Arbeitsmarkt Immer mehr ist immer wenigerSeite 4/4

Nur – welche Art von Arbeit? Die zentralen Wachstumsfaktoren – Wissenschaft und Organisation – splitten nämlich das Arbeitsangebot: Es wachsen sowohl hoch qualifizierte wie hoch spezialisierte Bereiche, es wächst aber auch der informelle Sektor – Schwarzarbeit und Reproduktion. Und dies geschieht keineswegs allein deswegen, weil diese Arbeiten vermeintlich zu teuer sind, also sich der globalen Billigkonkurrenz erwehren müssen, sondern auch weil eine ganze Reihe von Tätigkeiten nur noch als »Schattenarbeiten« ausgeführt werden können. Warum? Da sie zu den bestehenden formalisierten Konditionen keinen »Markt« finden. Dann hilft auch kein Appell an den »Kapitalisten«, er möge seiner sozialen Pflicht genügen und Arbeit schaffen. So möchte man uns nun auf das Vorbild USA einschwören, das Wachstum und »sichtbare«, besteuerte und sozialversicherte, Arbeit vermeintlich am gelungensten verbindet.

Was sind die Kosten dieses Modells? Keine Frage – hohe Defizite der sozialen Infrastruktur: unzureichende Krankenversicherung für ein Viertel der Bevölkerung, die höchste Kindersterblichkeit der Industrieländer, die höchste Analphabetenrate der Industrieländer, die höchste Schulabbrecherquote der Industrieländer, die höchste Obdachlosenquote in städtischen Ballungsgebieten der Industrieländer. Dies alles vor dem Hintergrund einer gigantischen Staatsverschuldung, die Sozialinterventionen – auch wenn man sie wollte – faktisch verhindert. Ist das ein taugliches Vorbild?

Doch auch die deutsche Staatsverschuldung ist zu hoch. Richtig, doch der deutsche Staat ist im Gegensatz zu den USA bei den eigenen Bürgern verschuldet: die Privatisierung hat gleichsam bereits stattgefunden. Hauptaufgabe müsste es also sein, die »parasitäre Arbeit«, die vom Wachstum geschaffen wurde, in die Gesellschaft zurückzuführen und den bestehenden gesellschaftlichen – nicht staatlichen – Reichtum dafür zu nutzen.

Dieser Weg ist längst von den Sozialwissenschaften vorgedacht. Es bedarf allerdings großen politischen Mutes, ihn zu verwirklichen. Der Umbau der Kooperation zwischen Wirtschaft, Gesellschaft und Staat zugunsten eines gesellschaftlichen Entscheides, dass Wachstum auch Arbeit schaffe, kann sich nicht mit Appellen an die Wirtschaft begnügen. Er muss die Konditionen ändern. Die Ecksteine eines solchen Umbaus lauten daher: Steuerentlastung von Arbeit und Investitionen in Arbeit, substanzielle Besteuerung aller wertschöpfenden Prozesse – sowohl des Konsums bei Wahrung sozialstaatlicher Grundsätze wie des »vagierenden« Kapitals –, Öffnung der Grenzen für Waren und Arbeit erst im Gleichschritt steuerlicher Globalerfassung des »flüchtigen« Kapitals, Stärkung der Staatsinterventionen zugunsten Arbeit schaffender Maßnahmen.

So hat die Bundeskanzlerin durchaus Recht, wenn sie fordert: Freiheit für Wachstum. Doch um Wachstum auf Arbeit und Staatseinnahmen zu lenken, braucht es Regulierung. Diese Balance ist die Kunst der Politik; sie hat vor allem die Freiheit der Schwachen zu sichern. Entgrenzte Wirtschaft als Surrogat von Politik überließe dieser allenfalls noch die Aufgabe, der Gesellschaft statt Arbeit mit dem Schlachtruf »Du bist Deutschland« das Nationaltrikot überzustreifen und die Nationalmannschaft imaginär zu vergrößern. Wie raunte die Kanzlerin? »Überraschen wir uns damit, was möglich ist.«

