Verlage Trost und Rat

Die Literatur, die wir haben, verrät, wie wir uns fühlen

Zur Politik der gut dosierten kleinen Schritte hätte uns Angela Merkel gar nicht auffordern müssen. Schon lange ist das geistige Leben des Landes durch ein um- und vorsichtiges Voranschreiten bestimmt, das allerdings oft den Eindruck macht, es verweile im Üblichen. Jedenfalls gilt das für die Literatur, und wer die Frühjahrskataloge der Verlage in die Hand nimmt, wird bemerken, dass dort Solidität und Gediegenheit ihre breite Spur hinterlassen haben.

Das beginnt schon bei der Ausstattung: So viele schöne Farbfotos auf Hochglanzpapier gab es selten. Manche Kataloge wirken raffinierter und kostbarer, als die angepriesenen Bücher es jemals sein könnten. Aber die Inhaltsangaben der Romane und die Kurzporträts ihrer Autoren lassen jene Art von Literatur erwarten, wie sie uns seit Jahr und Tag geläufig ist. Sie hat den gehobenen Standard der automobilen Mittelklasse: mit ABS und Klimaautomatik sicher ans Ziel.

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Bemerkenswert ist, dass jene Literaturverlage, die einst der Avantgarde eine Gasse bahnten, sich im Auftritt kaum mehr unterscheiden vom Unterhaltungsprogramm des herkömmlichen Publikumsverlags. Mögen auch ihre Titel von Fall zu Fall anspruchsvoller sein, so suchen sie das doch zumeist zu verbergen. Auch sie wollen partizipieren am auflagenfreundlichen Strom zuträglicher Lesbarkeit, und wer dürfte sie dafür kritisieren? Am Ende entscheidet der Leser, und dass er Trost und Rat in Büchern sucht, in denen er seine Sorgen mehr oder weniger intelligent widergespiegelt findet, ist kein Grund zur Beschwerde. Es zeigt nur etwas von unserer Befindlichkeit.

Kleiner Rückblick: Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre erschienen die ersten Romane von Peter Handke und Botho Strauß, von Gerhard Roth, Oswald Wiener und Gert Jonke. Alle diese Bücher spielten mit der Tradition des Realismus, stellten ihn auf den Kopf oder entblößten seine simple Struktur – auf höhnische oder revolutionäre Weise. Kaum eines dieser Bücher (das begreift jeder, der sie liest oder wiederliest) würde heute von den Verlagen akzeptiert, die sie damals veröffentlicht haben.

Kein Verlag kann sein Programm gegen die Kritik und gegen das Publikum machen. Damals war die Kritik ganz wild aufs Avantgardistische. Es hatte ja auch seine historische Notwendigkeit: Fenster wurden aufgestoßen, Konventionen lustvoll zerschlagen. Und die Leser waren bereit, am Innovativen das Unverständliche zu genießen, am Experimentellen das Irritierende. Es war eine Zeit innerer Prosperität, der Wohlstand wuchs beim schieren Zugucken. Die gefühlte Lage war stabil – da durfte die Literatur gerne instabil sein.

Heute fristet die Avantgarde, von Ausnahmen abgesehen, ihr bescheidenes Dasein in kleinen Verlagen. Die mittleren und großen richten sich nach der veränderten Lage. Die Verhältnisse sind instabil, und folglich erwarten wir von der Literatur Sinngebung und Lebenshilfe. Sie soll Ordnung ins Chaos bringen und nicht, wie Adorno einst forderte, Chaos in die Ordnung. Die Literatur, die wir haben, verrät, wie wir uns fühlen.

 
Leser-Kommentare
  1. 1. \N

    Sie machen in einem bemerkenswert bündigen Artikel, sodass es möglicherweise sogar oft gelesen wird, den wichtigen Punkt, dass die Verlage, die seinerzeit Avantgarde veröffentlichten, heutzutage nichts dergleichen tun würden. Und dann beschwichtigen sie: ist schon ok so. Das ist so überangepasst und schwachsinnig wie das verbreitete Dumpfbackenargument, gute Literatur erkenne man daran, dass sie sich gut verkauft. Wir brauchen so dringend wie immer experimentelle Literatur. Unreflektierte Sprache ist nur sehr begrenzt brauchbar, und experimentelle Literatur war nicht nur dazu da, um uns über 68 drüberzuhelfen wie der einmalige Auftritt einer guten Fee. Die Verlage sollten sich endlich von den dummen Marktforscherdogmen verabschieden, dank denen der Literaturbetrieb von für halbwegs intelligente Menschen unlesbaren sogenannten "Lesbarkeiten" zugemüllt wird, und den "Mut" oder bloß den common sense aufbringen, Avantgarde zu veröffentlichen.

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