Glückselig ist der von den Menschen auf Erden, der das geschaut hat: Wer nicht in die heiligen Mysterien eingeweiht wurde, wer keinen Teil daran gehabt hat, bleibt ein Toter in dumpfer Finsternis.« So priesen Homers Hymnen das Mysterium von Eleusis, den berühmtesten Zeremonienkult des alten Griechenlands. Durchschlagende Wirkung muss dieser Ritus zu Ehren der Pflanzengöttin Demeter gehabt haben. Mehrere Tage lang wurde gefeiert, geopfert und gefastet. Dann erhielten die »Initianten« Einlass ins Innere des Tempels, wo ihnen – verborgen vor neugierigen Blicken – der »Kykeon« gereicht wurde, der heilige Trank. Dieser führte offenbar zu dramatischer Erleuchtung und tiefen Einsichten. In Eleusis, so schwärmte Cicero, habe er »nicht nur den Grund erhalten, dass wir in Freude leben, sondern auch dazu, dass wir mit besserer Hoffnung sterben«. Und sein Landsmann Aelius Aristide pries die Eleusinischen Mysterien als »das Schauerlichste und das Lichteste von allem, was für Menschen göttlich« ist. Hofmann und das LSD-Molekül um 1945 BILD

Albert Hofmann ahnt, was die griechischen Zeremonienmeister verabreichten: halluzinogen wirkende Lysergsäure, extrahiert aus Mutterkorn. »Die Priester von Eleusis brauchten nur von dem in der Umgebung des Heiligtums vorkommenden Paspalum-Gras das Mutterkorn abzulesen, es zu pulverisieren und dem Kykeon zuzusetzen, um ihm bewusstseinsverändernde Potenz zu verleihen.« Der Chemiker Hofmann weiß, wovon er spricht. Schließlich hat er rund zwei Jahrtausende später aus den Alkaloiden des Mutterkorns einen Verwandten des Eleusis-Stoffes synthetisiert und damit die stärkste Bewusstseinsdroge der Neuzeit geschaffen: Lysergsäurediäthylamid, LSD.

Eigentlich war Hofmann auf der Suche nach einem Kreislauftherapeutikum. Doch was er 1943 in den Labors des Pharmakonzerns Sandoz entdeckte, brachte die ganze Welt in Schwung: LSD wurde zum Treibsatz der Hippie-Bewegung, von den Beatles besungen, den Spießern gefürchtet und der CIA heimlich benutzt; vergöttert, missbraucht, verboten. In dieser Woche soll der Stoff auf einem LSD-Symposium in Basel sein Revival erleben. Da werden sie alle noch einmal da sein, die Freunde und Förderer der Bewusstseinserweiterung: Stanislav Grof, Begründer der »transpersonalen Psychologie«, »Tripmaster« Alexander Shulgin, aus dessen Labor hunderte von psychoaktiven Substanzen hervorgingen, Sexfront- Autor Günter Amendt, Ethnopharmakologe Christian Rätsch und Bluesbarde Eric Burdon, der schon mit Jimi Hendrix auf der Bühne stand. Und alle werden sie Hofmann ihre Reverenz erweisen, wenn der Vater des LSD in dieser Woche 100 Jahre alt wird.

Bis 1971 hat der Chemiker die Abteilung Naturstoffe in den Basler Sandoz-Laboratorien geleitet. Heute wohnt er im »Paradies«, wie er sagt. Auf der Rittimatte, einer Bergwiese in den Ausläufern des Jura-Gebirges hat sich der Naturfreund ein Haus gebaut, mit Ausblick auf die Schweiz und Frankreich. Interviews gibt der 100-Jährige mittlerweile ungern, er habe in seinem Leben schon genug mit Journalisten gesprochen. Aber was Hofmann denkt und fühlt, weiß man ohnehin aus seinen zahlreichen Aufsätzen und Schriften. Pünktlich zum Jubiläumsdatum am 11. Januar erscheint noch einmal ein Sammelband, den ihm seine Bewunderer gewidmet haben: Auf dem Weg nach Eleusis heißt das Buch sinnigerweise, erschienen im Schweizer Nachtschatten-Verlag.

Dort erzählt Hofmann nicht nur vom Eleusis-Kult und von den Mutterkornalkaloiden, sondern beantwortet auch die Frage, wie er es geschafft habe, bis ins hohe Alter ohne Brille oder Hörgerät auszukommen. »Ich hatte die Gnade, offene Sinne zu behalten.« Statt sich seinen Geist in der Stadt »zu vermauern und zu verbrettern«, lausche er lieber auf die Stille der Berge und die Natur, »auf das, was uns gegeben ist«. Natürlich wollen seine Fans von dem LSD-Entdecker wissen, ob er seinen rüstigen Zustand nicht auch den Drogenerfahrungen verdanke. Doch Hofmann erweist sich ganz als Pragmatiker: Um das beantworten zu können, müsste er zwei Leben haben, »eines mit und eines ohne LSD – dann könnte man das wissenschaftlich beurteilen. So kann ich das ja nicht.«

Die Nüchternheit will so gar nicht zur ekstatischen Begeisterung vieler Drogenfreaks passen. Er sei doch nur ein »einfacher Schweizer Chemiker«, wehrt Hofmann die Huldigungen seiner Fans ab, die ihn gerne zum Moses des psychedelischen Zeitalters erklären würden. Doch dazu eignet sich der Vater von vier Kindern, der nach eigenem Bekunden nur etwa ein Dutzend Mal LSD genommen hat, schlecht. Hofmann lieferte zwar das Werkzeug zur Bewusstseinsrevolution – doch dessen massenhafte Verbreitung, wie sie der LSD-Prophet Timothy Leary propagierte, erschreckte ihn eher. »LSD ist eine außerordentlich gefährliche Substanz!«, predigte Hofmann immer wieder. Seiner ungeheuer potenten Wirkung müsse man mit Ehrfurcht begegnen. Doch solche Warnungen verhallten auf den Grateful-Dead-Konzerten, bei denen Tausende an Acid -Tests teilnahmen, ungehört.

Als »psychische Atombombe« wurde der Stoff bezeichnet, der bis zu 10000-mal so stark wie Meskalin wirkt. Mit einem einzigen Gramm LSD lassen sich bequem 20000 Menschen in einen mehrstündigen Rausch versetzen. Dass Hofmann die potente Substanz just zur selben Zeit entdeckte, als in Los Alamos die Atomkraft gezähmt wurde, ist für den Chemiker mehr als Zufall. »Man könnte auf die Vermutung kommen, diese Koinzidenz sei vom Weltgeist in Szene gesetzt worden«, glaubt der Entdecker. Doch wie in der Atomphysik gilt in der Psychopharmaka-Forschung: je stärker die Mittel, umso größer die Gefahr des Missbrauchs.

Denn LSD – das zur Dosierung auf Löschpapier oder Gelatineecken getropft wird – greift direkt den Kern unseres Menschseins an. Das Halluzinogen setzt die Filter, die das Gehirn vor Reizüberflutung schützen, außer Kraft und hebt damit die Trennung zwischen individuellem Bewusstsein und äußerer Welt auf. Hinter dieser nüchternen Beschreibung verbirgt sich ein Erfahrungsschock, der oft nahe an den Wahnsinn grenzt.