In seinem Versuchsbericht vom 16. April 1943 hat Hofmann dieses Erleben minutiös beschrieben. »Alles im Raum drehte sich, und die vertrauten Gegenstände und Möbelstücke nahmen groteske, meist bedrohliche Formen an. (…) Die Nachbarsfrau, die mir Milch brachte, war nicht mehr Frau R., sondern eine böse, heimtückische Hexe mit einer farbigen Fratze.« Erst nach einigen Stunden weicht der Schrecken, und Hofmann beginnt, den Rausch zu genießen. »Kaleidoskopartig sich verändernd, drangen bunte, fantastische Gebilde auf mich ein, in Kreisen und Spiralen sich öffnend und wieder schließend, in Farbfontänen zersprühend (…) Besonders merkwürdig war, wie alle akustischen Wahrnehmungen, etwa das Geräusch einer Türklinke oder eines vorbeifahrenden Autos, sich in optische Empfindungen verwandelten. Jeder Laut erzeugte ein in Form und Farbe entsprechendes, lebendig wechselndes Bild.«

Den Chemiker führten solche Erfahrungen zu einer Art Unio mystica, einem tiefen Gefühl des Einsseins mit dem Universum. »Ich erkannte, dass meine ganze Welt auf subjektivem Erleben beruht. Sie ist in mir, innen. Nicht außen – es gibt keine Farben da draußen.« In der Auflösung des Ego erfuhr Hofmann das Vertrauen »in eine höhere Macht, oder wenn Sie so wollen: in den Schöpfer.«

Ähnlich religiöse Erfahrungen machten die Schriftsteller Aldous Huxley und Ernst Jünger, die in Büchern wie Moksha oder Besuch auf Godenholm ihre Ausflüge ins Reich Fantastica schilderten. Jünger und Hofmann, die zu ihren gemeinsamen Seelenreisen im Wohnzimmer gern Mozart auflegten, hofften noch auf die heilsame Wirkung der Psychodroge. Die selige Erfahrung der Vereinigung des Ichs mit der Schöpfung, so glaubten sie, könnte die Menschheit evolutionär voranbringen.

Doch die naive Hoffnung zerstob in den sechziger Jahren. LSD macht zwar körperlich nicht süchtig wie Heroin oder Kokain, doch die Auflösung des Bewusstseins führte bei manchen zu Wahn- und Angstvorstellungen, andere stürzten sich in den Selbstmord oder trugen zeitweilige Psychosen davon. Dass Menschen wie der gläubige Christ Hofmann, der schon als Zehnjähriger mystische Naturerlebnisse hatte, unter LSD eher Einheitserfahrungen machten, ist nicht verwunderlich. Dass auch die Hell’s Angels nach LSD-Trips zu frommen Brüdern wurden, ist nicht überliefert.

Mit dem LSD-Verbot Ende der sechziger Jahre kam auch das Aus für die Forschung. Bis dahin war die Droge in großem Stil untersucht worden: Psychotherapeuten sahen sie als Werkzeug, um bei Patienten lange verdrängte Traumata an die Oberfläche des Bewusstseins zu holen; andere erprobten LSD in der Sterbebegleitung von schmerzgequälten Krebspatienten; vor allem aber stimulierte die »Mutter aller Drogen« in den fünfziger Jahren die Erforschung der Botenstoffe im Gehirn. Denn die Psychedelika sind den Neurotransmittern wie Serotonin, Noradrenalin und Dopamin nicht nur sehr ähnlich, sie entfalten auch ihre Wirkung in denselben Hirnregionen. Vor allem beeinflussen sie das limbische System, in dem Sinneseindrücke gefiltert, mit Gedächtnisinhalten abgeglichen und emotional bewertet werden – in dem das Gehirn also sein Weltbild konstruiert.

Den Psychedelika verdankt die Wissenschaft die Erkenntnis, wie stark chemische Stoffe dieses Erleben und mithin unseren Geisteszustand beeinflussen. Rund 10000 wissenschaftliche Veröffentlichungen gebe es zu LSD, hat der Psychiater Torsten Passie ermittelt. Damit sei Lysergsäurediäthylamid »das vermutlich am besten erforschte Pharmakon der Welt«. Heute allerdings lösen allein die Buchstaben LSD schon »fast phobische« Reaktionen aus, weiß Passie, der an der Medizinischen Hochschule Hannover die Wirkung von Psilocybin und Cannabis auf das Gehirn untersucht.

Eine kleine Schar Unermüdlicher würde gerndas therapeutische Potenzial der »psychoaktiven Substanzen« weiter erforschen. Der Göttinger Psychiater Michael Schlichting etwa hofft auf die Erlaubnis für einen Versuch mit Kollegen, denen er ein »Gespür für psychopathologische Zustände« vermitteln und ihr Einfühlungsvermögen in den Patienten verbessern möchte. Und in Zürich untersuchen Hirnforscher um Franz Vollenweider die Wirkung von Psychodrogen im Kernspintomografen, um mehr über das Wesen von Psychosen zu lernen. Doch bei Politikern und Ethikkommissionen sitzt die Angst vor dem zerstörerischen Potenzial der Bewusstseinsdrogen tief. Auch die Pharmaindustrie hat das Interesse an den Psychedelika verloren, deren Patente längst abgelaufen sind. Mit Substanzen wie LSD, die in extrem geringen Dosen wirken, ließe sich ohnehin kein großes Geschäft machen. (Wohl aus diesem Grund war LSD – anders als Haschisch, Kokain oder Designerdrogen – auch bei der Rauschgiftmafia nie sonderlich beliebt.)