Mit der Wahl des Titels Die Kriegsverkäufer hat Andreas Elter den Gegenstand seines Buches treffend erfasst: Krieg als Ware, die einer guten Verpackung und attraktiver Aufmachung bedarf, um auf dem politischen Markt angenommen zu werden. Für die USA ist dieses Bild maßgeschneidert. Im 20. Jahrhundert verging keine einzige Dekade, in der amerikanische Truppen nicht irgendwo auf der Welt Krieg führten - manchmal wenige Wochen nur (wie im Lateinamerika der 1930er Jahre), bisweilen zehn Jahre am Stück (wie in Vietnam). Hinter diesen Daten gerät die skeptische, wenn nicht ablehnende Haltung breiter Teile der Öffentlichkeit oft in Vergessenheit. Wenn es nämlich so etwas wie eine postheroische Gesellschaft gibt, dann sind es die Vereinigten Staaten - ein Kollektiv, das sich an der Inszenierung des Heldenhaften ergötzt, aber einen ausgesprochenen Widerwillen an den Tag legt, eigene Opfer zu bringen oder viel Zeit in einen Waffengang zu investieren.

Wie sich dieses Spannungsverhältnis im 20. Jahrhundert entwickelte und wie es von Fall zu Fall austariert wurde, gehört zu den zentralen und gleichwohl unzureichend reflektierten Kapiteln einer Gesellschaftsgeschichte moderner Kriege. Andreas Elters informativer Überblick schlägt einen großen Bogen vom Ersten Weltkrieg bis zum gegenwärtigen Krieg gegen den Terror. Er zeigt, welcher institutionelle und propagandistische Aufwand betrieben werden musste, um die Heimatfront stabil zu halten, wie sich die politischen Instrumente im Laufe der Dekaden veränderten, wann ein Appell an den Patriotismus hinreichend war und unter welchen Bedingungen eine Politik der vorsätzlichen Lüge zum Zuge kommen musste.

Zu Recht geht es dabei über weite Strecken um die Rolle der Medien, sind sie es doch, die in der Kommunikation zwischen Staat und Gesellschaft eine Schlüsselposition besetzen. Und sind sie es doch, die in den USA sich traditionell in der Rolle der vierten Gewalt sehen und mithin in Anspruch nehmen, Wächter über das in der Verfassung verbriefte Recht auf Meinungs- und Redefreiheit zu sein. Man tut allerdings gut daran, das Verhalten der Medien nicht mit der Elle einer naiven Prinzipientreue zu messen - es gab und wird immer wieder Situationen geben, in denen kritisch abzuwägen ist, ob das Recht auf Sicherheit nicht zu einer zurückhaltenden Ausübung der Informationspflicht gemahnt. Das freilich ist nicht die Pointe in Elters Buch. Verblüffend ist vielmehr der Nachweis, wie ausgeprägt die Neigung meinungsführender Medien ist, jeden kritischen Anspruch fahren zu lassen und zum vierten Arm der Regierung zu werden - selbst in den als Blütezeit des kritischen Journalismus verklärten Jahren des Vietnamkrieges. Ihrem vorauseilenden Gehorsam und ihrer Selbstzensur ist es zu verdanken, dass die direkte Zensur von Staats wegen nur eines unter vielen und vielfach ein untergeordnetes Instrument der Meinungssteuerung blieb.

So gesehen, erscheint die seit 2001 zu beobachtende Selbstdisziplinierung und einverständige Gleichschaltung der US-Medien als weiteres Kapitel einer schier endlosen Geschichte. Mit Andreas Elter sei aber darauf verwiesen, dass historische Erklärungen nicht in jedem Fall zur Klärung des Wesentlichen beitragen. Gerade in diesem Fall ist es mit dem Hinweis auf Kontinuitäten nicht getan. Es geht um die Selbstkorrekturmechanismen eines demokratischen Systems und um die Frage, ob deren periodische Inaktivierung am Ende nicht dazu führt, die Demokratie an der Wurzel zu vergiften. Indem er diese Frage aufwirft, zeigt der Autor zugleich, worum es in der künftigen Diskussion des Verhältnisses von Krieg und Zivilgesellschaft gehen sollte.

Andreas Elter: Die Kriegsverkäufer

Geschichte der US-Propaganda 1917-2005 - Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2005 - 370 S., 13,- e