Imperium Romanum Skrupellos wie kein anderer
Werner Dahlheims Caesar-Biografie lässt vom Heldenbild nichts übrig
Caesar fasziniert immer noch, auch wenn die Antike längst aus dem Zentrum in eine Nische des Bildungshaushaltes abgeschoben worden ist. Im 19. Jahrhundert galt er als »welthistorisches Individuum« (Hegel). Theodor Mommsen ließ seine mit einer Glorifizierung Caesars als »Demokratenkönig« enden, der zugleich die welthistorisch notwendige Umgestaltung des Imperium Romanum in Angriff genommen habe. Jacob Burckhardt pries Caesar als den »größten Sterblichen«, der wie einst Alexander im Osten nun im Westen die Zukunft der Zivilisation gesichert habe.
Im 20. Jahrhundert fielen die Urteile nüchterner aus, so in der Biografie von Matthias Gelzer, die zwischen 1921 und 1960 in sechs Auflagen erschien. Allerdings hielt Gelzer daran fest, Caesar habe über ein Programm zur Anpassung der stadtstaatlichen Verfassung Roms an die Bedingungen des Weltreichs verfügt. Gelzer wandte sich gegen Hermann Strasburger, der 1953 Caesar staatsmännische Qualitäten abgesprochen hatte. Christian Meier wiederum hat in seiner Caesar-Biografie von 1982 einerseits die These vertreten, Caesar habe aus verletzter Ehre einen Bürgerkrieg eröffnet, andererseits dargelegt, dass der spätere Alleinherrscher nicht über die Möglichkeiten einer grundlegenden Neugestaltung verfügt habe. In der Diskussion um Meiers Buch wurde erörtert, ob man nach Hitler überhaupt noch von »historischer Größe« sprechen könne – eine Debatte, die man heute selbst nur als historisch verstehen kann.
Von weltgeschichtlichen Notwendigkeiten und historischer Größe ist bei Werner Dahlheim keine Rede. Er lässt an der auf den eigenen Ruhm fixierten Handlungsmotivation Caesars ebenso wenig Zweifel wie daran, dass dieser die »Not des Staates« dramatisch verschärft, aber nicht behoben hat. Caesar erscheint – anders als bei Meier – nicht als »großer Außenseiter« der römischen Aristokratie, sondern als besonders skrupelloser Vertreter dieser herrschenden Klasse. Dahlheim beginnt mit einer Skizze der römischen Weltherrschaft im 1. Jahrhundert vor Christus, als die Provinzgouverneure »als Wildhüter ihr Amt antraten und es als Wilderer ausübten« und die Notwendigkeit, einzelnen Generalen langfristige Kommandos zu übertragen, zunehmend die inneraristokratische Gleichheit, damit die republikanische Ordnung gefährdete. Mit den Skandal- und Heldengeschichten des jungen Caesar hält er sich ebenso wenig lange auf wie mit dem Beginn von dessen politischer Karriere im Gewande eines Verfechters der Volksrechte.
Bei der Eroberung Galliens zog er eine Spur von Tod und Verderben
Die auf Caesar konzentrierte Darstellung setzt vielmehr mit dessen Konsulat 59 vor Christus ein, als er mit einer Serie von Rechtsbrüchen die Forderungen des großen Eroberers Pompeius durchsetzte, die diesem vom Senat verweigert worden waren, und sich selbst ein langjähriges Kommando verschaffte, das ihm ermöglichen sollte, aus Pompeius’ Schatten zu treten. Die in den folgenden acht Jahren von Caesar betriebene Eroberung Galliens wird als Raubzug beschrieben, der eine einzige »Spur von Tod und Verderben« gezogen hat. Caesars Erfolg konnte seine Feinde nicht von ihrem Ziel abbringen, ihn wegen seines Verhaltens als Konsul zur Rechenschaft zu ziehen. Caesar wollte deshalb aus seiner Statthalterschaft zu einem zweiten Konsulat gelangen, was für das Jahr 48 möglich war. Die Sonderregelungen, die ihm dies ohne zwischenzeitlichen Verlust seiner Immunität ermöglicht hätten, wurden aufgehoben, als sein Bündnis mit Pompeius zerbrach und dieser sich wieder auf die Seite des Senates schlug. Um seine Würde zu wahren, begann Caesar im Januar 49 mit seinem Marsch auf Rom einen Bürgerkrieg, der während der folgenden vier Jahre im ganzen Reich ausgefochten wurde.
Mit der Räumung Italiens hatte Pompeius die Strategie verfolgt, Caesar ins Leere laufen zu lassen. Caesars Übersetzen nach Griechenland war Hasard, das nur zum Erfolg führte, weil Pompeius seine senatorischen Kommandeure nicht unter Kontrolle halten konnte, deren Selbstachtung nicht zuließ, der Schlacht bei Pharsalos (August 48) auszuweichen.
Als Caesar bei der Verfolgung des geschlagenen Pompeius (der jedoch zuvor ermordet werden sollte) im ägyptischen Alexandria (und bei Kleopatra) landete, fasste er nach Dahlheim erstmals die Rolle eines neuen Alexander ins Auge, der sich mit der Eroberung des Partherreiches, des einzig verbliebenen Rivalen Roms, auch jene Legitimation verschaffen wollte, die ihm der Sieg in einem Bürgerkrieg nicht einbringen konnte. Seine Herrschaft in Rom suchte er durch die jeweils großzügige Versorgung seiner Anhänger und Begnadigung seiner Feinde zu sichern. Seine Gesetzgebung kam über ad hoc getroffene Maßnahmen nicht hinaus. Die Verachtung republikanischer Institutionen, die Anfang 44 in der Übernahme einer Diktatur auf Lebenszeit und in einem Spiel mit der Königswürde gipfelte, entfremdete schließlich auch solche Senatoren, die von Caesars Patronage profitiert hatten, sich aber nicht mit der Rolle von Befehlsempfängern abfinden konnten. Am 15. März 44 nahmen sie vor Caesars Aufbruch in den Partherkrieg die letzte Chance wahr, den »Tyrannenmord« zu vollziehen, nur dass sie sich danach so kopflos zeigten, dass es bald zu neuen Bürgerkriegen kam. An deren Ende verstand es Augustus, eine stabile Ordnung zu schaffen, aber nur, weil er sich vom Vorbild Caesars abgesetzt hatte.
- Datum 05.01.2006 - 13:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 05.01.2006 Nr.3
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren