Paläontologie
Der letzte Bruder
Vor 150 Jahren wurde der Neandertaler entdeckt. Nun wird er gefeiert. Wie waren unsere Verwandten?
Ralf Schmitz erinnert sich noch genau an den Tag, an dem er den Frevel beging. An diesem Morgen im Sommer 1996 entriegelte der Vorgeschichtsforscher einen massiven Stahlschrank, zog einen der kostbarsten Kulturschätze Deutschlands heraus und befahl der Präparatorin Heike Krainitzki, das Kleinod auseinander zu sägen.
Ein »ziemlich eigenartiges Gefühl« habe ihn beschlichen, gesteht Schmitz, als sich Krainitzkis sterilisierte Goldschmiedesäge in den fossilen Neandertaler-Knochen fraß. »Das Stück ist schließlich eine Ikone der deutschen Archäologie.« Er selbst, berichtet Schmitz, habe den herausgetrennten Block in ein keimfreies Plastikröhrchen gesteckt, eigenhändig im Auto nach München gefahren und dem Molekulargenetiker Svante Pääbo zur Prüfung übergeben. Zwölf Monate später, im Juli 1997, meldete das Fachblatt Cell eine Sensation auf der Titelseite: "Neandertals not our ancestors". Nach Pääbos Erbanalyse waren die Neandertaler, jenes rätselhafte Volk europäischer Ureinwohner, nicht etwa unsere Vorfahren, sondern bestenfalls entfernte Verwandte.
Mit diesem Befund begann eine neue Ära in der Urmenschenforschung, der Aufstieg der Paläoanthropologie zu einem High-Tech-Gewerbe. In diesem Jahr, 150 Jahre nach dem ersten Fund eines Neandertaler-Fossils, sollen ihre Ergebnisse ins Rampenlicht der Öffentlichkeit gestellt werden. 2006 ist für Archäologen nicht das Jahr Mozarts oder Freuds, sondern das des Neandertalers. Der Urmensch aus der Nähe von Düsseldorf wird gleich mit drei Ausstellungen gefeiert, im Rheinischen Landesmuseum Bonn werden dazu 250 Originalfossilien aus der ganzen Welt gezeigt. Dabei präsentiert sich eine hochmoderne Disziplin. Wo einst mit Spaten, Zirkel und Pinzette zu Werke gegangen wurde, erforschen die Gelehrten heute die menschliche Evolution in Genlabors, durchleuchten die Überreste von Vormenschen in hoch auflösenden Computertomografen oder setzen Skelette virtuell zusammen.
Die Entdeckung im Jahr 1856 jedoch war ein Zufallsfund. In einem Steinbruch im Neandertal bargen Arbeiter 16 fossilierte Skelettteile, nicht ahnend, was sie da in Händen hielten. »Nach Untersuchung«, meldete die Elberfelder Zeitung am 6. September 1856, »gehörte daß Wesen zu dem Geschlechte der Flachköpfe, deren noch heute im amerikanischen Westen wohnen.« Zu klären sei, meinte das Blatt, »ob diese Gerippe einem mitteleuropäischen Urvolke oder bloß einer (mit Attila) streifenden Horde angehört haben«. Doch bald zwang der Fund die Menschheit zu einer schockierenden Erkenntnis: Offensichtlich war der Homo sapiens nur der Nachfolger früherer, primitiverer Vorfahren. Diese Einsicht kam damals, drei Jahre bevor Darwin seine Evolutionstheorie veröffentlichte, einer Revolution gleich. Erst viel später erkannten die Gelehrten, dass der bis heute als Originalfund gehandelte Knochenschatz aus dem Neandertal in Wahrheit gar nicht der erste war: Schon Jahrzehnte zuvor waren fossile Überreste von Neandertalern in Belgien und bei Gibraltar zutage gekommen. Sie wurden nicht beachtet – evolutionäre Vorfahren des Menschen galten schlicht als undenkbar. Kaum verwunderlich also, dass die deutsche Entdeckung von Beginn an heftige Kontroversen auslöste. Die Dispute sind bis heute nicht verstummt.
