysierte sie Udo Jürgens Liedtexte als "religionssurrogat" und kam zu dem Schluss, dass Schlager und Faschismus einander bedingen. Jürgens arbeite an der "verewigung des herrschenden elends", kritisierte sie. "udos zuhörer kommen jedenfalls nicht auf die idee selber was in die hand zu nehmen außer einen aktendeckel im büro."

Eine Zeit lang steckte das Pärchen mit einem Maler zusammen, Zobls bestem Freund, der sich bis heute Aramis nennt. Die drei entwarfen 1969 rotwäsche, ein "Terrorstück mit Publikum", das in einem Undergroundkeller bei Stuttgart aufgeführt werden sollte. Geplant war, auf der Bühne Gegenstände rot einzufärben und sich gegenseitig mit roter Farbe voll zu spritzen, aus Lautsprechern sollten Orgasmus-Geräusche dringen. Elfriede Jelinek wollte als "stumme Sängerin" auftreten und sich Männern im Publikum auf den Schoß setzen. Vorgesehen war zudem eine Kopulation auf dem Klavier, das anschließend zertrümmert würde. Zum Abschluss sollte Aramis Buttersäure in die Belüftungsschächte kippen und dem Publikum, das den Saal nicht verlassen durfte, durch "irrsinnig laute geräuschmontagen" die Unfreiheit des Handelns illustrieren. Das Stück kam nicht zur Aufführung. Erst fanden die drei keinen Raum, dann zerstritt sich Aramis mit Zobl und Jelinek, weil ihm die Ansichten der beiden zu radikal schienen.

Jelinek zog in eine Männerwohngemeinschaft

Im November 1969 organisierte die österreichische Jungarbeiterbewegung, die den Konservativen nahe stand, eine Jugendmesse, den "Twen-Shop". Musik, Kleidung und andere Konsumgüter sollten dort präsentiert werden. Die Wiener Studentenbewegung rüstete sich zum Protest. Man plante Demonstrationen, baute Info-Stände und schrieb Transparente. Elfriede Jelinek machte mit und tippte ein Flugblatt: "Zerschlagen wir den Twen-Shop", beginnt es, "denn wir haben kapiert: eine Gesellschaft die uns nur nach ihren Marktgesetzen beurteilt die scheißt auf unsere Hobbies, auf unsere Musik, unsere Mode. Die will unser Geld und sonst nichts." Und Sie schloss: "Kotzen wir ihnen hin auf ihre Schallplatten, ihre Disc-Jockeys, ihre Supermode, ihre alkoholfreien Getränke etc."

Im selben Jahr hatte sie ihre erste Lesung im Ausland. Jelinek fuhr nach München, um aus ihrem Gedichtband Lisas Schatten zu lesen. Sie sollte als Vorprogramm zur legendären Gruppe Amon Düül II auftreten, der aus einer Münchner Kommune hervorgegangenen und gerade mit ihrem Album Phallus Dei bekannt gewordenen Krautrockband. Das Publikum wollte Musik hören, es war laut, als Elfriede Jelinek auf die Bühne kam. Irgendwann rief sie "Scheiße!" ins Mikrofon und verschaffte sich so Gehör.

Erste Schritte weg von zu Hause führten sie in eine Wohngemeinschaft; eine reine Männer-WG in der Berggasse unweit des Hauses, in dem einst Sigmund Freud gewohnt und ordiniert hatte. Sie entsprach allen Klischees studentischen Zusammenlebens. In der Badewanne stapelte sich das schmutzige Geschirr, im größten Zimmer wurden Flugblätter und eine Zeitschrift produziert, herausgegeben vom Schriftsteller Robert Schindel und seinem Mitbewohner Leander Kaiser.

