Vogelgrippe Die Spritze für das Federvieh
Geflügel-Vakzinen gegen Vogelgrippe werden in Asien viel eingesetzt, sind aber in der EU nicht zugelassen
Der Vogel als solcher ist ein sterbliches Wesen. Er verendet an Lungenentzündung, Herzversagen oder Altersschwäche. Vögel können sogar Schnupfen bekommen und sehen dann ziemlich krank aus. Sollte künftig die Vogelgrippe zuschlagen und in Deutschland die Hühner bedrohen, ist guter Rat teuer. Die probate Sofortmaßnahme, die Keulung Tausender Tiere, vielleicht sogar von Millionen Stück Geflügel, bedeutet einen enormen wirtschaftlichen Schaden.
Dabei gibt es bereits Impfstoffe fürs Federvieh. Sie werden vor allem in China, Indonesien und Vietnam eingesetzt, um das dort seit Jahren grassierende Vogelgrippevirus H5N1 einzudämmen. In der EU sind die Vogelvakzinen nicht zugelassen. Fachleute befürchten, dass die flächendeckende Impfung von Geflügel neue Probleme nach sich zieht. Vor allem wäre im Fall einer Geflügelpest nicht mehr ohne weiteres feststellbar, ob Tiere geimpft oder tatsächlich infiziert sind. Das liegt in der Natur der Vakzinen, die aus abgetöteten Viren bestehen. Das Immunsystem der Tiere bildet verschiedene Antikörper gegen die molekularen Bestandteile der Erreger. Das geschieht auch bei einer echten Infektion. Deshalb können gängige Tests die schützende Impfantwort des Immunsystems nicht von der Verteidigung gegen eine echte Infektion unterscheiden. So würde es im Fall eines Vogelgrippeausbruchs sehr schwer, die Infektion bei geimpften Vögeln überhaupt festzustellen.
Das aber wird nötig sein. Denn die Impfung schützt die Vögel keineswegs vollständig vor dem Erreger. Die Vakzinen sind nicht gegen den Typ H5N1 gerichtet, sondern gegen zwei verwandte Vogelgrippeviren. Die Impfung erhöht lediglich die nötige infektiöse Dosis an Viren, die eine Erkrankung der Tiere auslösen kann – und senkt so die Wahrscheinlichkeit einer Infektion. Zudem lindert eine Impfung die Schwere der Symptome und den verzögerten Krankheitsverlauf, der im Fall des H5N1-Virus bei Hühnern binnen 48 Stunden zum Tode führt. Auch das kann zum Problem werden: Geimpfte und dennoch infizierte Hühner scheiden den Erreger in hoch pathogener Form aus, womöglich bevor die Krankheit erkannt ist, und gefährden damit zusätzlich die noch gesunden Bestände. Dies, so fürchten die Experten, könne zu einem fatalen Kreislauf führen, bei dem sich H5N1 dauerhaft in den Wild- und Zuchtvögeln festsetzt und nicht mehr eliminiert werden kann. Erfahrungen in Asien und Italien, wo derzeit mit einer Ausnahmegenehmigung geimpft wird, scheinen die Befürchtungen zu bestätigen. Eine Ausrottung der Seuche ist bislang misslungen.
Am sinnvollsten scheinen begrenzte Impfungen um einen Seuchenherd zu sein. Dabei würde im Umkreis von zwei Kilometern gekeult und desinfiziert und in einem weiteren Ring von zehn Kilometern geimpft, um eine Ausbreitung zu erschweren.
Auch ein neuer gentechnischer Impfstoff, den Forscher am Friedrich-Löffler-Institut für Tiergesundheit (FLI) auf der Insel Riems entwickelt haben, schürt nur begrenzte Hoffnung. Er schützt geimpfte Tiere ebenfalls nicht vollständig, auch sie bleiben weiterhin von dem Erreger bedroht. Für eine große Impfkampagne sei die Vakzine daher wohl ebenso wenig geeignet wie die konventionellen Vakzinen, sagt FLI-Sprecherin Elke Reinking. Der große gentechnische Vorteil: Geimpfte Vögel sind eindeutig und schnell von wirklich erkrankten unterscheidbar.
Derzeit verhandelt das Institut mit der Industrie über weitere Tests und die Produktion. Das kann noch dauern – »mindestens ein halbes Jahr«, sagt Elke Reinking. »Alles andere ist unrealistisch.«
- Datum 12.01.2006 - 13:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 12.01.2006 Nr.3
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