Hunderte von Neandertal-Funden sind in den vergangenen 150 Jahren aufgetaucht. Ihre Verbreitung zeigt vor allem eines: wie groß das über 200000 Jahre währende Reich der Neandertaler wirklich war (siehe Karte in Endlich Knochen für alle ). Auf der Iberischen Halbinsel, in Frankreich finden sich ihre Spuren, auf dem Balkan bis in das westliche Asien und den Vorderen Orient. Sonst aber türmen sich Fragen über Fragen: Wer waren diese dem heutigen Menschen schon so ähnlichen Ureinwohner? Sprachen sie schon, glaubten und liebten sie?
Warum wurden die Neandertaler von den Menschen aus Afrika hinweggefegt?
Schon ihre Herkunft ist weithin rätselhaft. Die von Svante Pääbo analysierten Gensequenzen belegen zwar, dass die Evolution von Mensch und Neandertaler bereits seit einer halben Million Jahren auf getrennten Wegen verlief. »Und einige Funde zeigen, dass es sehr frühe Formen der Neandertaler vielleicht schon vor 400000 Jahren gab«, berichtet Pääbos Kollege Jean-Jacques Hublin vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Doch die ältesten europäischen Neandertaler-Fossilien sind gerade einmal 130000 Jahre alt. Waren sie nur eine europäische Seitenlinie des Homo erectus, des ersten Hominiden, dem die Auswanderung aus der afrikanischen Heimat gelang?
Am meisten aber fasziniert die Gelehrten das finale Drama der Neandertaler: ihr Untergang vor etwa 30000 Jahren. Unbestritten ist, dass dafür die Ahnen der heutigen Europäer, die aus Afrika vorrückenden Horden des Homo sapiens , verantwortlich waren. Binnen weniger tausend Jahre verschwanden die Neandertaler von der Bühne. Mit ihnen rissen die afrikanischen Eroberer auch die letzten Nachfahren des Homo erectus in Südostasien und vermutlich auch die erst vor zwei Jahren auf der Insel Flores entdeckten zwergwüchsigen »Hobbits« ins Verderben. Der Mensch ist der einzige Überlebende der einst weit verzweigten Gattung Homo.
Doch warum scheiterten die Neandertaler? Offensichtliche Gründe sind nicht erkennbar. Ihr Hirn war groß wie das des Menschen, das Schädeldach allerdings flacher, der Hinterkopf runder. Typisch sind Überaugenwülste und das fehlende Kinn. Ihre Gestalt muss plump gewirkt haben, mit kurzen Armen und Beinen, doch die Muskelansatzstellen auf ihren Skeletten lassen auf berserkerhafte Kräfte schließen. Und Neandertaler beerdigten ihre Toten, wenn auch keine Belege für rituelle Bestattungen oder religiöse Zeremonien existieren. Wieso wurden sie, seit Jahrzehntausenden angepasst an das harsche Klima des damaligen Europas, hinweggefegt von einer Art, die im brutheißen Afrika entstanden war?
Seit Jahrzehnten suchen die Fachgelehrten nach Antworten. Denn die Umstände ihres Aussterbens, so sagt der amerikanische Anthropologe Ian Tattersall, werfe auch »neues Licht auf die Natur des Menschen«. Was das angeht, hält Tattersall eine wenig erbauliche Einsicht parat. »Der Mensch ist nicht die aggressivste Spezies auf dem Planeten«, urteilt der Kurator am American Museum of Natural History in New York, »aber die Intelligenz, mit der er seine Aggressivität einsetzt, macht ihn zum gefährlichsten Geschöpf der Evolution.« Führte die Eroberung Europas zum ersten Genozid der Geschichte?
