Bewusstsein Die Kernkraft der Seele
LSD-Entdecker Albert Hofmann wird 100. Er glaubt noch immer an den Nutzen der Droge
Glückselig ist der von den Menschen auf Erden, der das geschaut hat: Wer nicht in die heiligen Mysterien eingeweiht wurde, wer keinen Teil daran gehabt hat, bleibt ein Toter in dumpfer Finsternis.« So priesen Homers Hymnen das Mysterium von Eleusis, den berühmtesten Zeremonienkult des alten Griechenlands. Durchschlagende Wirkung muss dieser Ritus zu Ehren der Pflanzengöttin Demeter gehabt haben. Mehrere Tage lang wurde gefeiert, geopfert und gefastet. Dann erhielten die »Initianten« Einlass ins Innere des Tempels, wo ihnen – verborgen vor neugierigen Blicken – der »Kykeon« gereicht wurde, der heilige Trank. Dieser führte offenbar zu dramatischer Erleuchtung und tiefen Einsichten. In Eleusis, so schwärmte Cicero, habe er »nicht nur den Grund erhalten, dass wir in Freude leben, sondern auch dazu, dass wir mit besserer Hoffnung sterben«. Und sein Landsmann Aelius Aristide pries die Eleusinischen Mysterien als »das Schauerlichste und das Lichteste von allem, was für Menschen göttlich« ist.
Albert Hofmann ahnt, was die griechischen Zeremonienmeister verabreichten: halluzinogen wirkende Lysergsäure, extrahiert aus Mutterkorn. »Die Priester von Eleusis brauchten nur von dem in der Umgebung des Heiligtums vorkommenden Paspalum-Gras das Mutterkorn abzulesen, es zu pulverisieren und dem Kykeon zuzusetzen, um ihm bewusstseinsverändernde Potenz zu verleihen.« Der Chemiker Hofmann weiß, wovon er spricht. Schließlich hat er rund zwei Jahrtausende später aus den Alkaloiden des Mutterkorns einen Verwandten des Eleusis-Stoffes synthetisiert und damit die stärkste Bewusstseinsdroge der Neuzeit geschaffen: Lysergsäurediäthylamid, LSD.
Eigentlich war Hofmann auf der Suche nach einem Kreislauftherapeutikum. Doch was er 1943 in den Labors des Pharmakonzerns Sandoz entdeckte, brachte die ganze Welt in Schwung: LSD wurde zum Treibsatz der Hippie-Bewegung, von den Beatles besungen, den Spießern gefürchtet und der CIA heimlich benutzt; vergöttert, missbraucht, verboten. In dieser Woche soll der Stoff auf einem LSD-Symposium in Basel sein Revival erleben. Da werden sie alle noch einmal da sein, die Freunde und Förderer der Bewusstseinserweiterung: Stanislav Grof, Begründer der »transpersonalen Psychologie«, »Tripmaster« Alexander Shulgin, aus dessen Labor hunderte von psychoaktiven Substanzen hervorgingen, Sexfront- Autor Günter Amendt, Ethnopharmakologe Christian Rätsch und Bluesbarde Eric Burdon, der schon mit Jimi Hendrix auf der Bühne stand. Und alle werden sie Hofmann ihre Reverenz erweisen, wenn der Vater des LSD in dieser Woche 100 Jahre alt wird.
Bis 1971 hat der Chemiker die Abteilung Naturstoffe in den Basler Sandoz-Laboratorien geleitet. Heute wohnt er im »Paradies«, wie er sagt. Auf der Rittimatte, einer Bergwiese in den Ausläufern des Jura-Gebirges hat sich der Naturfreund ein Haus gebaut, mit Ausblick auf die Schweiz und Frankreich. Interviews gibt der 100-Jährige mittlerweile ungern, er habe in seinem Leben schon genug mit Journalisten gesprochen. Aber was Hofmann denkt und fühlt, weiß man ohnehin aus seinen zahlreichen Aufsätzen und Schriften. Pünktlich zum Jubiläumsdatum am 11. Januar erscheint noch einmal ein Sammelband, den ihm seine Bewunderer gewidmet haben: Auf dem Weg nach Eleusis heißt das Buch sinnigerweise, erschienen im Schweizer Nachtschatten-Verlag.
Dort erzählt Hofmann nicht nur vom Eleusis-Kult und von den Mutterkornalkaloiden, sondern beantwortet auch die Frage, wie er es geschafft habe, bis ins hohe Alter ohne Brille oder Hörgerät auszukommen. »Ich hatte die Gnade, offene Sinne zu behalten.« Statt sich seinen Geist in der Stadt »zu vermauern und zu verbrettern«, lausche er lieber auf die Stille der Berge und die Natur, »auf das, was uns gegeben ist«. Natürlich wollen seine Fans von dem LSD-Entdecker wissen, ob er seinen rüstigen Zustand nicht auch den Drogenerfahrungen verdanke. Doch Hofmann erweist sich ganz als Pragmatiker: Um das beantworten zu können, müsste er zwei Leben haben, »eines mit und eines ohne LSD – dann könnte man das wissenschaftlich beurteilen. So kann ich das ja nicht.«
Die Nüchternheit will so gar nicht zur ekstatischen Begeisterung vieler Drogenfreaks passen. Er sei doch nur ein »einfacher Schweizer Chemiker«, wehrt Hofmann die Huldigungen seiner Fans ab, die ihn gerne zum Moses des psychedelischen Zeitalters erklären würden. Doch dazu eignet sich der Vater von vier Kindern, der nach eigenem Bekunden nur etwa ein Dutzend Mal LSD genommen hat, schlecht. Hofmann lieferte zwar das Werkzeug zur Bewusstseinsrevolution – doch dessen massenhafte Verbreitung, wie sie der LSD-Prophet Timothy Leary propagierte, erschreckte ihn eher. »LSD ist eine außerordentlich gefährliche Substanz!«, predigte Hofmann immer wieder. Seiner ungeheuer potenten Wirkung müsse man mit Ehrfurcht begegnen. Doch solche Warnungen verhallten auf den Grateful-Dead-Konzerten, bei denen Tausende an Acid -Tests teilnahmen, ungehört.
Als »psychische Atombombe« wurde der Stoff bezeichnet, der bis zu 10000-mal so stark wie Meskalin wirkt. Mit einem einzigen Gramm LSD lassen sich bequem 20000 Menschen in einen mehrstündigen Rausch versetzen. Dass Hofmann die potente Substanz just zur selben Zeit entdeckte, als in Los Alamos die Atomkraft gezähmt wurde, ist für den Chemiker mehr als Zufall. »Man könnte auf die Vermutung kommen, diese Koinzidenz sei vom Weltgeist in Szene gesetzt worden«, glaubt der Entdecker. Doch wie in der Atomphysik gilt in der Psychopharmaka-Forschung: je stärker die Mittel, umso größer die Gefahr des Missbrauchs.
Denn LSD – das zur Dosierung auf Löschpapier oder Gelatineecken getropft wird – greift direkt den Kern unseres Menschseins an. Das Halluzinogen setzt die Filter, die das Gehirn vor Reizüberflutung schützen, außer Kraft und hebt damit die Trennung zwischen individuellem Bewusstsein und äußerer Welt auf. Hinter dieser nüchternen Beschreibung verbirgt sich ein Erfahrungsschock, der oft nahe an den Wahnsinn grenzt.
- Datum 30.04.2008 - 03:48 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 12.01.2006 Nr.3
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Als "Betroffene" gratuliere ich dem Autor zu dem Artikel...das ist eine wahre Würdigung unserer Zeit. Lang leben die Hippie und die 68iger!
Danke
KMM
Ich kann nur bestätigen, dass es nicht einen positiven Nutzen der Droge gibt. Die Erfahrung des Seins im eleusischen Zustand ermöglicht es der Existenz durch alle Scheinheiligkeiten und Verlogenheiten, mit der uns die sogenannte Realität zupflastert und zubrettert endlich und erlöst zu sich zu kommen.
Ein Hoch dem hochverehrten Albert Hofmann, ein dreifaches Hoch dem hundertjährigen, möge er noch dreimal hundert Jahre alt werden!
Jetzt lebt der Mann noch immer und anscheinend geistig rege und körperlich auch noch...
Es stimmt schon: LSD und andere hall. Drogen reflektieren doch nur die Person selbst mit all deren Facetten und sich ergebenden Möglichkeiten. Das zeigt sich doch auch beim Alkohol. Der eine wird feinsinnig und still, der andere agressiv und blöckend.
Aber was noch wichtiger ist, ist eben die Innenwirkung. Das was erlebt wird, bin ich, sind meine Möglichkeiten. Ob damit eine Entwicklung eines Wesens möglich ist, das stumpf und dröge ist? Ich vermute: nein. Da die Droge nur spiegelt, dient sie der Selbsterkenntnis. Und eben nicht der Selbstentwicklung. Das gilt es zu betrachten.
Und damit sind wir auch schon bei dem gesellschaftlichen Bild. Hofmann hatte Erfurcht vor den Drogen. Genau das ist der richtige Ansatz für den Umgang. Eine auf Konsum entwickelte Gesellschaft refelktiert ihre Wesen. Für diese wirken die Droge ganz sicher verheerend. Oder besser zu sagen: ich bin doch nicht blöd - also richtig verblödend.
Diese Droge speziell hat wirklich kernkraftrelevante Dimensionen und sollte regressiv den Konsumenten entzogen bleiben.
Wolf
Hofmann spricht von Wissen, HMRothe stellt eine Vermutung an. Kein Mensch kennt sich so gut mit LSD aus wie Hofmann, daher wird man ihm vertrauen können - wenn er sagt, dass die eleusischen Priester das so machen konnten, dann wird es stimmen! Vielleicht ist das Mutterkorn bei dem Paspalum-Gras ganz anders als beim Weizen, vielleicht entstehen dabei gar keine giftigen Alkaloide. Vielleicht musste man auch wirklich noch etwas beimengen, aber unterschätze die Menschen von damals nicht. Die Indios in Südamerika bspw. hatten auch herausgefunden, dass die Kokablätter nur dann ihre Wirkung voll entfalten, wenn man sie zusammen mit Kalk kaut. Um sowas zu entdecken, braucht es keine Labors.
Gegen die These, die eleusinischen Priester hätten einfach nur Mutterkorn gesammelt und einem Trank zugesetzt, muss Folgendes eingewendet werden: im Mittelalter kam es immer wieder zu massenhaften Vergiftungen durch Mutterkornbefall des Getreides, die dadurch aufgenommenen Alkaloide führten jedoch zum Krankheitsbild des Heiligen Feuers Verlust von Händen, Armen oder Beinen durch Gefäßspasmen der Extremitätenarterien. Von Halluzinationen scheint bei den Betroffenen jedoch nichts berichtet worden zu sein. Demnach müssten die Priester den Mutterkornextrakt noch gezielt behandelt haben, um die halluzinogenen Alkaloide anzureichern.
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