KaschmirDer Konsensroman

"Shalimar der Narr": Salman Rushdies neues Buch lässt dem Leser wenig Freiheit von Thomas E. Schmidt

Wenn Salman Rushdie nach Kaschmir blickt, und es zerreißt ihm das Herz, wer könnte sich seiner Trauer verschließen? Keine Weltgegend entspricht dem Bild des verlorenen Paradieses mehr als das Tal am Fuße des Himalayas. Seit Jahrzehnten ist es zerrissen zwischen Indien und Pakistan, endlos ereignet sich das Urtrauma der Teilung Kolonialindiens an dieser Grenze neu. Erzfeinde stehen sich hoch bewaffnet gegenüber, der Islamismus stößt hier auf die westliche Kultur und den Hinduismus. Nicht einmal die Natur scheint die Schönheit der Landschaft ertragen zu können, nicht einmal sie lässt die Menschen in Frieden leben. Mehr als 87000 Tote forderte das Erdbeben vom Oktober allein auf pakistanischer Seite, viele Kaschmiris werden in diesem Winter sterben. Zögerlich und voller Misstrauen wird die Hilfe zwischen den verfeindeten Mächten an der Line of Control organisiert. Nicht einmal das Unglück entlässt die Menschen aus ihrem Hass.

Rushdie hat seinen neuen Roman diesem fernen und in Gestalt des islamistischen Terrorismus mitten in unseren Städten tobenden Konflikt gewidmet. Kaschmir, die Welttragödie – deswegen ist dies ein gefühlsbeladenes Buch: kummervoll, zornig, ratlos, sarkastisch. Und weil die Unversöhnlichkeit zwischen fanatischen Muslimen und dem Rest der Welt einmal sein eigenes Leben bedroht hatte, ist es in Wahrheit kein Buch über, sondern geradewegs eines gegen das epidemische Elend Kaschmirs geworden, mit poetischem Heroismus ein Anklage-, Gedenk- und Beschwörungsbuch, eine Über-Dichtung, die sich mit Erfindung und Erklärung nicht zufrieden gibt, sondern hinausstrebt aus der Begrenztheit des Künstlerischen und so etwas wie die Kraft der Mythen erneuern will.

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Wie kommt der Hass der Kulturen in die Welt?

Man kann "Kaschmir" sagen oder "Fatwa" oder "9/11", denn auch das Paradies des Westens ging im Himalaya an der Line of Control verloren, selbst wenn das erst mit den Anschlägen von New York für alle sichtbar wurde. Falls es das Genre des "globalen Romans" geben sollte, Shalimar der Narr wäre ein Hauptbeispiel. Rushdies Perspektive auf die Unversöhntheit unserer Welten ist nicht die des Ästheten, des Inders oder des Briten, sondern eine Allperspektive, ostwestlich. Das macht den Reiz des Buches aus, strapaziert es aber gewaltig. Rushdie fragt: Wie kommt der Hass der Kulturen in die Welt? Doch die Menge der Geschichten, die mit dieser Frage aufgerufen werden, ist wahrhaft groß. Und diese Erzählungen sind nicht nur Geschichten von Einzelnen, sondern auch von Völkern mit tief in die Vergangenheit reichenden Gedächtnissen. Sie in ein Buch zu zwingen ist Größenwahn, aber genau damit trumpft der Poet Rushdie auf. Das ist seine Geste.

In der postmodernen, nicht mehr ganz westlichen Metropole Los Angeles der Anfang, ganz westlich: Ein Mordfall ereignet sich. Dem ehemaligen amerikanischen Botschafter in Indien wird von seinem Chauffeur die Kehle durchgeschnitten. Und wie der Westen nach 9/11 begann, die Vorgeschichte des Attentates aufzurollen, beginnt auch Rushdie, das Verbrechen nachzuerzählen, es nach Roman-Manier verstehbar zu machen, irgendwie auch verzeihbar. Bis die Geschichte aufs Neue anhebt, der Mörder sich aus dem Todestrakt befreit, um sein Rachewerk zu vollenden. Am Schluss kann es dann keine Versöhnung mehr geben, nur noch einen Showdown nach amerikanischer Manier.

Es ist die Tochter des Botschafters, die gemeinsam mit dem Leser nach und nach die ganze Wahrheit erfährt. Als India wuchs sie auf, stellt aber fest, dass ihr wirklicher Name Kashmira lautet. Der Mörder ihres Vaters ist der ehemalige Geliebte ihrer leiblichen Mutter, genannt Shalimar der Narr, ein Verbrecher aus verlorener Ehre, der inzwischen als Killer im Auftrag des islamistischen Terrors die Welt durchstreift, während ihr Vater, die Diplomatenlegende Max Ophuls, all die Jahre heimlich die Antiterrorabteilung des amerikanischen Geheimdienstes geleitet hat.

Und danach geht es mit Rushdie hinab in die kaschmirische Vorwelt, alles ab ovo. "Da war die Erde, und da waren die Planeten", das orientalische Erzählen hebt an, süß und fern wie der Ruf der Nachtigall, bunt wie ein Teppich. Rushdie beherrscht das, er hat diese Manier in vielen seiner Romane geübt. Mythos, Allegorie, Arabeske, alles hängt mit allem zusammen, die Vollfettstufe des Erzählens, immer sind die Dinge melodramatisch, aber nicht immer berichtenswert. Rushdie kann nicht auslassen oder verkürzen, er begleitet seine Figuren nicht als Erzähler, er gluckt auf ihnen wie eine allgegenwärtige Mutter.