Kaiser, heute Maler, damals Anfang zwanzig und überzeugter Marxist, war stadtbekannt und imponierte ihr durch eine gewisse Verwegenheit. Er hatte in der Zeitschrift der sozialistischen Mittelschüler einen Text über Die Kirche und die Sexualität veröffentlicht und mit einem Bildausschnitt aus einem Aufklärungsfilm von Oswalt Kolle illustriert, auf dem ein Pärchen beim Sex zu sehen war. Die Staatsanwaltschaft hatte gegen ihn ein Verfahren wegen Verstoßes gegen das Pornografiegesetz, das "Schmutz- und Schundgesetz", wie es in Österreich hieß, eingeleitet. Elfriede Jelinek freundete sich mit Leander Kaiser an, bald war sie öfter in der Berggasse als zu Hause bei ihrer Mutter.

Neue Männer traten in ihr Leben und mussten es bald wieder verlassen

In der Wiener Szene galt Jelinek als "Faszinosum", wie sich Robert Schindel erinnert; ihre große und schlanke Erscheinung wirkte anziehend wie ihre bis zur Provokation modische Kleidung, ihr Charme. "Unter uns vielen Selbsternannten war sie die einzig Durchgesetzte", sagt Schindel. Seit wir sind lockvögel baby! erschienen war, kannte man Jelinek in der Wiener Literaturszene als Schriftstellerin, die es in einen deutschen Verlag geschafft hatte und Mythen und Typen mit "ü" schrieb. "Ihr persönlicher Erfolg dürfte der glücklichen Vereinigung von Geist und Schönheit zu danken sein", schwärmte die Schriftstellerin Marie-Thérèse Kerschbaumer 1971, "ihr literarischer einer mit 25 Jahren ungewöhnlich starken Persönlichkeit, ein Resultat von Intelligenz, Selbstdisziplin und Ausstrahlungskraft." Die jungen Männer in der Wohngemeinschaft brachten Elfriede Jelinek jene Art von Sorge entgegen, mit der man jungen Talenten gerne den Erfolg madig macht: Sie würde "verheizt", warnte man sie.

Es waren Jahre des Ausprobierens. Elfriede Jelinek ging auf Partys und war viel unterwegs. Von Leander Kaiser trennte sie sich, auf der Frankfurter Buchmesse hatte sie den um vieles älteren Maler Arnulf Rainer dabei. Andere Männer traten in Elfriede Jelineks Leben und mussten es genauso schnell wieder verlassen. Man machte Liebe oder Kunst miteinander, die Grenzen waren fließend.

Dem Paarverhalten jener Zeit widmete sich Jelinek in ihrer Kurzgeschichte ein schönes erlebnis mit christoph, wenn es auch kurz war, war es doch schön . In scheinbarer Rollenumkehr geht es um den Verkäufer Christoph, der von einer selbstbewussten, Sportwagen fahrenden Ich-Erzählerin erst vernascht wird: "im stiegenhaus küsse ich ihn kurz & hart. fast brutal." Am nächsten Morgen lässt sie ihn fallen, "und später alle halben stunden ein heulender chr., der mir einen pullover stricken will und die wohnung saubermachen und kuchenbacken und mich seiner mutter vorstellen und abends mit mir fernsehen will (einen krimi) und so fort. doch von meiner seite ist nur freundliches dazu zu hören und die schicksalshaften worte: ›es ist aus!‹ und so ist es auch. der tag ist aus, und christoph = auch zur neige gegangen."

Elfriede Jelinek, die Orgelstudentin mit den guten Manieren, die ihr Zimmer daheim immer behalten hatte, suchte die Gesellschaft von Männern, die nicht nur auf die Konventionen, sondern auch gerne mal auf den Boden spuckten. Warm wurde sie allerdings nicht mit den hemdsärmeligen Künstlern und den Protagonisten der Studentenbewegung. Das bemerkte auch ihr neuer Lektor. Jürgen Manthey hatte sich bei der Jungautorin gleich nach seinem Einstieg bei Rowohlt im August 1970 in Wien vorgestellt. Er übernachtete, von Mutter Jelinek bekocht, im Haus der Familie, ging mit Elfriede Jelinek tanzen und wurde von ihr in die Wiener Szene eingeführt. Dort ging es gerne ordinär und brutal zu, wie er sich erinnert. "Sie hat darunter gelitten und sah nicht ein, warum sie als Bürgerliche zu Unterwerfungsgesten gegenüber dem Proletariat gezwungen sein sollte." Dem vom Wiener Dichtermilieu eher abgestoßenen Lektor klagte Elfriede Jelinek selbstironisch ihr Leid: "Ich bin hier ja die einzige, die >Hochdaitsch< spricht."

