Roman Die schönste traurige Geschichte

Kevin Vennemann erzählt von der deutschen Schuld und schreibt den ersten Kriegsroman einer neuen Generation

Es ist ein merkwürdiges Buch, das Kevin Vennemann da geschrieben hat. Ein Buch, das sich im Kreis bewegt, ohne um sich selbst zu kreisen; ein Buch, das eher eine Geschwindigkeit hat als eine Geschichte und mehr von der Sprache angetrieben wird als von der Story; ein Buch, das sich eigentlich in die Tiefe von Kindheit, Krieg und Judenverfolgung bohrt und doch rotiert auf seiner eigenen Oberfläche. Ein Buch, das sich dreht wie eine Schallplatte, die einen Kratzer hat, und die Nadel des Plattenspielers hängt immer wieder an derselben Stelle.

Aber es gibt heute fast keine Plattenspieler mehr. Ist dieses Buch also altmodisch?

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Es ist ein dünnes Taschenbuch, gelb ist der Umschlag, ganz unbeachtet hat es den Herbst und den Winter überstanden. Nahe Jedenew heißt es, was schon sehr ungefähr ist, denn wer oder was ist Jedenew und wer oder was ist demnach nah? Aber Präzision ist hier auch nicht unbedingt Programm.

»Wir atmen nicht. Der Ort ist nahe Jedenew, wir hören die Jedenewer Bauern singen, grölen, Klarinette, Akkordeon spielen und hören ihre Lieder seit Stunden bereits, alte Partisanenlieder, sie spielen und singen und grölen auf wundersame Weise melodiös. Seit Stunden sitzen die Jedenewer Bauern im Wald hinterm Haus und trinken und lachen und singen und spielen, und nach Stunden erst, endlich, hören wir sie aus dem Wald heraustreten und lauthals singend über den Wall in den Garten marschieren.«

So beginnt Kevin Vennemann seinen Roman, seinen ersten. Vennemann ist jung, er ist 1977 geboren. Ist dieses Buch also neumodisch?

»Nachts klirren die Fenster in der Küche, dann klirrt jedes einzelne Fenster im Haus. Abends sitzen wir hinterm Haus in der Hochsommerabendsonne auf dem schmalen Holzsteg, der auf den Teich hinterm Haus hinausführt, und sitzen und liegen und schwimmen in der Sonne und sitzen lesend zusammen und trinken die erste und letzte Sommerbowle des Jahres, schwimmen und bespritzen uns gegenseitig mit Wasser, nachts hocken wir in Badeanzügen in die Speisekammer gedrängt.«

»Abends zählen wir die Mückenstiche auf unseren Beinen und liegen im Gras«

Leser-Kommentare
    • AdamQ
    • 11.05.2006 um 18:10 Uhr

    Ihr Author Georg Diez schreibt in seinem Artikel ueber den Roman von Kevin Vannemann "Nahe Jedenew" folgenden Satz:
    "'Nahe Jedenew' heißt es, was schon sehr ungefähr ist, denn wer oder was ist Jedenew und wer oder was ist demnach nah? Aber Präzision ist hier auch nicht unbedingt Programm."
    Ich glaube es ist offensichtlich, dass der Roman ueber das Geschehen waehrend des Krieges im polnischen Jedwabne handelt, oder?

    Mit freundlichen Gruessen,
    Adam Kucharczyk

    • AdamQ
    • 11.05.2006 um 18:09 Uhr

    Ihr Author Georg Diez schreibt in seinem Artikel ueber den Roman von Kevin Vannemann "Nahe Jedenew" folgenden Satz:
    "'Nahe Jedenew' heißt es, was schon sehr ungefähr ist, denn wer oder was ist Jedenew und wer oder was ist demnach nah? Aber Präzision ist hier auch nicht unbedingt Programm."
    Ich glaube es ist offensichtlich, dass der Roman ueber das Geschehen waehrend des Krieges im polnischen Jedwabne handelt, oder?

    Mit freundlichen Gruessen,
    Adam Kucharczyk

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  • Quelle (c) DIE ZEIT 12.01.2006 Nr.3
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  • Schlagworte Roman | Geschichte | Literatur | Polen | Schweinepest
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