WirtschaftWir Angstsparer

Warum wir Deutschen uns ans Geld klammern, wo wir es doch besser ausgeben sollten von Peter Schneider

Solange ich den Wirtschaftsteil einer Zeitung allenfalls aus sprachkritischem Interesse las, habe ich mich über das Fachkauderwelsch dieses Ressorts lustig gemacht. Das Vokabular der Wirtschaftssprache ist weitgehend dem Repertoire des Wetterberichts entliehen. Von "Marktaussichten" und vom "Konjunkturhimmel" ist die Rede, von einer "Aufhellung" oder "Eintrübung der Stimmung", vom "Konsumklima".

Eine zweite ergiebige Quelle scheint der Terminologie der Sextherapeuten zu entspringen. "Analysten" reden von "gebremster" oder "zunehmender Kauflust", die sich im günstigen Fall bis zum "Konsumrausch" steigert, von der "Neigung" oder "Unlust" der Unternehmer zu investieren – auch Begriffe wie "Höhepunkt" oder "Abschlaffen" fehlen nicht. Nach der Wortwahl zu schließen, scheint es sich bei der Wirtschaft um einen ewig pubertierenden Patienten zu handeln, der von seinen Launen hin- und hergerissen wird.

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Mit zunehmender Lektüre ist mir der Spott vergangen. Die Ökonomen der Welt sind sich nämlich darin einig, dass "die Stimmung" ein entscheidender Wirtschaftsfaktor ist.

Zwar reagiert das launische Kind namens "Stimmung" durchaus auf objektive Fakten wie etwa die aktuelle Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt, die Wachstumsrate oder einen Halbsatz des Präsidenten der amerikanischen Bundesbank. "Die Stimmung" ist bis zu einem gewissen Grade messbar. Dennoch bleibt bei solchen Berechnungen ein gewaltiger Unsicherheitsfaktor. Denn "die Stimmung" hört eben auch auf außerwirtschaftliche Ereignisse – einen Terroranschlag, einen plötzlichen Regierungswechsel, eine Flutkatastrophe. So lächerlich es scheint: Mieses Wetter an den zwei letzten Wochenenden vor Weihnachten kann die gesamte Jahresbilanz des Einzelhandels verregnen.

Hinzu kommt, dass unterschiedliche Nationen auf gleichartige Ereignisse durchaus unterschiedlich reagieren. Wie die Reaktion ausfällt, hängt von der Mentalität eines Volkes, von seinen Gewohnheiten und geschichtlichen Erfahrungen, von seinem Selbstvertrauen ab. Gesetzt den unwahrscheinlichen Fall, Amerikaner und Deutsche würden in einem Quartal exakt die gleichen Wirtschaftsdaten registrieren – sie würden keinesfalls auf die gleiche Weise darauf reagieren. Bei einem Nullwachstum wie in Deutschland würden die Amerikaner vermutlich weiterhin hemmungslos konsumieren und mit ihrer berüchtigten Bereitschaft, sich weiter zu verschulden, versehentlich die lahmende Wirtschaft ankurbeln.

Wir Deutsche neigen in einem solchen Fall, hier brauchen wir gar nichts zu vermuten, zum Sparen. Tatsächlich liegen wir derzeit mit einer Sparquote von 10,5 Prozent des Nettoeinkommens im europäischen Ländervergleich weit vorne. Dies, obwohl Deutschland nach wie vor eines der reichsten Länder ist und den dritthöchsten Sozialstandard der Welt genießt. Allein bis zum Jahre 2010 werden circa 1000 Milliarden Euro vererbt; bis Ende 2004 hatten die privaten Haushalte, höchst ungleich verteilt, das ungeheure Bruttovermögen von 10000 Milliarden Euro angesammelt. Es hat schon etwas Verzweifeltes, wenn die Regierung den schwierigen Klienten namens Konsument durch die Androhung einer erhöhten, aber aufs Jahr 2007 verschobenen Mehrwertsteuer dazu verführen möchte, sich dem Konsumrausch zu ergeben – wenigstens für ein Jahr! Ein Spaßvogel hat gesagt, die Regierung hätte mindestens eine 30prozentige Mehrwertsteuer androhen müssen, um die deutschen Schließmuskel zu lockern.

Psychologen haben dieses Ansichhalten als "Angstsparen" gedeutet. Zur Erklärung wird angeführt, dass Deutschland nach den Jahren des Hungers in der Nachkriegszeit einen kaum unterbrochenen Aufstieg erlebt hat, der zu der Illusion eines stetigen, unendlich fortsetzbaren Zuwachses einlud. Tatsächlich schien ja das Gesetz, dass dem Aufschwung irgendwann ein Abschwung folgt, lange außer Kraft gesetzt. Die Einkommensentwicklung schien den Beförderungsrichtlinien des deutschen Beamtentums zu folgen.

Aber ist damit die eigentümliche Verspätung und Unbeweglichkeit erklärt, mit der die Deutschen auf den seit langem sichtbaren wirtschaftlichen Stillstand und die zugrunde liegende Strukturkrise reagierten? Offenbar spielt ein mentaler Faktor mit, eine Art Grundstimmung. Wohl kein Berufsstand hat die Lebenseinstellung hierzulande so geprägt wie der Stand der Beamten und öffentlichen Angestellten mit seinem Grundversprechen "unkündbare Lebensstellung", unabhängig von der jeweiligen Leistung und der wirtschaftlichen Gesamtentwicklung. Kein anderes Industrieland hat denn auch einen vergleichbaren Anteil von Angehörigen dieses Berufsstands aufzuweisen. Allen hastigen Reformen nach der Pisa-Erschütterung zum Trotz wurde diese Bastion des deutschen Immobilismus und Missmuts nicht wirklich angetastet. Was nicht weiter verwunderlich ist, wenn man bedenkt, dass die "Partei" der öffentlich Dienenden, gleichgültig, wer die Wahl gewinnt, im deutschen Parlament jeweils die Mehrheit stellt.

