Erst in fünf Monaten wird das Eröffnungsspiel angepfiffen, und schon machen sich die Deutschen verrückt. Der Weltmeisterschaftswahn geht so weit, dass sie schon gar nicht mehr über die eigentlich wichtige Frage diskutieren, ob Klinsmanns Mannen fit genug sind, um gegen Brasilien, England und die Niederlande zu bestehen. Vielmehr streitet man sich darum: Darf die Stiftung Warentest die Sicherheit der heimischen Fußballstadien derart plakativ infrage stellen, wie sie es getan hat? Die Antwort lautet: Sie darf. Sie sollte es sogar. BILD

In der vergangenen Woche präsentierte die Stiftung Warentest unter dem Titel Sicherheit in WM-Stadien – Viermal die rote Karte ihren Bericht zu den zwölf Veranstaltungsorten. "Erhebliche Mängel" fanden die Warentester in Berlin, Gelsenkirchen, Leipzig und Kaiserslautern, schlecht weg kamen auch die Stadien in Hamburg, Frankfurt, Dortmund und Stuttgart. Oft kritisierte die Stiftung Warentest, dass Zuschauer nicht aufs Spielfeld flüchten könnten – etwa wenn es brennt oder eine Panik ausbricht.

Prompt kassierte die Verbraucherorganisation öffentlich Prügel. Das deutsche Organisationskomitee der Fifa und die Stadionbetreiber hielten sich dabei noch zurück, hörten sich die Argumente der Warentester an und versuchten, diese zu entkräften. Politiker wie Wolfgang Bosbach jedoch, der stellvertretende Vorsitzende der Unions-Bundestagsfraktion, brandmarkten den Stadientest gleich als verkappte PR-Aktion. Franz Beckenbauer bezeichnete die Verbraucherschützer in der Bild sogar als ein "Heer der Besserwisser und Wichtigtuer, die sich über die WM profilieren wollen". Sein Ratschlag: Die Stiftung Warentest solle sich künftig auf Gesichtscreme, Olivenöl und Staubsauger beschränken. Da kenne sie sich besser aus als mit Stadien.

Es mag sein, dass die Verbraucherorganisation etwas übers Ziel hinausgeschossen ist und teilweise falsche Maßstäbe angelegt hat (so führen manche Fluchtwege in neueren Stadien ganz bewusst nach draußen und nicht mehr mitten aufs Spielfeld). Dennoch ist es falsch, die Stiftung Warentest gleich als nörgelnden Standortschädling darzustellen, der den Deutschen ihre heile Weltmeisterschaftslaune vermiesen will. Sie hat lediglich ein aktuelles und hoch emotionales Ereignis für ihre Tests gewählt. Das ist gut so – und es beweist ein Gespür für Themen, die Menschen ansprechen.

Die Lobby der Verbraucher ist im Vergleich zu den meisten politischen und unternehmerischen Gruppierungen eher schwach. Meist fehlt es ihr an millionenschweren Etats, mit denen sich Interessen durchsetzen lassen. Ihre einzige Waffe ist die Öffentlichkeit – und die ist über die Themenkombination Fußball plus Sicherheit nun mal um einiges einfacher zu erreichen als über den Ausflockungsgrad von kalt gepresstem Olivenöl. Die Stiftung Warentest macht also lediglich erfolgreich vor, wie man sich und seine Anliegen ins Gespräch bringt.

Gerade in Zeiten, in denen sich der Staat immer mehr zurückzieht, ist es wichtig, dass sich auch Verbraucherorganisationen dem Wettbewerb um Aufmerksamkeit stellen. Zwar war die Stiftung Warentest schon immer relativ unabhängig von staatlichen Zuwendungen – mehr als drei Viertel ihrer Einnahmen sind selbst erwirtschaftet, vor allem durch den Verkauf der bekannten Test- Zeitschriften. Andere Organisationen, manche Verbraucherzentrale in den Bundesländern etwa, sind finanziell noch stark vom Staat abhängig. Auf derartige Zuschüsse verzichten kann auf Dauer nur, wer die Verbraucher für sich und seine Themen begeistert. Auf dass sie auch künftig noch Zeitschriften kaufen, sich gegen Geld beraten lassen, spenden oder Mitgliedsbeiträge zahlen.

Natürlich ist dieses Interesse kommerziell, Verwerflich ist es aber nicht. Der Fußball-Weltverband Fifa arbeitet selbst mit großem Aufwand daran, die Deutschen in WM-Ekstase und den entsprechenden Kaufrausch zu versetzen (Feuilleton, Seite 43). Nach dem Motto: Perfekt ist das Fußballfest erst dann, wenn Fans klaglos mehrere hundert Euro für ein Ticket ausgeben, überteuerte Weltmeisterschafts-Bettwäsche, -Kappen, -Schals, Duschgels, -Schokoriegel und -Wasweißichnochalles kaufen und sich anschließend mit der Gewissheit die Kante geben, dieses beim offiziell lizenzierten WM-Bierlieferanten zu tun. Alles zum Wohle der Nation.