Roman Die schönste traurige GeschichteSeite 3/3

Es ist zumindest anders und neu im Ton, auf eine Art anders, die nicht trotzig ist, sondern selbstsicher – was Vennemann im Vagen lässt, das sind nicht die Ereignisse, das ist nicht der Moment oder das Motiv, wie aus Nachbarn Feinde werden. Es ist ein Misstrauen, das viele Jahrhunderte alt ist und nur einen Anlass braucht, einen Verdacht. So einfach ist das, so beunruhigend, es reicht schon, dass jemand denkt, der jüdische Tierarzt würde die Schweine in der Gegend notschlachten im Auftrag und zum Gewinn der anderen: »Er sagt: Du bekommst dein Geld schon noch, nächsten Monat. Ich nicke, sagt Vater, ich nicke und sage so etwas wie gut, in Ordnung, sehr gut, freut mich, ich bin froh, daß ich von dem Thema wegkomme, und sehe zu Marian, der sich auf einen anderen Platz setzt, der Pfütze gegenüber, Krystosczyk sagt: Ihr schlachtet in letzter Zeit erstaunlich viele Schweine für die Russen, essend, trinkend antworten wir: Die Schweinepest, Krystowczyk, und: Nicht für die Russen, Krystowczyk, und: Für dich, und Krystosczyk sagt: Die Schweinepest also, jaja.«

Die Menschen tragen Namen, aber sie haben keine Gesichter

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Die Geschichte also ist in diesem Fall das Gegebene – was Vennemann aber tatsächlich im Vagen hält, das ist das Vorher und das Nachher, das sind die Wege, die zu diesen mörderischen Verstrickungen geführt haben, das sind die Ängste, die Innenwelten, die Abgründe seiner Figuren: Sie tragen alle Namen, aber haben keine Gesichter; sie gehen durch einen fast schon klischeehaften letzten Sommer, der aber weder leuchtet noch riecht; sie sind von einer archetypischen Künstlichkeit, die es ihnen aber trotzdem erlaubt, und das ist das Geschick Vennemanns, in der Erinnerung des Lesers wohnhaft zu werden.

Vennemann versucht also viel mit seinem ersten Roman, und auf eine sehr eigenwillige Weise gelingt ihm auch viel. Nahe Jedenew ist ein Buch, das einen einlullt, das einen bei der Hand nimmt und in die Irre führt und auf der Stelle tritt, das klar ist und direkt und sich doch nicht so leicht öffnet. Es ist auch ein Buch, das glatt ist und geschickt und einen Blick öffnet auf eine Generation, für die sich mit dem Thema deutsche Schuld keine Versteifungen, aber womöglich auch wenig Verpflichtungen verbinden. Vennemann hat der traurigen alten Weise keine neuen Einsichten hinzugefügt, aber einen neuen, eigenen Ton.

Nahe JedenewRomanKevin VennemannBelletristikBuchSuhrkamp Verlag2005Frankfurt a. M.8142
 
Leser-Kommentare
    • AdamQ
    • 11.05.2006 um 18:10 Uhr

    Ihr Author Georg Diez schreibt in seinem Artikel ueber den Roman von Kevin Vannemann "Nahe Jedenew" folgenden Satz:
    "'Nahe Jedenew' heißt es, was schon sehr ungefähr ist, denn wer oder was ist Jedenew und wer oder was ist demnach nah? Aber Präzision ist hier auch nicht unbedingt Programm."
    Ich glaube es ist offensichtlich, dass der Roman ueber das Geschehen waehrend des Krieges im polnischen Jedwabne handelt, oder?

    Mit freundlichen Gruessen,
    Adam Kucharczyk

    • AdamQ
    • 11.05.2006 um 18:09 Uhr

    Ihr Author Georg Diez schreibt in seinem Artikel ueber den Roman von Kevin Vannemann "Nahe Jedenew" folgenden Satz:
    "'Nahe Jedenew' heißt es, was schon sehr ungefähr ist, denn wer oder was ist Jedenew und wer oder was ist demnach nah? Aber Präzision ist hier auch nicht unbedingt Programm."
    Ich glaube es ist offensichtlich, dass der Roman ueber das Geschehen waehrend des Krieges im polnischen Jedwabne handelt, oder?

    Mit freundlichen Gruessen,
    Adam Kucharczyk

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  • Quelle (c) DIE ZEIT 12.01.2006 Nr.3
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  • Schlagworte Roman | Geschichte | Literatur | Polen | Schweinepest
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