Hat Berlin nicht längst genug? Genug vom Nichts, von Öde, Leere, Brache? Ausgerechnet im Herzen der Hauptstadt soll jetzt noch eine Hundewiese entstehen, und das gleich zum Weltrekordpreis von 15 Millionen Euro. So viel kostet es, den Palast der Republik abzureißen und an seiner Stelle einen Rasen anzulegen, eine struppige Stadtwiese, die niemand will und niemand braucht. Die aber CDU und SPD an diesem Donnerstag im Bundestag unbedingt und endgültig beschließen wollen. Anders als dies die Opposition beantragt, räumen sie der Palast-Ruine keine Gnadenfrist ein. Sie verlangen Abriss – auch wenn dieser Abriss ein grotesker Unsinn wäre. Demonstranten gehen am Samstag (14.01.2006) in Berlin am Palast der Republik vorbei. Die Abriss-Gegner vom "Bündnis für den Palast" setzten ihre Protestaktionen mit einem sogenannten "Stopptag" fort. BILD

Es stimmt schon, der Palast, Relikt aus DDR-Tagen, ist ein Monster, halb verwest und finster hässlich. Aber solange nicht endgültig klar ist, was an seine Stelle treten kann, spricht alles dafür, ihn zu erhalten.

Erstens: das Geld. Selbst so, wie der Bau heute aussieht, hat er noch einen Wert von 100 Millionen Euro, eine Summe, von der man locker zwei kleinere Museen bauen könnte. Will sich der Bund tatsächlich eine solche Geldvernichtung leisten? Warum nicht den Bau stehen lassen und ihn weiternutzen für das, was auf dem Schlossplatz einst entstehen soll, das so genannte Humboldt-Forum mit barocker Schlossfassade? Ein geschickter Architekt würde es allemal hinbekommen, das alte Stahlskelett in einen Neubau einzufügen. Und könnte so dem Bund viele Millionen Euro sparen.

Zweitens: die Kultur. Wer den Palast abreißt, vernichtet auch das fulminante Theater-, Kunst- und Partyleben, das sich dort in den vergangenen zwei Jahren entwickelt hat. Fast wäre die Ruine geborsten vor lauter Aktionen und Ausstellungen, so groß waren Überschwang und Experimentierlust. Paradoxerweise entstand just in der Palast-Ruine jener Bürgersinn, von dem die Schloss-Befürworter geschwärmt hatten und den sie ganz allein für sich reklamierten.

Auch wenn natürlich nicht alles glückte, wurde der Palast doch zu einem Magneten, zum Zentrum der jungen Kultur in Deutschland, selbst von der New York Times bejubelt. Auch in den kommenden Jahren könnte dort noch vieles Unerwartete entstehen, während der Fußball-WM ließe sich in den weiten Sälen sogar ein Hallenturnier abhalten. Das wäre für Berlin in jedem Fall attraktiver, als der "Welt zu Gast bei Freunden" ausgerechnet eine staubige Abrissbaustelle zu präsentieren. Viele Touristen fragen schon heute nach dem, was die Hauptstadt von allen anderen Städten der Welt unterscheidet: nach den Zeugnissen der Teilung. Warum den Palast also jetzt platt machen?

Weil hier eine andere, eine etablierte Kultur entstehen soll, sagen die Abrissfreunde. Sie wollen das Humboldt-Forum bauen, ein eher zusammengewürfeltes Konglomerat aus ethnologischen und wissenschaftshistorischen Sammlungen und einer Stadtbücherei. Ob und wie sich so ein Museumskomplex bezahlen ließe, weiß allerdings niemand recht zu sagen, zumal das bankrotte Berlin kräftig zuschießen müsste. Gut 1,2 Milliarden Euro würde das Ganze den Steuerzahler wohl kosten, es wäre für Deutschland das teuerste Kulturhaus der Nachkriegszeit. Und das zu einer Zeit, da nicht einmal die bestehenden Theater und Museen vernünftig finanziert werden können.

Da ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass ein Neubau in absehbarer Zeit tatsächlich entsteht. Und noch unwahrscheinlicher wird es, wenn Berlins Mitte nur noch Wiese ist, weil das turbulente Palastleben vertrieben wurde. Dann gibt es überhaupt keinen dringenden Anlass mehr, über einen Neubau nachzudenken. Wer also das Humboldt-Forum will, muss den Palast erhalten.