Doch irgendwann war es gut damit. Nach einigen Jahren im Umfeld der Weltrevolution (jedenfalls einer wienerischen Vorstellung davon) und nach ihrer 1971 mit "Sehr gut" bestandenen Orgelprüfung wollte Elfriede Jelinek weg, raus aus Wien, der Stadt, in der jeder jeden kennt und man ständig damit beschäftigt ist, es sich mit niemandem zu verscherzen. Damals wie heute war die erste Fluchtadresse Berlin. Dort waren schon alle. Die stärkste Fraktion hatte sich um die Aktionisten Oswald Wiener und Günter Brus geschart. Sie taten, was Österreicher in Berlin von jeher tun: sie aßen Wiener Schnitzel, tranken Grünen Veltliner und blieben am liebsten unter sich, um ihr Fremdsein unter den "Piefkes" zu thematisieren. Man traf sich im Exil, einem Lokal, das Oswald Wiener gegründet hatte.

Im Frühjahr 1972 belegte Elfriede Jelinek ein Zimmer in einer WG am Platz der Luftbrücke in Tempelhof. Im Dunstkreis der "Exil"-Österreicher lernte sie Gert Loschütz kennen. Der große, dunkelhaarige Schriftsteller entsprach mit seiner fast behäbig wirkenden Unerschütterlichkeit ganz Jelineks Männergeschmack. Mit ihm testete sie zum ersten und letzten Mal eine Form von Zweisamkeit, die nach damaligem Dafürhalten bürgerlichen Existenzen vorbehalten blieb. Sie zog zu ihm in die Friedrich-Franz-Straße nach Tempelhof.

Die beiden führten "scharfe Diskussionen über die Probleme des Schreibens", wie Loschütz sagt; sie kultivierten unschuldige Sorgen, "dass es zu symbiotisch werden könnte, man hatte andere Künstlerbeziehungen vor Augen, wie etwa Bachmann und Henze". Auf der Basis einer Rohübersetzung übertrugen Loschütz und Jelinek kubanische Erzählungen und Gedichte aus Nicaragua. Für ein Kinderbuch, das er herausgab, lieferte sie eine süße Geschichte über einen kleinen Jungen namens Franz, der Besuch von einem Hamster bekommt. "Ich gab ihr den naiven Rat, den Schaum vom Mund zu nehmen", erinnert sich Gert Loschütz. "Aber sie brauchte diesen Motor. Sie war gezielt in ihrem Wollen, wenn es auch Phasen gab, in denen sie vor dem Fernseher hing. Sie war sehr offen, sehr ängstlich und sehr suchend."

Elfriede Jelinek, die sich von ihrem Freund gern "Anna" nennen ließ, baute in ihrer Berliner Zeit Ängste ab, ihr Leben wurde normaler. Sie war viel mit Loschütz unterwegs, in Wien stellte sie ihn ihrer Mutter vor. Jelinek konnte es sich leisten, wenig zu arbeiten, jedenfalls im Vergleich zu anderen Jahren. Sie hatte das Österreichische Staatsstipendium für Literatur bekommen und erschloss sich darüber hinaus lukrative Einnahmequellen für leichte, mit Spaß verbundene Arbeit. Für den Sender Freies Berlin rezensierte sie Krimis, von denen sie Stöße zu Hause hatte.