Überkomplex erscheint das Buch durch die pinzettenhafte Auflösung der Handlung, die sorgsame Auspolsterung durch Nebenfiguren und Anekdoten. Aber dann ist man von dem simplen allegorischen Raster, das die multikulturelle Konstruktion zusammenhält, wiederum enttäuscht. Am Anfang ist das Paradies, ein Dorf in Kaschmir. Hindus und Muslime leben ohne das Wissen einer religiösen Differenz zusammen. Sie veranstalten opulente Festmahle und schauspielern dazu. Das ist ihr unschuldiges Gewerbe. Und dann geht das Paradies gleich doppelt verloren: Indien wird 1947 geteilt, die politische Paranoia entsteht, die ersten religiösen Hassprediger tauchen auf, Kaschmir wird Kampfzone. Shalimar und Boonyi sind in dieser Zeit ein junges Liebespaar, sie sind Sprösslinge einer muslimischen und einer hinduistischen Familie und somit der sichtbare Ausdruck der dörflichen Einheit. Dann tanzt Boonyi eines Tages vor dem amerikanischen Botschafter Ophuls. Er hält sie als seine Mätresse, was im schwatzhaften Indien seine Runde macht und als internationaler Skandal endet. Zurück bleibt ein Kind namens Kashmira, das bald der Mutter fortgenommen wird und als India in Europa aufwächst. Und ein von Hass zerfressener Shalimar, der auf Rache sinnt.

So werden alle Protagonisten dieser familiären Kabale zu Figuren in einem historischen Mysterienspiel. In den kaschmirischen Familien aus Padigam, südlich von Srinagar, geht das gute, dem Essen und der Fröhlichkeit gewidmete Leben unter, und das hässliche Haupt der – wie man in Indien sagt – "Jammu and Kashmir-Issue" reckt sich. Max Ophuls, gebildeter bürgerlicher Jude aus Straßburg, Held der Résistance, Flieger-Ass und früher Kämpfer für die Dritte Welt, er wird mit seiner Affäre zum Spätkolonialisten, zum Vertreter des ausbeuterischen Westens – wider Willen. Er steht für die Absurdität des islamistischen Fanatismus, der nicht das reale Paradies wiederherstellen will und auch nicht dasjenige des Korans, sondern einer falschen Version der Unschuld nachhetzt und sie mit blutigen Reinigungsritualen verwirklicht. Was schließlich Kashmira, die tapferen Amazone, endgültig zu einer Allegorie ihres Landes macht. Sie ist die zerrissene Verkörperung der kashmiriyat, jener kulturellen Idee, die das Land einst geeinigt hatte und eines Tages, wer weiß, wieder einigen wird. Und wenn sich am Schluss der Mörder im dunklen Zimmer an Kashmira heranschleicht und Kashmira mit Pfeil und Bogen als neue Artemis ihre Unschuld verteidigt, dann spricht Salman Rushdie: Man muss sich des Fanatismus entledigen, nicht durch Gegenmord, sondern durch einen mythologisch überhöhten Akt der Selbsterhaltung.

Verschachtelte Langsätze, eine gekünstelte Opernhaftigkeit

Gegen das humanitäre Engagement des Autors ist nichts zu erwidern. Shalimar der Narr ist ein für den literarischen Weltmarkt geschriebener Konsensroman, der dem Leser keine Distanzierungsmöglichkeiten lässt und mit dem enthusiasmierten Einschwingen rechnet. Ein guter Roman ist er deswegen noch nicht. Rushdies Kollege John Updike ließ sich im New Yorker etwas befremdet über die emotionale Dauererregung dieser Prosa aus, über die verschachtelten Langsätze, denen irgendwann der Atem ausgeht, die gekünstelte Opernhaftigkeit auch im Kleinen. Der Eindruck des Kolossalen legt sich übers Gelesene, weil der Leser die Geschichte nicht aus sich heraus verfolgen kann, sondern stets von der Warte der eingetretenen Katastrophe aus, dem Terrorismus und dem Elend Kaschmirs.

Dieser Eindruck entsteht auch da, wo Rushdie "cool" schreibt, also in den filmhaften, voller Anspielungen auf die Popkultur steckenden Passagen, die in Los Angeles spielen. Mag sein, dass Rushdie der Idee eines um Realität und Bitterkeit ergänzten Bollywood nachstrebt, einer mit Tragik durchschossenen orientalischen Erzählmagie. Kann sein, dass er sich auf indrajal beruft, auf indische Artistik und Illusionskunst, und damit signalisiert, dass er die westliche Trennung von Kunst und Wirklichkeit nicht anerkennen mag. Vielleicht ist das kritisch ästhetische Urteil einem solchen Vorhaben gegenüber ganz unangemessen.

Genauso bleibt aber das Spiel mit der realitätsverändernden Kraft des Erzählens auf einen westlich-liberalen Resonanzraum beschränkt. In ihm spielt die Kunst allerdings eine andere Rolle, als ein gesellschaftliches Einverständnis sichtbar zu machen, das ohnehin besteht. Im Kosmos von Shalimar dem Narren ereignen sich am Ende doch seltsam unberührt lassende Konflikte und Versöhnungen. Der globale Roman hat keinen Außenstandpunkt mehr. Die sanfte politische Utopie des magischen Erzählens muss sich der Leser hart erarbeiten. Bis er sie irgendwann glaubt.

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