An einen Vernichtungsfeldzug glaubt kaum ein Experte. Schon angesichts der geringen Kopfzahl beider Gruppen dürften Begegnungen zwischen Neandertalern und modernen Menschen nicht gerade an der Tagesordnung gewesen sein. »Es war sicher nicht so, dass die sich jeden Morgen im Donautal getroffen haben«, sagt Max-Planck-Forscher Hublin. »Europa war eine eher menschenleere Welt.« Wahrscheinlich erscheint ein Szenario allmählicher Verdrängung, wie es der amerikanische Anthropologe Erik Trinkaus vertritt. Demnach konkurrierten Mensch und Neandertaler um Jagdgründe, fischreiche Seen und Wohnhöhlen. Und da seien die Ureinwohner Europas ihren afrikanischen Gegnern kognitiv unterlegen gewesen, glaubt die Mehrzahl der Fachleute. Den Neandertalern habe es – trotz vergleichbaren Hirnvolumens – an »der Fähigkeit zu komplexer Sprache und abstraktem symbolischen Denken« gemangelt, behauptet der britische Paläoanthropologe Chris Stringer. »Der Neandertaler war in vielen Dingen sehr gut«, meint der Forscher vom Museum of Natural History in London, »aber er war anscheinend kein großer Erfinder.«
In der Tat zeigen die Forschungen, dass Homo sapiens in größeren, schlagkräftigeren Gruppen lebte, seine Umwelt besser nutzte, ihr mehr Nahrungskalorien abtrotzte. Die Herrschaft über Jagdreviere muss von enormer Bedeutung gewesen sein: Die Nahrung, zumindest die der Neandertaler, dürfte zu 90 Prozent aus Fleisch bestanden haben. Außerdem scheinen die Neuankömmlinge aus Afrika bereits ein weit verzweigtes Fernhandelssystem mitgebracht zu haben; auch das erleichtert das Überleben unter widrigen Bedingungen. Schon wenn die Geburtenrate der Neandertaler durch die neue Konkurrenz um nur zwei Prozent unter die der Todesfälle rutschte, wären sie ganz ohne Gewalteinwirkung der Invasoren binnen weniger Jahrhunderte von der Bildfläche verschwunden.
Aus diesen Befunden auf ein friedvolles Dahinscheiden der Vormenschen zu schließen sei allerdings verfehlt, sagt Tattersall. Angesichts der Brutalität, zu der Menschen auch heute fähig seien, »dürften Begegnungen zwischen beiden Gruppen selten fröhlich verlaufen sein«, mutmaßt der Forscher. Denn auch der Neandertaler kann kaum als Typus des »edlen Wilden« durchgehen, der sich friedfertig durch die Mittlere Steinzeit mühte. Vielmehr trafen die Invasoren aus Afrika in Europa auf versierte Totschläger. Das stellten die Zürcher Forscher Christoph Zollikofer und Marcia Ponce de León vor vier Jahren bei der erneuten Untersuchung eines Neandertaler-Schädels fest, der bereits 1979 bei St. Césaire in Frankreich zum Vorschein gekommen war. Der junge Mann muss eine Schädelfraktur erlitten haben, sein Kontrahent hatte ihm eine spitze Waffe glatt durch die Schädeldecke gerammt. Die »hohe Verletzungsgefahr durch Waffengewalt dürfte eine wichtige Rolle in der Evolution des Sozialverhaltens der Hominiden« gespielt haben, notierten die Schweizer Forscher trocken. Allerdings zeigte der Fund auch, dass damals schon Fürsorge zum Repertoire des Hominiden gehörte. Denn das Opfer überlebte, wenn auch knapp, die Knochenwunde war verheilt. Der Schwerverletzte aus St. Césaire muss gepflegt worden sein.
