Kaschmir Der Konsensroman
»Shalimar der Narr«: Salman Rushdies neues Buch lässt dem Leser wenig Freiheit
Wenn Salman Rushdie nach Kaschmir blickt, und es zerreißt ihm das Herz, wer könnte sich seiner Trauer verschließen? Keine Weltgegend entspricht dem Bild des verlorenen Paradieses mehr als das Tal am Fuße des Himalayas. Seit Jahrzehnten ist es zerrissen zwischen Indien und Pakistan, endlos ereignet sich das Urtrauma der Teilung Kolonialindiens an dieser Grenze neu. Erzfeinde stehen sich hoch bewaffnet gegenüber, der Islamismus stößt hier auf die westliche Kultur und den Hinduismus. Nicht einmal die Natur scheint die Schönheit der Landschaft ertragen zu können, nicht einmal sie lässt die Menschen in Frieden leben. Mehr als 87000 Tote forderte das Erdbeben vom Oktober allein auf pakistanischer Seite, viele Kaschmiris werden in diesem Winter sterben. Zögerlich und voller Misstrauen wird die Hilfe zwischen den verfeindeten Mächten an der Line of Control organisiert. Nicht einmal das Unglück entlässt die Menschen aus ihrem Hass.
Rushdie hat seinen neuen Roman diesem fernen und in Gestalt des islamistischen Terrorismus mitten in unseren Städten tobenden Konflikt gewidmet. Kaschmir, die Welttragödie – deswegen ist dies ein gefühlsbeladenes Buch: kummervoll, zornig, ratlos, sarkastisch. Und weil die Unversöhnlichkeit zwischen fanatischen Muslimen und dem Rest der Welt einmal sein eigenes Leben bedroht hatte, ist es in Wahrheit kein Buch über, sondern geradewegs eines gegen das epidemische Elend Kaschmirs geworden, mit poetischem Heroismus ein Anklage-, Gedenk- und Beschwörungsbuch, eine Über-Dichtung, die sich mit Erfindung und Erklärung nicht zufrieden gibt, sondern hinausstrebt aus der Begrenztheit des Künstlerischen und so etwas wie die Kraft der Mythen erneuern will.
Wie kommt der Hass der Kulturen in die Welt?
Man kann »Kaschmir« sagen oder »Fatwa« oder »9/11«, denn auch das Paradies des Westens ging im Himalaya an der Line of Control verloren, selbst wenn das erst mit den Anschlägen von New York für alle sichtbar wurde. Falls es das Genre des »globalen Romans« geben sollte, Shalimar der Narr wäre ein Hauptbeispiel. Rushdies Perspektive auf die Unversöhntheit unserer Welten ist nicht die des Ästheten, des Inders oder des Briten, sondern eine Allperspektive, ostwestlich. Das macht den Reiz des Buches aus, strapaziert es aber gewaltig. Rushdie fragt: Wie kommt der Hass der Kulturen in die Welt? Doch die Menge der Geschichten, die mit dieser Frage aufgerufen werden, ist wahrhaft groß. Und diese Erzählungen sind nicht nur Geschichten von Einzelnen, sondern auch von Völkern mit tief in die Vergangenheit reichenden Gedächtnissen. Sie in ein Buch zu zwingen ist Größenwahn, aber genau damit trumpft der Poet Rushdie auf. Das ist seine Geste.
In der postmodernen, nicht mehr ganz westlichen Metropole Los Angeles der Anfang, ganz westlich: Ein Mordfall ereignet sich. Dem ehemaligen amerikanischen Botschafter in Indien wird von seinem Chauffeur die Kehle durchgeschnitten. Und wie der Westen nach 9/11 begann, die Vorgeschichte des Attentates aufzurollen, beginnt auch Rushdie, das Verbrechen nachzuerzählen, es nach Roman-Manier verstehbar zu machen, irgendwie auch verzeihbar. Bis die Geschichte aufs Neue anhebt, der Mörder sich aus dem Todestrakt befreit, um sein Rachewerk zu vollenden. Am Schluss kann es dann keine Versöhnung mehr geben, nur noch einen Showdown nach amerikanischer Manier.
Es ist die Tochter des Botschafters, die gemeinsam mit dem Leser nach und nach die ganze Wahrheit erfährt. Als India wuchs sie auf, stellt aber fest, dass ihr wirklicher Name Kashmira lautet. Der Mörder ihres Vaters ist der ehemalige Geliebte ihrer leiblichen Mutter, genannt Shalimar der Narr, ein Verbrecher aus verlorener Ehre, der inzwischen als Killer im Auftrag des islamistischen Terrors die Welt durchstreift, während ihr Vater, die Diplomatenlegende Max Ophuls, all die Jahre heimlich die Antiterrorabteilung des amerikanischen Geheimdienstes geleitet hat.
Und danach geht es mit Rushdie hinab in die kaschmirische Vorwelt, alles ab ovo. »Da war die Erde, und da waren die Planeten«, das orientalische Erzählen hebt an, süß und fern wie der Ruf der Nachtigall, bunt wie ein Teppich. Rushdie beherrscht das, er hat diese Manier in vielen seiner Romane geübt. Mythos, Allegorie, Arabeske, alles hängt mit allem zusammen, die Vollfettstufe des Erzählens, immer sind die Dinge melodramatisch, aber nicht immer berichtenswert. Rushdie kann nicht auslassen oder verkürzen, er begleitet seine Figuren nicht als Erzähler, er gluckt auf ihnen wie eine allgegenwärtige Mutter.
- Datum 05.01.2006 - 13:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 05.01.2006 Nr.3
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren