Paläontologie Endlich Knochen für alleSeite 3/3
Auch das erste Exemplar, das vor 150 Jahren in der Nähe von Düsseldorf gefunden wurde, hat Zollikofer in seinem Computerlabor bearbeitet. Die Fragmente aus dem Neandertal hat der Anthropologe mit einem Schädelfund aus La Ferrassie hinterlegt. »Die sahen sich wahrscheinlich ziemlich ähnlich«, meint Zollikofer. Wie ein Geist schwebt der französische Neandertaler durchscheinend unter dem deutschen Schädeldach und ergänzt die fehlenden Partien. Der Original-Neandertaler hat endlich ein Gesicht bekommen.
Das Bild vom Neandertaler weiter zusammensetzen – das ist auch das Ziel des Projekts »The Neanderthal Tools« (TNT). Seit zwei Jahren basteln Wissenschaftler von Universitäten und Museen in Poitiers, Zagreb, Mettmann und Brüssel zusammen mit Programmierern und Multimedia-Fachleuten an einer virtuellen Plattform, auf der sich Neandertaler-Forscher austauschen können. Im März soll die Datenbank Nespos (Neanderthal Studies Professional Online Service) auch für externe Wissenschaftler freigeschaltet werden, pünktlich zum Jubiläum.
»Der Prototyp funktioniert schon, wir haben bisher ungefähr 50 3-D-Modelle von Fossilien und Artefakten eingegeben«, sagt Flora Gröning, die das Projekt am Neanderthal Museum in Mettmann koordiniert. Zum Schluss sollen 600 Schädel, Knochen, Zähne, Werkzeuge und Schmuckstücke zugänglich sein – die größte digitale Sammlung von Neandertaler-Funden. Und sie soll weiterwachsen: Die Forscher werden neue Daten hochladen und vorhandene bearbeiten können, in ihren eigenen virtuellen Arbeitsgruppen. Gröning rechnet mit 2000 Nutzern weltweit, von etwa 200 Institutionen.
Neben den Fundstücken werden auch die Fundstätten zu besichtigen sein. Am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam bauen Programmierer aus den Daten von Anthropologen virtuelle Ausgrabungswelten. »Die Forscher können dann ihren Fundplatz in der 3-D-Landschaft lokalisieren, ihre aktuelle Perspektive abspeichern und die Kollegen zur Diskussion einladen«, erklärt Gröning.
Finanziert wird die Neandertaler-Datenbank von der Nespos Society, einem eigens gegründeten Verein. Eines der Vorstandsmitglieder ist Jean-Jacques Hublin. Der MPI-Direktor denkt bereits über neues Zubehör für seine Virtuelle Realität in Leipzig nach. »Ein mittelgroßer CT-Scanner für Kiefer wäre schon praktisch.«
- Datum 12.01.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 12.01.2006 Nr.3
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