Die Invasoren aus Afrika trafen in Europa auf versierte Totschläger
Ob und vor allem wie lange die Neandertaler indessen Gelegenheit zum Handgemenge mit den Invasoren hatten, steht neuerdings wieder infrage. Die Indizien für eine viele Jahrtausende (von 35000 bis 29000 Jahre vor heutiger Zeit) währende Koexistenz bröckeln zusehends. Das liegt an einem nagenden Dauerproblem, das die gesamte Zunft der Paläoanthropologen mürbt: Die Altersbestimmungen der meisten Fossilien sind reichlich unzuverlässig. »Alle Datierungen, die vor 1990 durchgeführt wurden, kann man glatt vergessen«, sagt Vormenschenforscher Hublin. Eine tragende Säule der Koexistenzthese hat der US-Anthropologe Trinkaus gerade abgeräumt. Zwei Neandertaler-Fossilien aus der Vindija-Grotte in Kroatien, denen die erste Datierung ein Alter von nur 28000 und 29000 Jahren attestiert hatte, dienten als einer der wichtigen Belege für ein langes Überleben der Neandertaler in Südosteuropa. Zusammen mit britischen Kollegen unternahm Trinkaus vor wenigen Monaten eine Neubestimmung des Fundes mit dem modernsten Radiokarbon-Messverfahren. Das Ergebnis ist niederschmetternd: Die Funde sind in Wahrheit 4000 Jahre älter. Zugleich haben sich einige der als besonders alt eingestuften menschlichen Knochenfunde inzwischen als deutlich jünger erwiesen. Die Multikultiphase in der Steinzeit schrumpft.
Damit schwindet indessen auch die Wahrscheinlichkeit für menschliche Übergriffe auf die Neandertalerin – und damit ein Lieblingsdisput der Fachwelt. Angesichts der sexuellen Obsession des Homo sapiens, der einzigen Kraft, vor der die sonst so undurchdringlichen Barrieren von Rasse, Religion, Kaste und Kultur dahinschwinden, argumentiert der US-Autor James Shreeve, sei wohl anzunehmen, dass es auch zu Romanzen zwischen Angehörigen beider Arten gekommen sei. Manche meinen gar, der Neandertaler sei gar nicht ausgestorben, sondern von den Invasoren durch Vermischung einfach aufgesogen worden. Haben sie also, oder haben sie nicht? Eher nicht.
Virtuelle Rekonstruktionen des Schädelwachstums zeigen bereits bei Kleinkindern gravierende Unterschiede zwischen Mensch und Neandertaler. Erst recht entzogen Genanalysen den Mutmaßungen über gemischtrassigen Sex weithin den Boden. Inzwischen liegen Gensequenzen von einem knappen Dutzend Neandertaler-Fossilien vor. Ihre Botschaft ist ziemlich eindeutig. Zumindest im Erbgut der Mitochondrien, der Energielieferanten in den Zellen, unterscheiden sich Mensch und Neandertaler so beträchtlich, dass sie wohl verschiedenen Arten zuzurechnen sind. Angesichts der bislang bekannten Gendaten, rechneten die Schweizer Populationsgenetiker Matthias Currat und Laurent Excoffier kürzlich vor, habe es selbst in 12000 Jahren Koexistenz maximal 120 Mischlinge von Mensch und Neandertalern geben können – gleichbedeutend mit »praktisch vollständiger Sterilität zwischen Neandertal-Frauen und Homo-sapiens -Männern«. Das bedeutet nicht, dass sexuelle Abenteuer zwischen Mensch und Ureuropäern nie vorkamen. Nur – sie blieben folgenlos.
So dürften Aufstieg und Fall der Neandertaler noch lange Zeit ein Mysterium bleiben. Praktisch alle Vorstellungen zum Leben, Wesen und Aussterben der Neandertaler seien nur mehr oder minder gut begründete Spekulation, sagt der US-Forscher Trinkaus. Denn letztlich, so sein nüchternes Urteil, seien nur zwei Fakten gewiss: Vor 35000 Jahren lebten die Neandertaler noch. Und: »Sie sind alle tot.«
Am 6. August ehrt Deutschland ihr Andenken mit einer Sonderbriefmarke.
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- Datum 4.6.2008 - 12:03 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 12.01.2006 Nr.3
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Zwar wurde der erste als sowas zu sein gleich definiertet Neandertaler in 1856 gefunden, aber der erste Schädel von einem wurde schon 1848 in Spanien freigelegt. Dieses stimmt mit einer Theorie, die früher im wesentlichen auf der Alter der verschiedenen Knochenfunde gebaut hat, inhaltlich dass die ersten von diesen Brüdern von Homo sapiens erstmals zu Europa bei Gibraltar übergekommen sind. Darüber kan man in The Guardian vom 16. Januar lesen.
Tor Larsen
Tromsø, Norwegen
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