Als Loschütz ein Stipendium der Akademie der Künste bekam, begleitete ihn Elfriede Jelinek nach Olevano in der Nähe von Rom. Drei Monate verbrachten sie in Italien. Oft liefen sie gemeinsam mit Rolf Dieter Brinkmann, Stipendiat der Villa Massimo, über die vom Winternebel verhangenen Weinberge. Für den Sommer hatte Loschütz ein weiteres Stipendium für die Villa Massimo in Aussicht, Elfriede Jelinek wäre gern wieder mitgegangen. Doch ihr Freund wollte nun plötzlich keine feste Bindung mehr. Die beiden trennten sich.

Das Jahr im Ausland war ein wichtiger Einschnitt im Leben Jelineks. Sie hatte es geschafft, sich abzunabeln, sie stand auf eigenen Beinen. Aber allein in Berlin wollte sie nicht mehr sein, dazu war ihr die Stadt, war ihr Deutschland doch zu fremd geblieben. Sie entschied sich für die Rückkehr nach Wien, wo ihre besten Freunde lebten – auch wenn das die Rückkehr zur Mutter bedeutete, zur Kindheit, zu den Zwängen. Es war zugleich eine bedingungslose Entscheidung für die Kunst.

Im Jahr darauf trat Elfriede Jelinek aus der Kirche aus, in die Kommunistische Partei Österreichs (KPÖ) ein. Und in den Stand der Ehe. Ihren Mann Gottfried Hüngsberg hatte sie bei einer Lesung in einem Kulturzentrum für Jugendliche in München kennen gelernt. Er hatte ihre Stimme im Radio gehört, als sie erste Texte aus Die Liebhaberinnen vortrug, ihrem Roman über zwei Arbeiterinnen, und beschlossen, er müsse diese Frau kennen lernen. Bei der Lesung fiel er ihr durch die gern gestellte Frage auf, ob sie als Intellektuelle wirklich glaube, die Leute zu erreichen, über die sie schreibe. Während der Diskussion dachte sie: Hoffentlich geht der nicht weg. Er ging nicht weg, kaum acht Wochen später, am 12. Juni 1974, gaben sich Elfriede Jelinek und Gottfried Hüngsberg das Ja-Wort. Ilona Jelinek und die Schriftstellerin Marie-Thérèse Kerschbaumer waren die Trauzeuginnen. Zu Alice Schwarzer sagte Jelinek viele Jahre später, sie habe aus "Kuriosität" geheiratet, um bewusst "ein anderes Modell der Ehe" auszuprobieren. Ihres sollte eine jahrzehntelange Fernbeziehung einschließen.

Gottfried Hüngsberg verkehrte Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre dort, wo München wahrscheinlich am interessantesten war: im Umkreis von Rainer Werner Fassbinder und dessen "antiteater". Mit Fassbinder und Peer Raben, Irm Hermann und Ingrid Caven lebte Hüngsberg in einer WG, für einige Filme machte er den Ton. Nach der Heirat nahmen er und Jelinek eine Wohnung in München, aber sie zogen nicht ganz zusammen. Hüngsberg blieb in Deutschland, sie bei ihrer Mutter. Kinder wollte Elfriede Jelinek nicht, die selbst ein halbes Leben in der Rolle des Kindes gehalten worden war.

Seit mehr als dreißig Jahren hält die konventionell-unkonventionelle Beziehung. Man besucht einander regelmäßig, aber nie unangemeldet. Teilt, was es zu teilen gibt und respektiert sonst das Leben des anderen. "ich hab geheiratet, sonst gehts mir auch gut", schrieb Elfriede Hüngsberg kurz nach der Hochzeit übersprudelnd an einen Freund. "gottseidank keinen künstler (NIE wieder!) sondern einen naturwissenschaftler (elektronik), der auch elektronische musik erzeugt, nicht zum zwecke der kunst, sondern zum zweck des gebrauchs (film, tv, hörspiel etc.). das ist sehr angenehm. einen münchner, daher teil ich jetzt meine zeit zwischen wien und münchen, ist ja nicht weit, hätt ja auch ein hamburger sein können."

*Von Verena Mayer und Roland Koberg erscheint am 17. Januar: "Elfriede Jelinek. Ein Porträt" Reinbek, Rowohlt, 2006