 
Leser-Kommentare
  1. In der Zeit 3/2006 war ein aufschlussreicher Artikel was den deutschen Angstsparer betrifft, hier ein Auszug:
    "Wir Deutsche neigen in einem solchen Fall, hier brauchen wir gar nichts zu vermuten, zum Sparen. Tatsächlich liegen wir derzeit mit einer Sparquote von 10,5 Prozent des Nettoeinkommens im europäischen Ländervergleich weit vorne. Dies, obwohl Deutschland nach wie vor eines der reichsten Länder ist und den dritthöchsten Sozialstandard der Welt genießt. Allein bis zum Jahre 2010 werden circa 1000 Milliarden Euro vererbt; bis Ende 2004 hatten die privaten Haushalte, höchst ungleich verteilt, das ungeheure Bruttovermögen von 10000 Milliarden Euro angesammelt."
    Angela hat in der Zeiten der Opposition alles dran getan den Leuten Angst einzujagen, wobei ältere Deutsche dies nicht brauchten weil ganz einfach die Vor und Nachkriegszeit im kollektiven Bewusstsein erhalten blieben.
    Es gibt zwei Wirtschaften, die Weltmeister-Aussenwirtschaft die frei im konkurrierenden Markt nur auf Gewinn zum Überleben und zur Befriedigung der Investoren ausgerichtete ist, diesen Wirtschaftszweig kann keine Arbeitsplätze schaffen, das muss mal klar sein.
    Dann gibt es den Innenwirtschaftszweig, das ist dann der das kleine Überflüssige produziert, das kleine liebe Geschenk, den Restaurant Ausgang, usw. Der kann Arbeitsplätze produzieren, da aber müsste Jeder mithelfen Geld zu inverstieren. Dagegen steht eine alternde Bevölkerung hauptsächlich von alten Frauen die nichts mehr brauchen und deren einzigen Libido es ist Geld zu horten und Zinsen zu kassieren.
    Es ist nun mal so dass alte Frauen begnügsamer sind als Männer und nichts mehr kaufen weil Sie durch das älter werden körperlich immer schwächer werden und keinen Mann mehr an der Seite habend sich nur noch eine Rüstung aus Goldschmieden können.
    Was Angela in Oppositionszeiten machte war an sich ein Verrat an der Arbeitskräfteschaffenden Wirtschaft, dieser Verrat wird durch die Erhöhung der Mehrwertsteuer nur noch zunehmen sowie die Schwarzarbeit die ja auch die sozialen Syteme ruiniert.
    Es kann aber durchaus über diese MWSt ein gelenkt werden wie hier in Frankreich wo der Satz für durch Handwerkerbetriebe durchgeführte Arbeiten bei 5.5% liegt, was natürlich die Schwarzarbeit uninterressanter macht. Chirac forderte dies auch für Restaurantbetriebe, Angela wiedersezte sich. Angela? Will die überhaupt dass die Leute reicher werden. In ihrer Rethorik als Pastorentochter denkt sie sowieso es wäre gut wenn kleine Leute zur Kirche gingen und auf Gott hofften.
    Reichtum kann der Staat fördern, aber er muss es wollen. Kirchen und Gewerkschaften haben etwas gemeinsam, was es den Leuten schlechter geht, was diese eher Mitglied werden. Denn geht es den Leuten gut, treten sie aus beiden Organisationen aus. Was ist jetzt die Basis der SPD und der CDU/CSU ?

  2. Immer wieder fällt mir auf, wie logisch und zugänglich die Zeitartikel (insbesondere diese, welche sich mit Wirtschaftspolitik befassen) sind. Warum in Gottes Namen ist das fuer Politiker nicht auch zugänglich und logisch? Auch fuer Politiker muesste der Ruf "mehr Freiheit wagen" gelten. Denn nur wenn der Politiker nicht schon wieder auf die nächste Wahl schielt oder einen Haufen Lobbyisten im Genick hat, kann die richtige Erneuerung Deutschlands vorangetrieben werden. Dazu bedarf es Mut beim Volk und den Regierenden.

  3. Danke für diesen Diskurs. Es ist absolut richtig, der Kunde ist König, jedoch nicht als einzelner sondern nur in der Summe, individuelle Freiheit ist ein Trugbild. Damit sollte sich jeder seiner Verantwortung bewusst werden. Als großes Problem bleibt jedoch die mangelnde philosophische Bildung die durch den völlig schwachsinnigen Wettbewerb noch verstärkt wird. Ohne Einsicht, dass das Leben mehr zu bieten hat als Konsum und Überheblichkeiten wird es kein Einlenken geben. Hierzu muss ich immer wieder auf Erich Fromm verweisen, der wie kein anderer, meinen Glauben an "das Gute im Menschen" gefestigt hat.

  4. Der Artikel erklärt die Zusammenhänge ausgezeichnet - jetzt ist der zweite Artikel nötig, der Ansätze aufzeigt, diese Mechanismen auszuhebeln, und das auf einem Niveau, das politisch vermittelbar ist.

  5. Hoffentlich liest unsere werte Frau Kanzlerin den Artikel auch!!! Bitternötig hat sie diese Nachhilfestunde auf jeden Fall!

