energie Viel Wärme von allen Seiten
Deutschland braucht sich nicht allein auf Russland zu verlassen. Europa hat die größten Erdgasreserven der Welt in greifbarer Nähe. Wer heute Pipelines plant, hat morgen die Wahl
Man muss Wladimir Putin fast dankbar sein, dass er zu Jahresbeginn mit einigen Mythen aufgeräumt hat. Russland, das Westeuropa während des Kalten Krieges zwei Jahrzehnte ohne Unterbrechung mit Erdgas belieferte, hat zu Neujahr den Gasdruck in den Leitungen gesenkt – Richtung Ukraine und Westeuropa. Russland, das versprochen hatte, Gas nie als Waffe, nur als Ware zu benutzen, hat versucht, die demokratisch gewählte Regierung in Kiew per Gashahn fernzusteuern. Ist der größte Erdgaslieferant Europas ein unsicherer Kantonist geworden? Sprecher der Internationalen Energieagentur warnen Deutschland und Europa vor wachsender Abhängigkeit von dem Land, in dem 30 Prozent der Weltgasvorkommen liegen.
BILDAnfang kommender Woche fliegt die Bundeskanzlerin nach Moskau. Sicherlich, Angela Merkel wird die so genannte Energiepartnerschaft mit Russland überdenken müssen. Doch noch ist Deutschland von russischem Erdgas nicht abhängig. In der Kurzkrise um Gaslieferungen nach Westeuropa hatten die deutschen Versorger Reserven für mehrere Monate. Die in den siebziger Jahren angelegte Strategie, Gas aus mehreren Ländern zu beziehen, zahlt sich heute aus. Russland stellt zwar schon rund 40 Prozent der deutschen Importe. Liefert Moskau weniger, bleiben aber noch Norwegen, die Niederlande und eigene Quellen. Deshalb gibt es keinen Anlass, nun hurtig von Gas auf Kaminholz und Kaschmirdecken umzustellen. Gefragt ist hingegen eine auf Jahrzehnte hinausblickende Energiestrategie.
Denn die Reserven in der Nordsee erschöpfen sich, und gleichzeitig beginnt ein Wettlauf um die letzten großen Erdgaslager der Welt. Russland wird wichtiger, der Mittlere Osten und das Kaspische Meer werden an Bedeutung gewinnen. Die großen Energiekonzerne der Welt sind überall präsent. Die Deutschen hingegen haben sich unter Führung des Exkanzlers und künftigen Gasprom-Managers Schröder allein auf Russland kapriziert. Von »Verflechtung« war da die Rede, von »gegenseitigen Abhängigkeiten«. Diese Strategie ist von gestern. Deutschland wird nicht mehr Abhängigkeit, sondern mehr Flexibilität brauchen. Und es hat dafür alle Voraussetzungen, denn seine geografische Lage ist günstig für den Gasimport aus vielen Richtungen. Die Deutschen müssen ihren Vorteil nur erkennen und nutzen.
Erdgas gilt als Rohstoff der Zukunft. Es ist emissionsärmer als Öl, sein Transport sauberer. Zukunft, das sind die nächsten vierzig bis sechzig Jahre. Dann werden sich voraussichtlich auch die Erdgasreserven erschöpfen. Die EU produziert heute die Hälfte ihres Gases selbst, doch wird sie in fünfzehn Jahren schon drei Viertel ihres Verbrauchs einführen müssen. Andere Länder versuchen heute, von vergleichsweise schlechteren Standorten ihre künftige Energieversorgung zu sichern.
Amerika importiert seit längerem Gas aus Kanada. Doch nun wollen sich die USA auch ihren Anteil an den Gasreserven Eurasiens sichern. Gas von der russischen Halbinsel Sachalin soll künftig Kalifornien versorgen. Amerika verhandelt mit Moskau über Rohstoffe aus dem Stokman-Feld in der Barentssee, mit dem Emirat Qatar über Erdgas aus dem Persischen Golf. China und Japan konkurrieren um Gaspipelines aus Russland, sie lassen sich heute aus Indonesien und Malaysia beliefern. Für ihre künftige Versorgung wetteifern sie um Vorzugslieferungen vom Persischen Golf, auch aus dem Iran, sowie Schürfrechte in Zentralasien. Diese Regionen hat auch Indien entdeckt, zusätzlich plant das Land, Pipelines aus Myanmar zu bauen.
