Solange ich den Wirtschaftsteil einer Zeitung allenfalls aus sprachkritischem Interesse las, habe ich mich über das Fachkauderwelsch dieses Ressorts lustig gemacht. Das Vokabular der Wirtschaftssprache ist weitgehend dem Repertoire des Wetterberichts entliehen. Von "Marktaussichten" und vom "Konjunkturhimmel" ist die Rede, von einer "Aufhellung" oder "Eintrübung der Stimmung", vom "Konsumklima". BILD

Eine zweite ergiebige Quelle scheint der Terminologie der Sextherapeuten zu entspringen. "Analysten" reden von "gebremster" oder "zunehmender Kauflust", die sich im günstigen Fall bis zum "Konsumrausch" steigert, von der "Neigung" oder "Unlust" der Unternehmer zu investieren – auch Begriffe wie "Höhepunkt" oder "Abschlaffen" fehlen nicht. Nach der Wortwahl zu schließen, scheint es sich bei der Wirtschaft um einen ewig pubertierenden Patienten zu handeln, der von seinen Launen hin- und hergerissen wird.

Mit zunehmender Lektüre ist mir der Spott vergangen. Die Ökonomen der Welt sind sich nämlich darin einig, dass "die Stimmung" ein entscheidender Wirtschaftsfaktor ist.

Zwar reagiert das launische Kind namens "Stimmung" durchaus auf objektive Fakten wie etwa die aktuelle Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt, die Wachstumsrate oder einen Halbsatz des Präsidenten der amerikanischen Bundesbank. "Die Stimmung" ist bis zu einem gewissen Grade messbar. Dennoch bleibt bei solchen Berechnungen ein gewaltiger Unsicherheitsfaktor. Denn "die Stimmung" hört eben auch auf außerwirtschaftliche Ereignisse – einen Terroranschlag, einen plötzlichen Regierungswechsel, eine Flutkatastrophe. So lächerlich es scheint: Mieses Wetter an den zwei letzten Wochenenden vor Weihnachten kann die gesamte Jahresbilanz des Einzelhandels verregnen.

Hinzu kommt, dass unterschiedliche Nationen auf gleichartige Ereignisse durchaus unterschiedlich reagieren. Wie die Reaktion ausfällt, hängt von der Mentalität eines Volkes, von seinen Gewohnheiten und geschichtlichen Erfahrungen, von seinem Selbstvertrauen ab. Gesetzt den unwahrscheinlichen Fall, Amerikaner und Deutsche würden in einem Quartal exakt die gleichen Wirtschaftsdaten registrieren – sie würden keinesfalls auf die gleiche Weise darauf reagieren. Bei einem Nullwachstum wie in Deutschland würden die Amerikaner vermutlich weiterhin hemmungslos konsumieren und mit ihrer berüchtigten Bereitschaft, sich weiter zu verschulden, versehentlich die lahmende Wirtschaft ankurbeln.

Wir Deutsche neigen in einem solchen Fall, hier brauchen wir gar nichts zu vermuten, zum Sparen. Tatsächlich liegen wir derzeit mit einer Sparquote von 10,5 Prozent des Nettoeinkommens im europäischen Ländervergleich weit vorne. Dies, obwohl Deutschland nach wie vor eines der reichsten Länder ist und den dritthöchsten Sozialstandard der Welt genießt. Allein bis zum Jahre 2010 werden circa 1000 Milliarden Euro vererbt; bis Ende 2004 hatten die privaten Haushalte, höchst ungleich verteilt, das ungeheure Bruttovermögen von 10000 Milliarden Euro angesammelt. Es hat schon etwas Verzweifeltes, wenn die Regierung den schwierigen Klienten namens Konsument durch die Androhung einer erhöhten, aber aufs Jahr 2007 verschobenen Mehrwertsteuer dazu verführen möchte, sich dem Konsumrausch zu ergeben – wenigstens für ein Jahr! Ein Spaßvogel hat gesagt, die Regierung hätte mindestens eine 30prozentige Mehrwertsteuer androhen müssen, um die deutschen Schließmuskel zu lockern.

Psychologen haben dieses Ansichhalten als "Angstsparen" gedeutet. Zur Erklärung wird angeführt, dass Deutschland nach den Jahren des Hungers in der Nachkriegszeit einen kaum unterbrochenen Aufstieg erlebt hat, der zu der Illusion eines stetigen, unendlich fortsetzbaren Zuwachses einlud. Tatsächlich schien ja das Gesetz, dass dem Aufschwung irgendwann ein Abschwung folgt, lange außer Kraft gesetzt. Die Einkommensentwicklung schien den Beförderungsrichtlinien des deutschen Beamtentums zu folgen.

Aber ist damit die eigentümliche Verspätung und Unbeweglichkeit erklärt, mit der die Deutschen auf den seit langem sichtbaren wirtschaftlichen Stillstand und die zugrunde liegende Strukturkrise reagierten? Offenbar spielt ein mentaler Faktor mit, eine Art Grundstimmung. Wohl kein Berufsstand hat die Lebenseinstellung hierzulande so geprägt wie der Stand der Beamten und öffentlichen Angestellten mit seinem Grundversprechen "unkündbare Lebensstellung", unabhängig von der jeweiligen Leistung und der wirtschaftlichen Gesamtentwicklung. Kein anderes Industrieland hat denn auch einen vergleichbaren Anteil von Angehörigen dieses Berufsstands aufzuweisen. Allen hastigen Reformen nach der Pisa-Erschütterung zum Trotz wurde diese Bastion des deutschen Immobilismus und Missmuts nicht wirklich angetastet. Was nicht weiter verwunderlich ist, wenn man bedenkt, dass die "Partei" der öffentlich Dienenden, gleichgültig, wer die Wahl gewinnt, im deutschen Parlament jeweils die Mehrheit stellt.