Ein Sommertag mitten im Winter. Eine Terrasse im Schatten, ein sanfter Wind, und der Blick geht hinaus aufs Meer vor Floridas Küste. Robert Rauschenberg kommt, geschoben im Rollstuhl, nach Schlaganfällen halbseitig gelähmt. Ein wenig verhalten ist er, die Stimme tonlos. Das Gespräch soll eine Stunde dauern, doch Reden fällt ihm schwer, fern ist alles Vergangene. Dann das Essen, dann Wein, dann noch mehr Wein. Und mit einem Mal ist vieles wieder da. Plötzlich blicken seine Augen, als sei die Welt noch immer Abenteuer, vergnüglich und voll des Unentdeckten. Am Ende sprechen wir drei Stunden lang. Manchmal schweigt Rauschenberg auch, versinkt und will nicht wieder auftauchen. Doch fast immer lacht er, bübisch, in sich hinein. Als hätte er sein Künstlerleben nur gelebt, um jetzt im Alter amüsiert darauf zurückzublicken.

Robert Rauschenberg: Mr Rauterberg, wissen Sie was?

DIE ZEIT: Sagen Sie.

Rauschenberg: Wissen Sie, warum wir jetzt dieses Interview führen?

ZEIT: Sie meinen, weil Sie eigentlich keine Interviews mehr geben?

Rauschenberg: Genau. Aber Ihr Name klingt so ähnlich wie meiner. Da dachte ich, hm, das könnte doch lustig sein. Gibt ja nichts Schlimmeres als so Leute, die sich an ihre Regeln klammern. Ich setze mich ganz gern über meine Regeln hinweg, auch über Interview-Regeln. Ist doch gut, oder? Sonst säßen wir nicht hier. Wir könnten nicht über Rauschenberg und Rauterberg philosophieren.

ZEIT: Waren Sie einmal in Rauschenberg?

Rauschenberg: Sie meinen diesen kleinen Ort? Da waren wir mal vor einigen Jahren, irgendwo in der Mitte von Deutschland. Das war sonderbar, der eigene Name plötzlich so groß, als Ortsschild. BILD

ZEIT: Kommen Ihre Vorfahren von dort?

Rauschenberg: Mein Großvater kommt, so viel ich weiß, aus Berlin. Ich habe aber keine besondere Erinnerung an ihn.

ZEIT: Fühlen Sie sich denn Ihrer deutschen Herkunft verbunden?

Rauschenberg: Sollte ich? Vielleicht wär das nicht schlecht. Mehr Ernst, mehr Disziplin, ein bisschen penibler. Aber dann, diese Last der Geschichte, das würde mich lähmen. Da fühle ich mich meiner Großmutter näher. Die war Indianerin, eine Cherokee. Von ihr habe ich meine Nase, meinen Instinkt. Auch meine Ruhelosigkeit. Ich fühle mich oft als Nomade, ziemlich unverwurzelt.

ZEIT: Sie leben doch sehr sesshaft seit fast vierzig Jahren hier in Florida, auf Ihrer Insel Captiva.

Rauschenberg: Das ist mein Reservat. Hier habe ich meinen Dschungel, meine Tiere, meinen Himmel, wenn das nicht zu schmalzig klingt. Unterwegs bin ich trotzdem viel, war immer viel verreist. Na ja, und meine Beziehung zur Welt ist wohl auch nomadisch.

ZEIT: Gilt das ebenso für Ihre Kunst?

Rauschenberg: Woran denken Sie?

ZEIT: Sie haben sich nie in einer Kunstform fest eingerichtet, Sie sind immer herumgewandert zwischen Malerei, Bildhauerei, Performance.

Rauschenberg: So kann man es wohl sehen. Ich mochte mich nie festlegen. Ich mochte nie das Endgültige. Das ist doch eine kranke Idee, die Kunst müsse irgendwie ideal und schön und in sich abgeschlossen sein. Wissen Sie, jedes Bild von mir könnte auch ganz anders aussehen. Und am liebsten ist es mir, wenn Sie meine Bilder nicht als Bilder ansehen. Es sind Spielfelder. Sie sollen Lust bekommen, selbst weiterzumalen und weiterzubauen.

ZEIT: Leider ist Anfassen im Museum ja strengstens untersagt. BILD

Rauschenberg: Sie dürfen mir glauben, es fällt mir verdammt schwer, meine Bilder nicht mehr anfassen zu dürfen, sobald sie aus dem Atelier raus sind. So etwas wie ein fertiges Kunstwerk, das gibt es für mich nicht.

ZEIT: Begreifen Sie denn Ihre Kunst als Antikunst? Als Rebellion gegen die klassischen Vorstellungen vom Ewigen und Erhabenen?

Rauschenberg: Ich muss zugeben, so viel Pathos wie Barney Newman oder wie Bill de Kooning habe ich nie aufbringen können. Die waren so wahnsinnig selbstsicher, sie schwelgten in ihrer Freiheit. Mich hat der Abstrakte Expressionismus, diese ganze Kunst der fünfziger Jahre, ziemlich eingeschüchtert. Ich mochte es immer bescheidener.