Im Fluidum von Öl und Gas blühen korrupte Diktaturen
Ein Problem haben alle großen Industrie- und High-Tech-Nationen. Sie müssen ihren Energiehunger in Ländern befriedigen, in denen Krieg, Aufruhr und Knechtschaft zu Hause sind. In den Staaten am Golf könnten schiitische Unruhen oder Umstürze von Fundamentalisten den Rohstoffexport behindern, in Indonesien drohen Terroranschläge, in Russland und am Kaspischen Meer sind Warlords und chronische Kriege wie in Tschetschenien oder Nagornyj-Karabach eine Gefahr auch für Rohstoffexporte. Eine westliche Politik, die Menschenrechte und Demokratie förderte, würde auch die Energieversorgung sicherer machen. Bislang blühen im Fluidum von Erdöl und Gas autoritäre Regime und korrupte Bürokratien. Norwegen ist die Ausnahme, Russland dagegen das Musterbeispiel für Fehlentwicklungen.
Die Sowjetunion war ein zuverlässiger Energielieferant. Nicht weil sie kommunistisch war, sondern weil Gasexporte für sie im Wesentlichen wirtschaftliche Bedeutung hatten. Für die Machtentfaltung nach außen hatten die Sowjets die Armee, den Warschauer Pakt und die Atomwaffen. Auch in der kurzen Phase des demokratischen Pluralismus unter Boris Jelzin waren Öl und Gas Einnahmequellen, nicht mehr. Doch mit Wladimir Putins Aufstieg 1999 meldeten sich Geopolitiker zu Wort, die – aus dem demokratischen Winterschlaf erwacht – in den Rohstoffen die neue Machtwährung Russlands erkannten und Gaslieferungen als politische Waffe empfahlen. Solche Entwicklungen interessierten bis vor kurzem nur Fachmedien wie die SWP-Zeitschriftenschau, die darauf Anfang 2003 hinwies. Jetzt, nach dem Gasstreit mit der Ukraine, weiß jeder, wie Putin daraus Politik aus einem Guss macht.
- Datum 12.01.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 12.01.2006 Nr.3
- Kommentare 6
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Hallo alle Kommentarschreiber!
@querdenker7
Dem ersten Punkt Ihrer Aufzaehlung ist Zustimmung von meiner Seite gewiss. Denn die Richtigkeit einer Aussage mit dem Argument anzuzweifeln, dass eine streitbare Person sie taetigt, ist ein bisschen duenn.
Zum Ihrem zweiten Punkt habe ich zu ergaenzen, dass, meiner Interpretation nach, der erste Kommentarautor es eben sehr genau nimmt mit der deutschen Uebersetzung von Fluessiggas (LPG) und fluessigem Erdgas (LNG). Es sehr genau zu nehmen ist bestimmt nicht per se falsch. Das erste Kommentar trifft bzgl. der Begrifflichkeiten aber auch nicht unbedingt den Kern des Artikels.
Und der Hauptgrund fuer mein Kommentar ist folgender: Ihr Tonfall ist nicht angemessen. Beleidigungen gehoeren nicht in dieses Forum, in keines eigentlich. Der Verzicht auf 'Trottel' haette Ihrem Kommentar nicht geschadet.