Leserkommentare
  1. Durch wiederholen der selben These wird sie auch nicht wahrer. Im Ländervergleich der angeführten Tabelle liegt Deutschland an 3. Stelle - überraschend, dass in den beiden anderen großen kontinentaleuropäischen Ländern sogar noch gut 1 % mehr gespart wird. Der "durchschnittliche" Europäer dieser Tabelle spart 10,7 % seines Einkommens und da liegt der/die Deutsche mit 10,5 % sogar noch 0,2 % darunter und somit wird die Aussage, dass wir Deutschen uns ganz besonders ans Geld klammern einfach falsch.
    Mit vorzüglicher Hochachtung Ranftl

  2. 2. \N

    Als ich 1990 die Westdeutschen näher kennenlernte, hatte ich überhaupt nicht den Eindruck, es mit einem verklemmten, sich chronisch minderwertig fühlendem Volk zu tun zu haben. Ich traf sie damals bei sich zu Hause, im europäischen Ausland und auch bei uns (Sachsen). Ich empfand sie damals als arrogant (die tief verwurzelte Gewißheit im besten Land der Welt zu Hause zu sein) , äußerst selbstverliebt und sehr stolz auf ihr Land (WM in Rom). Manche waren auch nett und beinahe erdrückend herzlich. Sie liebten es laut und gesellig (besonders im Ausland), waren aber auch damals schon eher für Masse statt Klasse zu haben (zumindest kulinarisch). Die heute übliche Jammerei gab es damals nicht. Ich vermute auch die 40 Jahre zuvor nicht (war ich ja nicht dabei).
    Die heutige Stimmung hat gewiß nichts mit der Hitlerei bzw. einem grundsätzlichen Mangel an Selbstbewußtsein zu tun. Die Deutschen sind schon seit Jahren am abschmieren (wo merkt man es besser als an der Reallohnentwicklung der letzten 10 Jahre),gleichzeitig wird mit einem Sperrfeuer alles niedergemacht worauf die Menschen stolz waren (Privatvorsorge vs. Bismarcksche Krankenversicherung,Mobilität vs. Seßhaftigkeit usw.). Nein diese Depression ist nicht nur gefühlt, sie ist real und absolut begründbar. Und beim momentanen Politkasperltheater glaub ich auch nicht, daß sich so schnell was ändert. Wir müssen ja den Haushalt konsolidieren, wo käme man hin jetzt große Zukunftsinvestitionen zu tätigen. Es wird halt gekleckert..

  3. Schön, dass Sie aufgezeigt haben, was der "Wetterbericht" und die Sprache der Sextherapeuten mit dem "Kauderwelsch" in den Wirtschaftsteilen gemeinsam haben. Anglizismen der hässlichsten Art werden in diesem Bereich auch ständig benutzt.
    Trotzdem sind die offensichtlich selbst in eine Sprachfalle geraten.
    Denn, ich bitte um Entschuldigung, ein "Nullwachstum" gibt es nun wirklich nicht. Null mal null ist immer noch...

    Andere Autoren sprechen manchmal sogar von "Minuswachstum", was ja noch haarsträubender ist.

    Noch ein Tipp für die Zeit-Redaktion:
    Die Hauptstadt von Mexiko heißt Mexiko-Stadt und nicht City, denn ziemlich alle 24 Millionen Bewohner dieser Stadt sprechen kein Englisch, sondern Spanisch.
    Ja, ja die hässlichen Anglizismen wie Handy, Bodybag (für Rucksack, heißt aber Leichensack!), da könnte man endlos weiter suchen.

    herzliche Grüße

  4. Wenn einem nichts mehr einfällt, worüber man schimpfen kann, dann schimpft man über das "Volk" und möchte ihm am liebsten seine Wahlfreiheit absprechen. Zum Glück entscheiden nicht die Zeit-Autoren, was im Einkaufskorb der Menschen landet, sondern immer noch die Menschen selbst. Und wenn das Hähnchen für 1,50 € gekauft wird, das abgepackte Rinderfilet bei Plus, so ist das nicht traurig oder ein Anzeichen an kultureller Armut (welche Hochmut nimmt sich der Autor eigentlich heraus, das er denen die Kultur abspricht, die das Rinderfilet bei Plus kaufen), sondern letzten Endes die Realität, das die Prioritäten in Deutschland vielleicht weniger beim "Statussymbol" Rinderfilet, sondern vielleicht eher beim Auto oder der technischen Ausstattung liegt.

    An der hohen Sparquote ist nicht Aldi oder Lidl "schuld", im Gegenteil, durch die niedrigen Lebensmittelpreise können sich Deutsche vielleicht andere Sachen leisten, z. B. eine neue Wohneinrichtung. Anstatt einer nüchternen Analyse hat sich der Autor zu konservativem Prollen hingerissen, im Subtext regt er sich in erster Linie über den "Abschaum in den Discountern" auf. So, ich gehe jetzt zu Aldi, kaufe mir ein tiefgefrorenes Straußensteak und lasse die Kulturpessimisten und sanften Diktatoren, die mir vorschreiben wollen, wie ich meine Ausgaben zu tätigen habe, in ihrem Elfenbeinturm sitzen und schlage ihnen vor, als Ernährungsberater in Nordkorea anzuheuern...

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