  6. Ich stimme mit den essentiellen Aussagen des Artikels völlig überein. Als "Manager" in einem Großunternehmen höre ich ständig, dass wir "Kostenführerschaft im Wettbewerb nur durch höhere Effizienz" und den damit verbundenen Arbeitskräfte-Abbau erreichen können. Ich erlebe auch, wie Projekte für neue Produkte oder Verfahren, die Arbeitsplätze schaffen könnten, an den zu hohen Renditeanforderungen der Geschäftseinheit oder des Vorstands scheitern. Wenn sich die Regierung hier zu einer drastischen Steuervergünstigung, nämlich auf Investitionskosten, bereit finden würde, hätte das meines Erachtens einen unmittelbaren Einfluss auf die Beschäftigung und würde dazu noch den deutschen Standort im Wettbewerb mit ausländischen Produktionsstätten innerhalb der gleichen Firma stärken.
    Reparaturen können im gleichen Jahr, Investitionen jedoch nur über zehn Jahre hinweg abgeschrieben werden. Warum eigentlich ? Es könnte doch auch umgekehrt sein.
    Eine gut laufende Anlage wird keiner durch unterlassene Reparaturen verkommen lassen. Viel wichtiger wäre, das in den "fetten Jahren" auch neue Fabriken gebaut werden und ein Zuwachs an Beschäftigung stattfindet (auch wenn anfängliche 100 Arbeitsplätze der neuen Anlage in den Folgejahren systemimmanent abschmelzen).

    Zur Psychologie der Manager:
    Wenn die Kassen klingeln, wie in den beiden letzten Jahren, ist auch der Mut zu Investitionen da. Der interne Kampf um die Investitionsmittel macht dann nämlich noch Spass; in den schlechten Jahren bräuchten dieselben Manager ungleich mehr Kraft und Visionen. Und das schlimme an zehn Jahren Abschreibung ist die Vorstellung, dass die Geschäftseinheit in den mageren Jahren für ihre Risikobereitschaft, zu investieren, auch dann noch gestraft wird, wenn alle Chefs bereits gewechselt haben. Kein Vorstand will Projekte, an die nur der Einreicher glaubt, alle Projekte müssen so gestaltet sein, dass die kommenden Chefs selbst bei vollkommener Blindheit damit nur Rendite einfahren können.
    Wir befinden uns bereits in der Planwirtschaft, was die Rendite angeht. Anstelle steuerlicher Korrekturen brauchen wir schon Erschütterungen, ein "Steuerbeben". Aber wer auf der gesetzgebenden Seite hätte dazu den Mut ?

  7. 7. Wandel

    Vor 100Jahren brachen in der Landwirtschaft und an den
    Heimarbeitsplätzen
    durch viele Faktoren die Arbeitsplätze weg.
    Die"hauptschuldige" Industialisierung kompensierte den
    Wegfall. Die wachsende Industriegesellschaft begruendete
    sich auf Schaffung und Weckung von Beduerfnissen und deren
    Befriedigung.
    Nun neigt sich die Industriegesellschft in den gleichen Prozess der Landwirtschaft. Der Unterschied ist,die Land-
    wirtschaft wurde abgelöst,während sich die Industrie-
    gesellschaft selber ablöst und uns in ein Vacuum wirft.
    Falls evtl.nur noch die Dienstleistung dieses Vacuum fuellen
    kann in der Schaffung neuer Beduernisse,dann landen wir
    vielleicht doch noch in einer dauernd urlaubenden
    Gesellschaft.Doch die Antwort bleibt philsophisch klar.
    Dieser Entstehung wird nicht zugelassen!!

  8. Dieses System erklärt periodisch dass es zuviele Leute auf der Welt gibt, normalerweise produziert es dann mit Hilfe von Halbidioten einen Krieg welcher, vermitteln diese Halbidioten irgendeinem Volk als Gewinnbar !
    Das wird sicher jetzt kompliziert, denn jetzt dürfte eigentlich nur die Volksfront eingezogen werden und die Rentenkassen wären saniert. Mit in die Volksfront müssten einbezogen werden die alten Frauen, die ja auch so unprodûktiv sind.
    Das kapitalistische System stempelt ja seit es keine Grenzen mehr hat als Lebensunwert all diejenigen welche nicht mehr produzieren und nur noch Kosten verursachen.
    Diese traurige Ideologie gab es schon mal, es hiess damals noch nicht liberalisierter Markt, nicht kapitalistisches Mehrwertsystem.
    Auf jeden Fall ist es ja mal so: das System sagte mir vor 25 Jahren, denk an das Land habe Kinder! Ich bekam dann drei, musste leider jetzt zwei erschiessen weil zuviel.
    So könnte es sein, aber ich bin ja Pazifist und denke ganz einfach dass wenn das Volk erst mal die Tageschau vor dem Mauerfall sieht wird es da geschrieben sehen: Wir sind das Volk wir bleiben! Also zusammenhalten und boykottieren, alles was Milliarden an Gewinne macht und Stellen abbaut.
    Denn ulkigerweise hat Jeder die Wahl, der Kunde ist König. Der Kunde wählt was und wo produziert wird, wie Umweltbelastet es ist, wie Energieintensiv, und ob es dem Familienvater oder der jungen Mutter zu einer Stelle verholfen hat.
    Das ist das feine an diesem System, der Kunde ist König. Nur manchmal scheint mir, er weiss es nicht!

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