Schoenen Gruss
Bastian
Sehr geehrte Autor! Sachalin ist ein Insel, in anderen Sachen haben Sie noch wenig Verstand.
es wäre zu hoffen gewesen, dass es in deutschland einen anderen wesentlichen erdgas-importeuer als e.on ruhrgas geben würde. das anlandeterminal an der nordsee wäre hierfür der optimale brückenkopf gewesen - alle anderen transportwege werden schließlich von ruhrgas weitestgehend mitkontrolliert. ein starker ruhrgas-konkurrent mit einem terminal in wilhelmshaven hätte den wettbewerb in deutschland in gang bringen können - und nicht nur die möglichkeit bedeutet, sich aus russischer abhängigkeit ein stück weit zu befreien. so wird die abhängigkeit von ruhrgas weiter zementiert.
doch nicht nur der wettbewerbseffekt ist in dem artikel etwas kurz gekommen. er enthält leider einen bösen fehler: denn es ist ja kein flüssiggas-terminal geplant, sondern ein LNG-terminal. in wilhelmshaven sollen die möglichkeiten geschaffen werden, Liquified Natural Gas - oder auf deutsch "verflüssigtes erdgas" - anzulanden. auch wenn es noch in der deutschen energiewirtschaft kaum denkbar ist: LNG wird wohl die zukunftsform des erdgases sein. denn die produzenten haben mittlerweile mitbekommen, dass sie das gas an den meistbietenden verkaufen können, wenn es wie öl mit tankschiffen transportiert wird. die enge bindung an einzelne abnehmer durch teure pipelines gehört damit der vergangenheit an. flüssiggas (in der fachwelt LPG, Liqufied Petrol Gas) ist dagegen ein abfallstoff der mineralöl-erzeugung.
jens voshage
Vielen Dank für die frewundliche Anregung. Sie haben vollkommen recht mit ihren Hinweis bezüglich meines 'Trottels'. Ich bin auch nur ein Mensch und mir ist bei dieser Spitzfindigkeit einfach die Hutschnur hochgegangen. Drüber hinaus darf man ja nicht vergessen das die Intzention des ersten Kommentars nicht darin lag uns über die wahre Bedeutung des Begriffes LNG zu informieren, sondern um den Autor des Artikels selbst als Trottel dazustellen. ;-)
Es ist ja fast schon eine seelische Tortur sich die Kommentare zu diesem Artikel hier durchzulesen. Anstatt sich mit dem Inhalt kritisch auseinaderzusetzen gibts nur einen Propaganda-Spezalisten, einen Besserwisser und einen der scheinbar garnichts geraft hat.
1. Ich kann an den Satz, dass im Dunstkreis von Öl und Gas korrupte Diktaturen blühen überhaupt nichts falsches finden. Nahezu alle Staaten der Nahost Region werden auf die ein oder andere Weise autokratisch oder diktatorisch regiert. Ähnliches gilt auch für Russland, so sehr das der Autor des vorherigen Kommentars nicht wahrhaben will. Um es einmal recht polemisch auszudrücken: Russland als Demokratie zu bezeichen wäre genauso großer Unsinn wie Stalin als einen Mann des Friedens darzustellen.
2. Darüber hinaus habe ich den ersten Kommentar überhaupt nicht verstanden. E.ON plant tatsächlich einen LNG-Terminal in Wilhelmshaven zu bauen. Jeder der mir nicht glauben will kann das ganz einfach auf der homepage des Konzerns unter den Pressemitteilungen nachlesen (http://www.eon.com/de/pre...). Insofern sollte man sich dann doch besser vorher richtig informieren bevor man sich selbst durch Halbwissen zum Trottel macht.
Gestern in Vogelgrippe, heute in globaler Energiewirtschaft, es ist deprimierend: manche Leute sind einfach Experten für Alles! Wobei das Thema Russen-Gas ein besonderer Aufreger zu sein scheint, wie gezielt da argumentiert wird ... ein perfekter Mix aus Drohung vor dem ewigen Feind und Einlullen (die Alternativen sind endlos!),
da kann ja so mancher Propagandaminister noch etwas lernen.
Aber, bei aller Aufregung Herr Thumann, meinen Sie nicht, daß Sie mit dem Satz "Im Dunstkreis von Öl und Gas blühen korrupte Diktaturen" der Bush-Regierung etwas sehr nahe getreten sind?
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